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08.12.2020 | SARS-CoV | Nachrichten

Abstand halten gilt auch draußen!

Corona: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr im Freien?

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Das Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, ist im Freien deutlich geringer als in geschlossenen Räumen. Das bestätigt eine umfassende Literaturstudie der Uni Berkeley. Die Autoren regen an, Aktivitäten zur Freizeitgestaltung oder auch Schulstunden so weit wie möglich nach draußen zu verlagern.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Dass Menschen sich auch außerhalb geschlossener Räume mit SARS-CoV-2 infizieren, lässt sich zwar nicht komplett von der Hand weisen. Dennoch scheint das Ansteckungsrisiko im Freien im Vergleich zu Innenräumen eher gering zu sein. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Berkley in San Francisco, nachdem sie zwölf internationale Studien ausgewertet haben.

In fünf Studien zur SARS-CoV-2-Übertragung betrug der Anteil der Transmissionen, die mutmaßlich draußen stattgefunden hatten, weniger als 10%; weniger als 5% betrafen berufliche Tätigkeiten an der frischen Luft.

Eine der größten Untersuchungen zum Thema stammt aus China: Hier hatte sich die Übertragung nur in einem von insgesamt 7324 Fällen im Freien ereignet. Die Autoren schränken jedoch ein, dass es sich nur um offiziell gemeldete Fälle gehandelt habe. Außerdem hätten die strikten Maßnahmen der chinesischen Regierung – vor allem das Versammlungsverbot im öffentlichen Raum – wahrscheinlich zu dem Ergebnis beigetragen.

Übertragungsrisiko in Innenräumen 19-mal höher

Auf ein knapp 19-mal höheres Risiko einer Indoor-Transmission verglichen mit dem Übertragungsrisiko im Freien kamen japanische Wissenschaftler. Sogenannte Superspreader-Ereignisse, bei denen eine Person mindestens drei weitere infiziert, waren im geschlossenen Umfeld sogar 33-mal wahrscheinlicher.

Französische Forscher nahmen insgesamt 201 Ausbrüche an 22 Orten weltweit unter die Lupe. Auch hier hatte sich die überwältigende Mehrheit – nämlich 197 – in Innenräumen ereignet. Die Ausnahmen betrafen mehrere Baustellen in Singapur, wobei nicht ganz klar war, unter welchen Umstände es zur Infektion gekommen war. Unter „Baustelle“, so das Team um Tommaso Celeste Bulfone, könne man allerdings auch bereits fertiggestellte und somit geschlossene Räumlichkeiten verstehen.

Im Sommer hatte der Ausbruch in einem Ferienlager im US-Bundesstaat Georgia international für Aufmerksamkeit gesorgt. Hier hatten sich 260 zuvor negativ getestete Teilnehmer offenkundig während des Aufenthalts mit SARS-CoV-2 infiziert. Die höchste Infektionsrate (56%) wurde bei den Mitarbeitern des Camps festgestellt, die sich am längsten im Lager aufgehalten hatten. In den Außenbereichen hatte – zumindest für die Erwachsenen – Maskenpflicht gegolten. Die Infektionen hatten sich allerdings zum Großteil in den Blockhütten ereignet, in denen jeweils bis zu 26 Personen auf engem Raum schliefen.

Auf den Abstand kommt es an

Auch ein Ausbruch in Deutschland wurde in der Literaturübersicht berücksichtigt. Dabei hatten sich 20 Mitglieder einer Großfamilie aus Münster vermutlich gegenseitig infiziert, obwohl sie auf mehrere Haushalte verteilt lebten. Die Übertragung hatte mutmaßlich bei wiederholten Treffen auf einem Spielplatz stattgefunden. Dies deutet darauf hin, dass es wohl auch im Freien für das Ansteckungsrisiko relevant ist, wie nahe man sich kommt.

Bulfone und sein Team kritisieren jedoch, dass es nahezu allen genannten Studien an einer genauen Beschreibung der Gelegenheit mangele, bei der es zur Übertragung von SARS-CoV-2 gekommen war. Solche Informationen seien aber wichtig, wenn man von politischer Seite erwäge, Outdoor-Aktivitäten, die schließlich auch der allgemeinen Gesundheitsförderung dienen, zum Schutz vor Ansteckung einzuschränken.

Sorglosigkeit kann sich rächen!

Auf der anderen Seite legt z. B. der Ausbruch im Rosengarten des Weißen Hauses im September 2020 nahe, dass sich Sorglosigkeit und mangelnde Schutzmaßnahmen auch im Freien rächen können: Von den etwa 200 Anwesenden wurden im Nachhinein 13 Personen, darunter der US-Präsident und mehrere Berater, positiv auf SARS-CoV-2-getestet. Masken hatten die wenigsten getragen, auf den eng gestellten Stuhlreihen hatte man quasi Schulter an Schulter gesessen.  Mehrere Teilnehmer hatten sich zudem im Lauf der Veranstaltung umarmt und Hände geschüttelt.

Generell, so Bulfone et al., könne man jedoch davon ausgehen, dass Zusammenkünfte im Freien, die mit keiner Übernachtung verbunden sind, ein deutlich geringes Infektionsrisiko bergen als z. B. mehrtägige Massenveranstaltungen im Freien. Dies bestätigten auch historische Studien aus Influenzapandemien.

Im Grippe-Pandemiejahr 1918 hatte die Versorgung mit Frischluft sogar nachweislich über Leben und Tod entschieden: Von der 1217 Mann umfassenden Besatzung eines US-Militärschiffs hatten sich damals 1000 Crewmitglieder angesteckt. Dabei lag die Mortalität bei denjenigen, die zusammengepfercht in Kajüten unter Deck schliefen, etwa viermal so hoch wie bei denen, die in Hängematten an der frischen Luft genächtigt hatten.

Aktivitäten nach draußen verlagern!

Auf die Corona-Pandemie lassen sich solche Daten nur bedingt übertragen. Auch für SARS-CoV-2 gilt jedoch, dass sich virushaltige Aerosole in Innenräumen mit schlechter Belüftung länger in der Luft halten und somit eine größere Chance haben, inhaliert zu werden.

Bulfone und Mitarbeiter plädieren nun dafür, möglichst viele Indoor-Aktivitäten und ggf. auch Schulstunden ins Freie zu verlegen, wo angebracht, unter Einhaltung von Abstandsregeln und Mund-Nasen-Schutz. Damit könne man Infektionsraten senken, möglicherweise auch den Anteil asymptomatischer Infektionen erhöhen und somit letztlich Leben retten.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hoch ist das Risiko einer SARS-CoV-2-Übertragung im Freien?

Antwort: Nach der aktuellen Studienlage ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung in Innenräumen bis zu 19-mal höher als im Freien.

Bedeutung: Um das Infektionsrisiko zu senken, raten die Autoren, möglichst viele Aktivitäten ins Freie zu verlagern.

Einschränkung: Hohe Heterogenität der Studien; asymptomatische Infektionen möglicherweise unterrepräsentiert; Mangel an Informationen zu Transmissionswegen; Einfluss durch Schutzmaßnahmen meist nicht berücksichtigt

Literatur

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