Skip to main content
main-content

29.03.2019 | Wissen macht Arzt | Nachrichten

Portrait

Lieber Landarzt-Praxis als Oberarzt-Stelle

Autor:
Daniel Burghardt

Für Landarztpraxen einen Nachfolger zu finden ist keine Selbstverständlichkeit. Doch je fruchtbarer der Boden, desto reicher die Ernte, weiß Hausarzt Volker Behnke: Er lotste einen hessischen Oberarzt aufs bayerische Land.

Hausarzt Volker Behnke, 69, hält seine Praxis in der 2000-Einwohner-Gemeinde Zeitlofs für eine der schönsten in Bayern – mindestens im Sommer, wenn vorm Gebäude die Rosen blühen. Sein designierter Nachfolger, Internist und Gastroenterologe Dr. Jens Bausch, holt weniger weit aus. „Möglicherweise die schönste in Unterfranken,“ so der 49-Jährige.

Bausch sollte es wissen, denn statt Leitender Oberarzt an einer Klinik ist er nun Sicherstellungsassistent in Behnkes Landarztpraxis. Was bewegte ihn zu dieser Entscheidung? Team, Technik, Arbeitsalltag, so die Antwort. Doch auch der Zufall spielte eine Rolle, berichteten die beiden Ärzte im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ / Springer Medizin.

In den Ruhestand hätte Behnke bereits mit 65 Jahren gehen können, das ist nun vier Jahre her. Seine Arbeit als Hausarzt, die ein „breites farbiges Spektrum“ an Behandlungsfeldern biete, hielt ihn davon ab. „Wir haben hier von Nasentropfen bis zur Fußpilzsalbe alles da“, so Behnke. Noch sehe er keinen Grund, aufzuhören, außerdem wäre die Gemeinde mit seinem Abtreten erstmals seit 150 Jahren ohne Arzt gewesen.

Praxis up to date

Dennoch beschäftigte ihn die Frage, wer ihn als Praxisbetreiber beerben könne. Die Weichen stellte 2018 eine Zugfahrt nach Berlin. „Ich kam mit einem Kollegen ins Gespräch, der eine Praxis suchte – sofort bot ich meine an“, schildert Behnke die Zufallsbegegnung. Als der Suchende zwischenzeitlich fündig geworden war, stellte dieser den Kontakt mit Bausch her.

Dem Interessenten sollte die 1984 von Behnke gegründete Praxis in der Marktgemeinde Zeitlofs, deren nördliche Gemeindegrenze Bayern und Hessen trennt, möglichst schmackhaft gemacht werden. Die Praxisräume verteilen sich auf zwei Stockwerke, neben Warteraum und zwei Sprechzimmern existieren ein Labor und ein kleiner Op für Behandlungen unter örtlicher Betäubung.

Auf maßgefertigten Schreibtischen stehen Apple iMacs, die via Bluetooth auf Diagnosesysteme wie ein Belastungs-EKG zugreifen. Sie seien „platzsparend und was fürs Auge“, sagt Behnke. Die Ausstattung ästhetisch anspruchsvoll und auf dem neuesten Stand zu halten, sei ihm gerade mit Blick auf die geplante Praxisübergabe wichtig. Ein Ultraschallgerät werde Ende März hinzukommen.

Freiheit auf dem Land

Nachfolger Bausch hat es jedoch nicht nur der Technik wegen nach Zeitlofs gezogen. Obgleich sich dem vormaligen Oberarzt an der Capio Franz von Prümmer Klinik in Bad Brückenau nach zwanzigjähriger Klinikkarriere die Chance bot, Leitender Oberarzt der Gastroenterologie in Bad Kissingen zu werden, entschied er sich für den Schritt in die Praxis.

Zum einen wegen der Möglichkeit, freier agieren zu können. Er wolle „die Medizin machen, die ich will“, und mehr Zeit für Patienten haben. Eine generationenübergreifende Arzt-Patienten-Beziehung – von den Großeltern bis zu den Enkeln – gebe es zumeist nur in ortsansässigen Hausarztpraxen, meint er.

Zum anderen war Bausch ein funktionierendes soziales Umfeld wichtig. Er habe Land und Leute ins Herz geschlossen, zudem seien viele bekannte Kollegen in der Gegend ansässig. Auch das Team habe ihn überzeugt – und umgekehrt. Derzeit sind vier Medizinische Fach-Angestellte (MFA) und eine Nicht-ärztliche Praxis-Assistentin (NäPA) in der Praxis tätig.

Weiterhin sei entscheidend gewesen, dass zwischen ihm und dem Praxisgründer die „Chemie stimmt“, so Bausch. Sozialen Faktoren hohen Stellenwert beizumessen empfehle er allen Ärztinnen und Ärzten, die vor einer Praxisübernahme stehen.

Für Geriatrie gerüstet

Für Bausch selbst führte der Weg in die Praxis über mehrere Stufen. An zwei Schnuppertage schlossen sich weitere zwei Wochen Mitarbeit an, bevor er ab November vergangenen Jahres von Behnke als Sicherstellungsassistent beschäftigt wurde. Ein solcher kann bei Praxisübergabe zum Kennenlernen des Betriebs eingesetzt werden – dies traf hier zu (s. Kasten).

Assistent zur Sicherstellung

Ein Sicherstellungsassistent verfügt über Facharztanerkennung und kann in Anstellung bei einem Vertragsarzt tätig werden, wenn der vorübergehend gehindert ist, seinen vertragsärztlichen Pflichten in vollem Umfang nachzukommen.

Gründe können sein: Erkrankung oder gesundheitliche Beeinträchtigung des Vertragsarztes; belegärztliche Tätigkeit des Vertragsarztes; Einarbeitung in den Praxisablauf wegen geplanter Praxisübergabe oder Anstellung bei einem Vertragsarzt; Erziehung eines Kindes (bis zu 36 Monate pro Kind bis vollendetem 18. Lebensjahr).

Rechtsgrundlage ist Paragraf 32 Absatz 2 bis 4 Zulassungsverordnung für Vertragsärzte (Ärzte-ZV).

„Ab 01.11.2018 zu zweit!“ ließ Praxisgründer Behnke per Zeitungsanzeigen verkünden. Das Patientenecho ist bislang positiv, es sei sogar ein leichter Zuwachs zu vermelden. Dies liege aber auch an Zuläufen durch Praxisschließungen im Umkreis, deren Zahl noch steigen könne.

Zudem rechnet Bausch mit mehr älteren, multimorbiden und immobilen Patienten. Bereits heute betreut die Zeitlofser Praxis vier Pflegeheime. Auch deshalb sieht sich der Internist mit gastroenterologischem Schwerpunkt und Zusatzqualifikationen in Notfallmedizin und Geriatrie gut in der Hausarztpraxis aufgehoben.

Rollentausch im Frühjahr

Um mit Blick auf die steigende Zahl älterer Patienten die Hausbesuche zu intensivieren, planen Behnke und Bausch, eine weitere MFA zur NäPA auszubilden. Das siebenköpfige Praxisteam wolle „allen Patienten die bestmögliche Versorgung bieten“, so Behnke. Klingt plakativ, aber der Enthusiasmus der beiden Ärzte lässt durchblicken, wie ernst es ihnen ist.

Die Zeitlofser Praxis feierte im Januar ihren 35. Geburtstag, Gründer Behnke wird dieses Jahr 70. Sein halbes Leben hat er demnach Patienten in eigener Praxis versorgt – wie lange noch, lässt er offen. Ein Termin steht: Ab Montag wird Dr. Jens Bausch die Praxis übernehmen und als hausärztlicher Internist tätig sein. Sein Sicherstellungsassistent wird dann Volker Behnke heißen – als Grundlage greift Bauschs Erziehung seiner beiden noch nicht volljährigen Kinder.

Quelle: Ärzte Zeitung

Weiterführende Themen

Neu im Fachgebiet Innere Medizin

Meistgelesene Bücher aus der Inneren Medizin

2017 | Buch

Rheumatologie aus der Praxis

Entzündliche Gelenkerkrankungen – mit Fallbeispielen

Dieses Fachbuch macht mit den wichtigsten chronisch entzündlichen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen vertraut. Anhand von über 40 instruktiven Fallbeispielen werden anschaulich diagnostisches Vorgehen, therapeutisches Ansprechen und der Verlauf …

Herausgeber:
Rudolf Puchner

2016 | Buch

Ambulant erworbene Pneumonie

Was, wann, warum – Dieses Buch bietet differenzierte Diagnostik und Therapie der ambulant erworbenen Pneumonie zur sofortigen sicheren Anwendung. Entsprechend der neuesten Studien und Leitlinien aller wichtigen Fachgesellschaften.

Herausgeber:
Santiago Ewig

Mail Icon II Newsletter

Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter Update Innere Medizin und bleiben Sie gut informiert – ganz bequem per eMail.

© Springer Medizin 

Bildnachweise