Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder, K. Kleesiek, C. Götting, J. Diekmann, J. Dreier und M. Schmidt

Tamm-Horsfall-Protein

Tamm-Horsfall-Protein
Synonym(e)
Sda; Sid-Antigen; Tamm-Horsfall-Glykoprotein; Uromodulin
Englischer Begriff
Tamm-Horsfall mucoprotein; Tamm-Horsfall protein; Tamm-Horsfall glycoprotein
Definition
Von Igor Tamm (1922–1995) und Frank Horsfall (1906–1971) im Jahr 1952 beschriebenes Protein aus dem Urin, das später als luminales Oberflächenprotein der Epithelien des dicken aufsteigenden Teils der Henle-Schleife erkannt wurde.
Beschreibung
Im Jahr 1952 beschrieben die amerikanischen Virologen Tamm und Horsfall ein Protein aus Urin, das in der Lage ist, immunmodulatorisch in der Abwehr von infektiösen Viren zu wirken. Das Protein in seiner monomeren Form (ca. 90 kDa) ist kohlenhydratreich und bildet bei saurem pH, höherer Salzkonzentration und anderen sich im distalen Tubulus bildenden Bedingungen Polymere ≤70.000 kDa, die McQueen im Jahr 1962 als Basis der Zylinder im Urin erkannte. Tamm-Horsfall-Protein ist in der monomeren Form löslich im Urin, in der polymeren Form unlöslich und bildet einen Hauptbestandteil des normalen Harnsediments. Mit einer Ausscheidung von über 200 mg pro Tag bildet es den Hauptteil der Urinproteine (Protein, gesamt im Urin), wird aber von den meisten Methoden zur Proteinquantifizierung im Urin nicht erfasst. Seine Quantifizierung wurde als möglicher Indikator einer distal tubulären Schädigung z. B. bei Abstoßungsreaktionen beschrieben, wenn die Menge des immunologisch messbaren Tamm-Horsfall-Proteins absinkt. Wegen der nur teilweisen Löslichkeit und der großen biologischen Streuung ließ sich jedoch eine gültige Entscheidungsgrenze schwer festlegen. Interessant und von möglicher zukünftiger diagnostischer Bedeutung ist die Beobachtung von Janssens, dass dysmorphe, d. h. aus renalen Ursachen der Proteinurie stammende Erythrozyten mit Tamm-Horsfall-Antikörpern charakterisiert werden können.
In der Transfusionsmedizin ist das Tamm-Horsfall-Glykoprotein als Sid-Antigen bekannt, das zu den hochfrequenten erythrozytären Antigenen gehört, aber nicht auf neonatalen Erythrozyten exprimiert wird. Die Expressionsstärke des Sda-Antigens variiert stark auf Erythrozyten. Anti-Sda-haltige Seren reagieren meist nur schwach, wobei Agglutinate klein und labil sind. Die große Variationsbreite in der Reaktionsstärke mit verschiedenen Testerythrozyten und Mischblutbilder sind charakteristisch für Antikörper der Spezifität Anti-Sda. Antikörper gegen Sda sind in der Regel vom IgM-Typ, komplementbindend und haben eine geringe transfusionsmedizinische Bedeutung.
Literatur
Janssens PMV, Kornaat N, Tielemann R et al (1992) Localizing the site of hematuria by immunochemical staining of erythrocytes in urine. Clin Chem 38:216–222PubMed
McQueen EG (1962) The nature of urinary casts. J Clin Pathol 15:367–373CrossRefPubMedPubMedCentral
Reid ME, Lomas-Francis C (2004) The blood group antigen facts book, 2. Aufl. Elsevier, New York
Serafini-Cessi F, Malagolini N, Cavallone D (2003) Tamm-horsfall glycoprotein: biology and clinical relevance. Am J Kidney Dis 42:658–676CrossRefPubMed
Tamm I, Horsfall FL (1952) A mucoprotein derived from human urine which reacts with influenca, mumps, and Newcastle disease viruses. J Exp Med 95:71–96CrossRefPubMedPubMedCentral