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Erschienen in: Ethik in der Medizin 2/2011

01.06.2011 | Originalarbeit

Zulässigkeit später Schwangerschaftsabbrüche und Behandlungspflicht von zu früh und behindert geborenen Kindern – ein ethischer Widerspruch?

verfasst von: Sigrid Graumann

Erschienen in: Ethik in der Medizin | Ausgabe 2/2011

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Zusammenfassung

Die Zulässigkeit später Schwangerschaftsabbrüche nach Pränataldiagnostik wirft die Frage auf, ob die deutsche Rechtspraxis nicht widersprüchlich ist, die einerseits Ärzte dazu verpflichtet, zu früh und behindert geborene Kind zu behandeln, andererseits bei einer vorgeburtlich diagnostizierten Behinderung des Kindes aber den Abbruch einer Schwangerschaft bis zur Geburt zulässt. Der Beitrag geht der Frage nach, ob die Unterschiede, die im gesetzlichen Schutz des Lebens einerseits von ungeborenen und neugeborenen Kindern und anderseits von behinderten und nichtbehinderten Föten gemacht werden, aus ethischer Sicht verteidigt werden können. Hierzu werden zunächst weltanschaulich liberale, konservative und vermittelnde Positionen in der Bioethik zum moralischen Status menschlicher Wesen diskutiert. Abschließend wird ein eigener Vorschlag vorgestellt, der von weiten Sorgepflichten der Schwangeren gegenüber ihrem ungeborenen Kind ausgeht und die außergewöhnliche Beziehung zwischen Frau und Kind in der Schwangerschaft berücksichtigt. Diese Argumentation zeigt, dass eine liberale Regelung des Schwangerschaftsabbruchs mit einer allgemeinen medizinischen Behandlungspflicht zu früh oder behindert geborener Kinder aus ethischer Sicht vereinbar ist.
Fußnoten
1
Die realen Zahlen dürften aber etwas höher liegen, da offenbar nicht alle Fälle gemeldet werden und nach wie vor einige Frauen ins Ausland ausweichen. Es handelt sich hier um Angaben des Statistischen Bundesamts.
 
2
Ich nenne hier, wie im politischen Diskurs üblich, alle Schwangerschaftsabbrüche nach der vollendeten 12. Schwangerschaftswoche so. In der medizinischen Literatur werden dagegen oft nur Abbrüche bei einem lebensfähigen Kind als Spätabbrüche bezeichnet [28].
 
3
1997 hat ein Kind mit Down Syndrom einen Abbruch in der 26. Schwangerschaftswoche überlebt. Das Kind wurde neun Stunden in Erwartung seines Sterbens „liegen gelassen“, als es dann immer noch atmete intensivmedizinisch behandelt. Das Kind lebt heute bei einer Pflegefamilie und hat Schädigungen durch seine Frühgeburtlichkeit zurückbehalten. Der behandelnde Arzt bekam einen Strafbefehl wegen „Körperverletzung mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung“.
 
4
Nur um diese Debatte geht es mir hier. Positionen, die den Bezug auf den moralischen Status grundsätzlich ablehnen, wie z. B. solche, die sich auf die menschliche Gattung oder auf religiöse Schriften beziehen, um eine Unverfügbarkeit des Lebens zu begründen, berücksichtige ich hier nicht. Auch viele Theologen argumentieren diesbezüglich im Übrigen säkular (vgl. [27]).
 
5
McMahan und Singer sind zwar keine philosophischen Liberalisten, verteidigen aber eine weltanschaulich liberale Position zum Schwangerschaftsabbruch. Dabei sprechen sie eher metaphorisch von „Rechten“, was ich hier aufgreife, auch wenn sie keine explizite Konzeption von Rechten vertreten.
 
6
Ihre strategische Zurückhaltung in Bezug auf eine „Gebärpflicht“ zeigte sich besonders eindrücklich bei der Anhörung im Familienausschuss zum Thema Spätabbrüche am 16.3.2009. Vgl. Protokoll Nr. 16/81 der 81. Sitzung des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestags.
 
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Metadaten
Titel
Zulässigkeit später Schwangerschaftsabbrüche und Behandlungspflicht von zu früh und behindert geborenen Kindern – ein ethischer Widerspruch?
verfasst von
Sigrid Graumann
Publikationsdatum
01.06.2011
Verlag
Springer-Verlag
Erschienen in
Ethik in der Medizin / Ausgabe 2/2011
Print ISSN: 0935-7335
Elektronische ISSN: 1437-1618
DOI
https://doi.org/10.1007/s00481-010-0072-1

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