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30.12.2020 | Wissen macht Arzt | Nachrichten

Die unglaubliche Geschichte des Dr. Umes

Bürgerkriegskind, Flüchtling, Herzchirurg

Autor:
Christian Beneker

Ein erstaunlicher Werdegang Dr. Umeswaran Arunagirinathan verkaufte als Kind Obst in Sri Lanka, um seine Familie zu ernähren. Heute ist er Herzchirurg in Deutschland. Doch als klassische Selfmade-Man-Story taugt seine Biografie nicht.

Ende der 1990er Jahre stand der heutige Bremer Herzchirurg Umeswaran Arunagirinathan, genannt „Dr. Umes“, in seinem Geburtsland Sri Lanka am Straßenrand und verkaufte Obst. Da war er zehn, zwölf Jahre alt. „Damit habe ich meine Familie durchgebracht“, sagt er. Vater, Mutter und vier Geschwister.

Heute schiebt der 42-Jährige Schichten in der Herzchirurgie am Bremer Klinikum Links der Weser. Und er schreibt Bücher – über das deutsche Gesundheitssystem („Der verlorene Patient“) und über seine Flucht als Tamile aus dem Bürgerkriegsland Sri Lanka („Allein auf der Flucht“ und „Der fremde Deutsche“).

Seine Kritik am deutschen Gesundheitssystem ist nicht neu: Es gehe im Krankenhaus viel zu sehr um das Geld und viel zu wenig um die Gesundheit der Patienten. Erst recht, seit die Krankenhäuser unter Corona-Bedingungen arbeiten müssen.

Nach der Arbeit ausgepresst wie eine Zitrone

„Wir kämpfen um jedes Intensivbett“, sagt Umes der „Ärzte Zeitung“. Oft habe er als Chirurg den Eindruck, nur noch zu funktionieren und am Ende der Schicht wie eine ausgepresste Zitrone nach Hause zu gehen.

Ein Gefühl, das viele seiner Kollegen teilen dürften. Trotz der schon oft beschriebenen Missstände hat es Umes Buch auf die Bestseller-Liste des „Spiegel“ geschafft. Warum? „Das dürfte an meiner Herkunft und Geschichte liegen“, meint der Arzt. Sie könnte als eine Art „Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte“ durchgehen. Aber so war es nicht.

Denn zwar hat er auch unzählige Teller gespült in Hamburgs Kneipen, um sich das Geld für das Medizinstudium zu verdienen. Das waren zwar keine Millionen, aber es reichte fürs Leben. Gleichwohl – zwischen dem Straßenrand in Sri Lanka und den Bremer OP-Sälen liegt eine schier unglaubliche Odyssee durch ein halbes Dutzend Länder zwischen Asien und Afrika und schließlich bis nach Hamburg, bis zum Medizinstudium in Lübeck und über mehrere Krankenhäuser bis nach Bremen.

Kein Arzt war in der Nähe, als die Schwester starb

Der Wunsch, Arzt zu werden keimte in Umes schon früh. Denn seine Schwester starb an einer Nierenkrankheit, und die Familie habe ihr Leiden hilflos mit ansehen müssen. Es gab keinen Arzt und kein Krankenhaus in der Nähe, wo dem Kind hätte geholfen werden können. Es gibt schlechtere Gründe, Arzt zu werden.

Die Mutter übergab ihren Sohn einem Schlepper, der ihn für umgerechnet rund 8000 Euro binnen weniger Wochen nach Hamburg zum Paten-Onkel bringen sollte. Weg wollte der 12-Jährige ohnedies, weg von den Soldaten in Sri Lanka, die Kinder, kaum dass sie zwölf Jahre alt wurden, in den Krieg zwangen, berichtet der Arzt.

Der Bürgerkrieg von 1983 bis 2009 kostete an die 80.000 Menschen das Leben. Das Abenteuer der Reise nach Deutschland dehnte sich auf mehr als acht Monate: Singapur, Dubai, Togo, Ghana, zurück nach Togo, über Benin nach Nigeria und dann über Spanien nach Frankfurt.

Da war das Kind Umes gerade 13 geworden, sprach kein Wort Deutsch und galt als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling. Dann ging er zum Paten-Onkel nach Hamburg, zum Deutschlernen, zur Schule.

„Nicht alle Chefärzte mögen mich“

Nach zwei Jahren war er Klassensprecher und nach dreien Schulsprecher. Später war er Landesschulsprecher. „Ich habe mich in der Politik eingemischt“, sagt er. Bis heute sei er unbequem geblieben. „Nicht alle Chefärzte und Geschäftsführer mögen mich.“

Die Zeiten waren unsicher für den Jungen. Aber trotz der ständigen drohenden Abschiebung konnte er doch sein Abitur machen. „Die Abschiebebescheide sind etwas Furchtbares. Ich stand schon auf dem Hochhaus und wollte springen“, berichtet Umes.

Trotz des ungewöhnlich harten Weges inszeniert sich Umes nicht als strahlender Tellerwäscher-Millionär und Selfmade-Man. Sondern das Erstaunliche an seinem Werdegang ist, dass er sich bei aller Härte der Flucht, des neuen Landes, der fremden Sprache und des anspruchsvollen Studiums auch auf das Wohlwollen seiner Umwelt verlassen hat und verlassen konnte.

„Mein Klassenlehrer hat für mich zum Beispiel eine Bürgschaft unterschrieben, so dass ich nach dem Abi in Lübeck Medizin studieren durfte“, berichtet Umes. „Dann bin ich zweimal durchs Physikum gefallen, weil ich Geld verdienen musste und keine Zeit hatte, um zu lernen. Da haben meine Lehrer meine Miete übernommen und ich konnte in Ruhe lernen.“

Sein eigener Beitrag sei die Geduld und die Entschlossenheit gewesen, nicht aufzugeben, meint der Arzt: „Ich bin nicht super intelligent. Aber ich wollte unbedingt Chirurg werden. Und ich bin Chirurg geworden.“

Quelle: Ärzte Zeitung

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