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Stereotaktische Bestrahlung statt Ganzhirnradiatio bei 1–10 Hirnmetastasen auch bei kleinzelligem Lungenkarzinom?

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Originalpublikation

Aizer AA, Tanguturi SK, Shi DD, Catalano PJ et al (2025) Stereotactic Radiosurgery in Patients with Small Cell Lung Cancer and 1–10 Brain Metastases: A Multi-Institutional, Phase II, Prospective Clinical Trial. J Clin Oncol 43(27). https://doi.org/10.1200/JCO-25-00056

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hintergrund der Arbeit
Bei Hirnmetastasen hat sich die stereotaktische Strahlentherapie anstelle einer Ganzhirnradiatio (WBRT) zunehmend durchgesetzt, da sie mit weniger Neurotoxizität verbunden und bezüglich des Gesamtüberlebens mindestens gleichwertig ist. Aus den meisten Studien waren aber Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom (SCLC) ausgeschlossen, da man annahm, keine adäquate intrakranielle Tumorkontrolle erzielen zu können.
Eine japanische Studie hat für Patienten mit „extensive disease SCLC“ mit gutem Therapieansprechen und ohne intrakranielle Metastasierung gezeigt, dass auf eine prophylaktische WBRT verzichtet werden kann, wenn eine engmaschige cMRT-basierte Überwachung erfolgt [1]. Insofern stellt sich die Frage, ob auch beim Vorliegen von Hirnmetastasen eine stereotaktische Therapie angeboten werden kann.
Patienten und Methodik
Die vorgestellte Arbeit [2] berichtet über eine prospektive Phase-II-Studie, die vom Brigham and Women’s Hospital/Dana-Farber Cancer Institute koordiniert und in drei medizinischen Zentren durchgeführt wurde. Eingeschlossen wurden Patienten mit kleinzelligem Primarius und 1–10 Hirnmetastasen. Vorangehende Resektion und systemische Therapie waren erlaubt, nicht aber eine vorangegangene zerebrale Strahlentherapie.
Nach Durchführung der stereotaktischen Bestrahlung (1–5 Fraktionen je nach Größe und vorangegangener Resektion) erfolgten engmaschige cMRT-Verlaufskontrollen nach 4 Wochen, 6 Wochen und dann 8‑wöchentlich im ersten Jahr. Primärer Endpunkt war der „neurologische Tod“, definiert als radiologischer Progress begleitet von lebensbedrohlicher neurologischer Symptomatik ohne begleitenden systemischen Krankheitsprogress. Sekundäre Endpunkte waren u. a. das Gesamtüberleben, die Inzidenz und Zeit bis zum Auftreten neuer Hirnmetastasen, Meningeosis carcinomatosa, Salvage-Therapie, lokale Kontrolle und Strahlennekrose.
Die Daten der Studienpopulation wurden mit einer retrospektiven Population von 35 Patienten mit SCLC verglichen, die eine WBRT bei 1–6 Hirnmetastasen erhalten hatten (Dosis nicht angegeben).
Ergebnisse
100 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen, im Mittel wurden 2 Hirnmetastasen behandelt. 88 % der Patienten hatten einen KPS von 70 bis 100, und 68 % der Patienten hatten extrakranielle Metastasen.
Das mediane Gesamtüberleben lag bei 10,2 Monaten, dabei traten 20 neurologische Todesfälle auf (1- und 2‑Jahres-Inzidenzen: 11 und 20,3 %). Im Vergleich mit der historischen Kohorte (17,5 % bzw. 35,2 % Inzidenz nach 1 bzw. 2 Jahren) konnte die Unterlegenheit der stereotaktischen Behandlung mit einem p-Wert von 0,001 ausgeschlossen werden. Keine der untersuchten Kovariablen (Alter, Anzahl der Hirnmetastasen, Durchmesser der größten Metastase, neurologische Symptome, extrakranielle Metastasierung, vorhergehende Resektion) war mit einem erhöhten Risiko assoziiert.
61 % der Patienten entwickelten weitere Hirnmetastasen, 39 % erhielten daraufhin mindestens eine weitere stereotaktische Behandlung, 22 % eine Salvage-WBRT. 78 % der Patienten benötigten während ihres gesamten klinischen Verlaufs keine WBRT, 5 von 100 Patienten hatten eine lang andauernde, intra- und extrakranielle Tumorkontrolle. Eine leptomeningeale Aussaat trat bei 9 % der Patienten auf, und 5 % der Patienten erlitten eine symptomatische Radionekrose.
Schlussfolgerungen der Autoren der Originalarbeit
Die Autoren schlussfolgern, dass der Verzicht auf eine WBRT für die Patienten zu keinem schlechteren Verlauf führte als in der historischen Kontrollgruppe. Damit ließen sich die negativen Auswirkungen einer WBRT auf die neurokognitive Funktion und Lebensqualität vermeiden.

Kommentar

Kleinzellige Tumoren bleiben die wesentliche Indikation für eine WBRT, die aber zunehmend infrage gestellt wird. Eine Metaanalyse [3] zeigte ein besseres Überleben von Patienten nach stereotaktischer Bestrahlung im Vergleich zur WBRT, allerdings nicht zur WBRT zuzüglich Boost. In der retrospektiven, multizentrischen FIRE-SCLC-Studie [4] hatten weder die Behandlungsart (Stereotaxie vs. WBRT) noch die Anzahl der Hirnmetastasen einen signifikanten Einfluss auf das Gesamtüberleben; allerdings war die WBRT mit einer längeren Zeit bis zum intrakraniellen Progress verbunden.
Die vorliegende Phase-II-Studie bestätigt dies in einem prospektiven Setting mit einem Fokus auf das neurologische Überleben, das einen objektiveren Parameter für den Therapieerfolg der stereotaktischen Bestrahlung in diesem inhomogenen Kollektiv darstellt. Da eine wiederholte stereotaktische Behandlung bei neu aufgetretenen Hirnmetastasen sowie auch eine Salvage-WBRT als Therapieoptionen zur Verfügung stehen, erscheint der Verzicht auf eine „upfront WBRT“ bei limitierter zerebraler Metastasierung eine mögliche Therapieoption.
Eine Schwierigkeit in der praktischen Umsetzung wird es sein, die engmaschige Dünnschicht-cMRT-Nachsorge zu realisieren. Der Zugang zu cMRT-Untersuchungen ist in Deutschland regional sehr variabel, und mancherorts ist es nicht einfach, zügig eine Dünnschicht-cMRT für die Bestrahlungsplanung zu erhalten, geschweige denn Nachsorgetermine im 4‑ bis 8‑Wochen-Rhythmus. Wenn neu aufgetretene Metastasen nicht rechtzeitig behandelt werden, ist durchaus ein Überlebensnachteil zu befürchten, wie auch eine Beeinträchtigung der neurokognitiven Funktionen und der Lebensqualität, die über diejenige einer WBRT hinausgehen kann. Im Fall disseminierter Metastasierung bliebe dann nur die Salvage-WBRT – die zu vermeiden ja das ursprüngliche Ziel dieses Ansatzes war.
Ist aber eine adäquate, engmaschige cMRT-Verlaufskontrolle sichergestellt, so sollte die stereotaktische Bestrahlung einer begrenzten Anzahl von Metastasen (und mit einem begrenzten kumulativen Volumen, z. B. 15 ml analog zur JLGK0901-Studie [5]) als weniger neurotoxische Alternative zur WBRT für Patienten in gutem Allgemeinzustand in Betracht gezogen werden. Die Patienten sind dabei über das Risiko einer geringeren intrakraniellen Tumorkontrolle und der Notwendigkeit häufiger diagnostischer Prozeduren und daraus evtl. folgender wiederholter therapeutischer Interventionen aufzuklären.
Fazit
Nach ausführlicher Aufklärung und unter engmaschigem Dünnschicht-cMRT-Follow-up kann für Patienten mit 1–10 Hirnmetastasen und begrenztem kumulativem Volumen die stereotaktische Behandlung als weniger neurotoxische Alternative zur Ganzhirnbestrahlung auch bei kleinzelligem Primarius in Erwägung gezogen werden.
Yvonne Dzierma und Guido Hildebrandt, Rostock

Interessenkonflikt

Y. Dzierma und G. Hildebrandt geben an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.
Open Access This article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License, which permits use, sharing, adaptation, distribution and reproduction in any medium or format, as long as you give appropriate credit to the original author(s) and the source, provide a link to the Creative Commons licence, and indicate if changes were made. The images or other third party material in this article are included in the article's Creative Commons licence, unless indicated otherwise in a credit line to the material. If material is not included in the article's Creative Commons licence and your intended use is not permitted by statutory regulation or exceeds the permitted use, you will need to obtain permission directly from the copyright holder. To view a copy of this licence, visit http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.

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Titel
Stereotaktische Bestrahlung statt Ganzhirnradiatio bei 1–10 Hirnmetastasen auch bei kleinzelligem Lungenkarzinom?
Verfasst von
Prof. Dr. Dr. Yvonne Dzierma
Prof. Dr. Guido Hildebrandt
Publikationsdatum
13.10.2025
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Strahlentherapie und Onkologie
Print ISSN: 0179-7158
Elektronische ISSN: 1439-099X
DOI
https://doi.org/10.1007/s00066-025-02467-z
1.
Zurück zum Zitat Takahashi T, Yamanaka T, Seto T, Harada H et al (2017) Prophylactic cranial irradiation versus observation in patients with extensive-disease small-cell lung cancer: a multicenter, randomized, open-label, phase 3 trial. Lancet Oncol 18:663–671. https://doi.org/10.1016/S1470-2045(17)30230-9CrossRefPubMed
2.
Zurück zum Zitat Aizer AA, Tanguturi SK, Shi DD, Catalano PJ et al (2025) Stereotactic Radiosurgery in Patients with Small Cell Lung Cancer an 1–10 Brain Metastases: A Multi-Institutional, Phase II, Prospective Clinical Trial. J Clin Oncol 00:1–12. https://doi.org/10.1200/JCO-25-00056CrossRef
3.
Zurück zum Zitat Gaebe K, Li AY, Park A, Parmar A, Lok BH et al (2022) Stereotactic radiosurgery versus whole brain radiotherapy in patients with intracranial metastatic disease and small-cell lung cancer: a systematic review and meta-analysis. Lancet Oncol 23:913–939. https://doi.org/10.1016/S1470-2045(22)00271-6CrossRef
4.
Zurück zum Zitat Rusthoven CG, Yamamoto M, Bernhardt D, Smith DE et al (2020) Evaluation of First-Line Radiosurgery vs Whole-Brain Radiotherapy for Small Cell Lung Cancer Brain Metastases: The FIRE-SCLC Cohort Study. JAMA Oncol 2020:E1028–E1037. https://doi.org/10.1001/jamaoncol.2020.1271CrossRef
5.
Zurück zum Zitat Yamamoto M, Serizawa T, Shuto T, Akabane A et al (2014) Stereotactic radiosurgery for patients with multiple brain metastases (JLGK0901): a multi-institutional prospective observational study. Lancet Oncol 15:387–395. https://doi.org/10.1016/S1470-2045(14)70061-0CrossRefPubMed

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