Eine japanische Studie hat für Patienten mit „extensive disease SCLC“ mit gutem Therapieansprechen und ohne intrakranielle Metastasierung gezeigt, dass auf eine prophylaktische WBRT verzichtet werden kann, wenn eine engmaschige cMRT-basierte Überwachung erfolgt [
1]. Insofern stellt sich die Frage, ob auch beim Vorliegen von Hirnmetastasen eine stereotaktische Therapie angeboten werden kann.
Nach Durchführung der stereotaktischen Bestrahlung (1–5 Fraktionen je nach Größe und vorangegangener Resektion) erfolgten engmaschige cMRT-Verlaufskontrollen nach 4 Wochen, 6 Wochen und dann 8‑wöchentlich im ersten Jahr. Primärer Endpunkt war der „neurologische Tod“, definiert als radiologischer Progress begleitet von lebensbedrohlicher neurologischer Symptomatik ohne begleitenden systemischen Krankheitsprogress. Sekundäre Endpunkte waren u. a. das Gesamtüberleben, die Inzidenz und Zeit bis zum Auftreten neuer Hirnmetastasen, Meningeosis carcinomatosa, Salvage-Therapie, lokale Kontrolle und Strahlennekrose.
Die Daten der Studienpopulation wurden mit einer retrospektiven Population von 35 Patienten mit SCLC verglichen, die eine WBRT bei 1–6 Hirnmetastasen erhalten hatten (Dosis nicht angegeben).
Das mediane Gesamtüberleben lag bei 10,2 Monaten, dabei traten 20 neurologische Todesfälle auf (1- und 2‑Jahres-Inzidenzen: 11 und 20,3 %). Im Vergleich mit der historischen Kohorte (17,5 % bzw. 35,2 % Inzidenz nach 1 bzw. 2 Jahren) konnte die Unterlegenheit der stereotaktischen Behandlung mit einem p-Wert von 0,001 ausgeschlossen werden. Keine der untersuchten Kovariablen (Alter, Anzahl der Hirnmetastasen, Durchmesser der größten Metastase, neurologische Symptome, extrakranielle Metastasierung, vorhergehende Resektion) war mit einem erhöhten Risiko assoziiert.
61 % der Patienten entwickelten weitere Hirnmetastasen, 39 % erhielten daraufhin mindestens eine weitere stereotaktische Behandlung, 22 % eine Salvage-WBRT. 78 % der Patienten benötigten während ihres gesamten klinischen Verlaufs keine WBRT, 5 von 100 Patienten hatten eine lang andauernde, intra- und extrakranielle Tumorkontrolle. Eine leptomeningeale Aussaat trat bei 9 % der Patienten auf, und 5 % der Patienten erlitten eine symptomatische Radionekrose.
Kommentar
Kleinzellige Tumoren bleiben die wesentliche Indikation für eine WBRT, die aber zunehmend infrage gestellt wird. Eine Metaanalyse [
3] zeigte ein besseres Überleben von Patienten nach stereotaktischer Bestrahlung im Vergleich zur WBRT, allerdings nicht zur WBRT zuzüglich Boost. In der retrospektiven, multizentrischen FIRE-SCLC-Studie [
4] hatten weder die Behandlungsart (Stereotaxie vs. WBRT) noch die Anzahl der Hirnmetastasen einen signifikanten Einfluss auf das Gesamtüberleben; allerdings war die WBRT mit einer längeren Zeit bis zum intrakraniellen Progress verbunden.
Die vorliegende Phase-II-Studie bestätigt dies in einem prospektiven Setting mit einem Fokus auf das neurologische Überleben, das einen objektiveren Parameter für den Therapieerfolg der stereotaktischen Bestrahlung in diesem inhomogenen Kollektiv darstellt. Da eine wiederholte stereotaktische Behandlung bei neu aufgetretenen Hirnmetastasen sowie auch eine Salvage-WBRT als Therapieoptionen zur Verfügung stehen, erscheint der Verzicht auf eine „upfront WBRT“ bei limitierter zerebraler Metastasierung eine mögliche Therapieoption.
Eine Schwierigkeit in der praktischen Umsetzung wird es sein, die engmaschige Dünnschicht-cMRT-Nachsorge zu realisieren. Der Zugang zu cMRT-Untersuchungen ist in Deutschland regional sehr variabel, und mancherorts ist es nicht einfach, zügig eine Dünnschicht-cMRT für die Bestrahlungsplanung zu erhalten, geschweige denn Nachsorgetermine im 4‑ bis 8‑Wochen-Rhythmus. Wenn neu aufgetretene Metastasen nicht rechtzeitig behandelt werden, ist durchaus ein Überlebensnachteil zu befürchten, wie auch eine Beeinträchtigung der neurokognitiven Funktionen und der Lebensqualität, die über diejenige einer WBRT hinausgehen kann. Im Fall disseminierter Metastasierung bliebe dann nur die Salvage-WBRT – die zu vermeiden ja das ursprüngliche Ziel dieses Ansatzes war.
Ist aber eine adäquate, engmaschige cMRT-Verlaufskontrolle sichergestellt, so sollte die stereotaktische Bestrahlung einer begrenzten Anzahl von Metastasen (und mit einem begrenzten kumulativen Volumen, z. B. 15 ml analog zur JLGK0901-Studie [
5]) als weniger neurotoxische Alternative zur WBRT für Patienten in gutem Allgemeinzustand in Betracht gezogen werden. Die Patienten sind dabei über das Risiko einer geringeren intrakraniellen Tumorkontrolle und der Notwendigkeit häufiger diagnostischer Prozeduren und daraus evtl. folgender wiederholter therapeutischer Interventionen aufzuklären.
Yvonne Dzierma und Guido Hildebrandt, Rostock
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