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08.04.2019 | AIDS- und Hepatitis-Werkstatt 2019 | Nachrichten

PrEP-Leitlinie in Diskussion

STIs überdiagnostiziert und übertherapiert?

Autor:
Friederike Klein

Das Screening auf STIs wird von der deutsch-österreichischen Leitlinie zur Präexpositionsprophylaxe (PrEP) auch bei symptomlosen Patienten vierteljährlich empfohlen [1]. In der Praxis setzen das viele Kollegen nicht um, wie sich anlässlich der 8. Münchner AIDS und Hepatitis Werkstatt Ende März in München zeigte.

Die PrEP geht mit einem zunehmenden Risikoverhalten einher. Das führt nach einer Metanalyse zu einem 25%igen Anstieg der sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) bei PrEP-Anwendern. Deshalb wird in der Leitlinie der Deutschen und Österreichischen AIDS-Gesellschaften empfohlen, regelmäßig eine Anamnese zu Symptomen anderer sexuell übertragbarer Infektionen, vierteljährliche serologische Untersuchungen auf Syphilis und (bei bisher HCV-seronegativen Personen) alle 6-12 Monate eine Hepatitis-C-Antikörperuntersuchung durchzuführen. Auch symptomlose Anwender von PrEP sollen gescreent werden. Empfohlen werden viertel- oder halbjährliche pharyngeale, genitale und anorektale Abstrichuntersuchungen auf Chlamydia trachomatis und Neisseria gonorrhoeae.

Streitfall asymptomatische Infektionen

In der MSM (men who have sex with men)-Screening Studie zeigte sich, dass 30,6% aller MSM im Screening ein positives STI-Ergebnis erhalten, berichtete Privatdozent Dr. Stefan Esser vom Universitätsklinikum Essen. Er wies darauf hin, dass auch asymptomatische Infektionen ernst zu nehmen sind. So könne eine asymptomatische Chlamydien-Infektion zu Spätfolgen wie einem Morbus Reiter mit reaktiver Arthritis führen. Die Abklärung und gegebenenfalls antibiotische Therapie symptomloser Infektionen ruft aber auch Kritik hervor. Armin Schafberger von der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin betonte, es würden durch das häufige Screening mit Nucleinsäurenachweis auch harmlose Besiedelungen oder gar ausgeheilte Infektionen entdeckt und unnötigerweise antibiotisch behandelt. Das gelte insbesondere für die Rachenabstriche. „Da hat der Klient keinen Nutzen, sondern durch die Antibiotika nur Schaden“, glaubt er.

Neue Seuche Mycoplasmen?

Er beklagte, dass durch die von den Laboren eingesetzten Multiplex-Tests auf immer mehr Erreger getestet wird, so auch auf Mycoplasma genitalium, das in der PrEP-Leitlinie gar nicht genannt wird. Die pathologische Bedeutung des Erregers ist bei Frauen unklar, bei Männern werden 15% aller Urethritis-Fälle darauf zurückgeführt. Die antibiotische Therapie wird trotz einer unklaren Datenlage empfohlen. Für Schafberger ist das eine unnötige Behandlung von gesunden Personen – nach seiner Erfahrung 30% der Gescreenten.

Evidenz schaffen

Esser beschwor aber alle Kollegen, die Screeningvorgaben der PrEP-Leitlinie, die unter Mühen unter allen Beteiligten vereinbart worden seien, konsequent umzusetzen. Nur so könne die dringend benötigte Evidenz zur Bedeutung der STIs unter PrEP generiert werden. Prof. Dr. Jürgen Rockstroh von der Medizinischen Universitätsklinik Bonn wies darauf hin, dass die Politik gefordert sei: Politisch sei die PrEP gewollt, weil die HIV-Prävention ein vorrangiges Ziel sei. Dann müsse das Bundesgesundheitsministerium auch Geld für eine randomisiert-kontrollierte Studie zu STIs unter PrEP zur Verfügung stellen.

Diese Berichterstattung wurde durch finanzielle Unterstützung des Unternehmens MSD Sharp & Dohme GmbH ermöglicht. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf die Inhalte der Berichterstattung.

Literaturhinweise

1. Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. Klassifikation: S2k. AWMF-Register-Nr.: 055-008 2. https://daignet.de/site-content/hiv-therapie/leitlinien-1/deutsch-oesterreichische-leitlinien-zur-hiv-praeexpositionsprophylaxe (zuletzt heruntergeladen am 1.4.2019)

2. Traeger MW et al. Effects of Pre-exposure Prophylaxis for the Prevention of HIV Infection on Sexual Risk Behavior in Men Who Have Sex with Men: A Systematic Review and Metaanalysis. Clin Infect Dis 2018; 67(5): 676-686.

 

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