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28.03.2018 | Wissen macht Arzt | Nachrichten | Onlineartikel

Arzt sein im postfaktischen Zeitalter

Von Ärzten und Einhörnern

Autor:
Dr. Jessica Eismann-Schweimler

Wenn im Behandlungszimmer rational-wissenschaftliches Denken auf postfaktische Pseudo-Argumente trifft, stößt so mancher Mediziner an seine Grenzen. Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler kennt das aus der Praxis.

Einhörner erobern die Kinderzimmer. Ich habe drei Töchter, ich weiß das. Aber warum sind gerade Einhörner so in Mode? Ich glaube, weil sie die Wappentiere des postfaktischen Weltbildes darstellen: Es gibt sie zwar nicht, aber das ist zweitrangig, denn es sollte sie geben und es tut gut, wenn sie mit populistischem Glitzerstaub alle Wünsche erfüllen.

Ganz ehrlich, im Kinderzimmer stören mich die Einhörner nicht, schließlich ist entwicklungspsychologisch eine magische Phase auf dem Weg zum rationalen Denken durchaus normal, schon Pippi Langstrumpf hat sich die Welt so gemacht, wie sie ihr gefällt.

Schwieriger wird es, wenn ich die Einhörner im Sprechzimmer treffe: Patienten, die davon überzeugt sind, jede Form der Befindlichkeitsstörung müsse sich mit einer suboptimal eingestellten Hashimoto thyreoiditis erklären lassen, oder es stecke sicher eine dieser Nahrungsmittelunverträglichkeiten dahinter, nach dem Motto:"Ich trinke schon lange glutenfreies Wasser, nichts hilft". Meist begleitet von der Aussage: "Davon verstehen Sie nichts".

Wenn Fakten stören

Ist klar, auf meinem Schild steht auch ein Dr. med. das bedeutet, bei mir gibt es in erster Linie Schulmedizin. Die ist nicht unempathisch aber wissenschaftlich fundiert – und wen Fakten stören, der kann genau damit nichts anfangen.

Die nackten Fakten berücksichtigen die Gefühlskomponente nicht, der postfaktische Mensch empfindet wissenschaftliche Aussagen als Lüge ("auch wenn es draußen nicht kalt ist, friere ich, wenn ich aus der Sauna komme"). Für den Wissenschaftler hingegen sind nicht auf Tatsachen beruhende Aussagen, die dem Gefühl mehr Ausdruck verleihen, eine Lüge ("wenn die Umgebung zu warm ist, muss ich frieren"). Das führt potentiell zu Missverständnissen in der Kommunikation.

Ich sage den Patienten, dass die evidenzbasierte Herangehensweise in der Schulmedizin lediglich ein Instrument darstellt. Es hilft der Medizin, Vorhersagen zu treffen. Allerdings nur über große Menschengruppen, die Vorhersagekraft für den Einzelnen bleibt eingeschränkt.

Es ist zum Beispiel sehr unwahrscheinlich, dass ein Impfschaden entstehen wird, dennoch ist es für das einzelne Individuum nicht ausgeschlossen, der Patient muss ja vor jeder Impfung auch einen Aufklärungsbogen unterschreiben.

Auf tönernen Füßen

Natürlich empfehle ich meinen Patienten, sich impfen zu lassen. Dennoch, rein wissenschaftlich ist es nicht gut zu widerlegen, ob alle Erkrankungen, die dem Impfen zugeschrieben werden wie Enzephalomyelitis disseminata, Autismus, ADHS, etc. wirklich nicht durch das Impfen ausgelöst werden, denn mithilfe einer Korrelationsanalyse bleibt das Ganze unsicher, und eine Fall-Kontroll-Studie wäre ethisch überhaupt nicht vertretbar.

Allerdings ist solch ein Impfschaden sehr unwahrscheinlich und passt überhaupt nicht zu unseren bisherigen – gut belegten – Theorien.

Auf die Nachfrage, wie gefährlich das Impfen sei, antworte ich, dass ich noch nie einen Impfschaden erlebt hätte. Das ist wahr, aber statistisch betrachtet ist diese Aussage aufgrund der geringen Beobachtungszahl natürlich auf tönernen Füßen.

Weiter sage ich, ich habe aber schon Patienten erlebt, die nicht geimpft waren und schwer krank wurden und zum Beispiel an Wundstarrkrampf erkrankt sind, kein schöner Tod. Neulich antwortete mir ein Patient darauf, dass er trotzdem nicht glaube, dass es Erreger in der Erde gäbe und er sich lieber nicht impfen lasse.

Was soll ich dazu sagen? Mir reicht's, komm, Einhorn, wir gehen!

Die Autorin
Dr. Jessica Eismann-Schweimler, geb. 1979, ist Weiterbildungsassistentin in einer allgemeinmed. Praxis, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist seit 2005 Ärztin und bloggt für die "Ärzte Zeitung" / Springer Medizin über Höhen und Tiefen der Weiterbildungsabschnitte auf dem Weg zum Allgemeinmediziner sowie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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