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Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
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Publiziert am: 08.05.2018 Bitte beachten Sie v.a. beim therapeutischen Vorgehen das Erscheinungsdatum des Beitrags.

Liquor cerebrospinalis

Verfasst von: T. O. Kleine
Liquor cerebrospinalis
Synonym(e)
Cerebrospinalflüssigkeit; CSF; Ventrikelliquor (V-Liquor); Subokzipitalliquor (SOP-Liquor); Lumballiquor; Marburger Liquormodell; Nervenwasser; Liquor
Englischer Begriff
cerebrospinal fluid; CSF; Marburg CSF model
Definition
Wasserklare, farblose, zellarme Flüssigkeit in der Schädelkapsel und im Rückenmarkskanal (Abb. 1).
Abb. 1
Das Marburger Liquormodell. a, b In gesunden Erwachsenen werden Blutleukozyten (schwarze Punkte) mittels Blutdruck in Cerebrospinalflüssigkeit gepresst (CSF: leicht blau) in Ventrikel 3 und 4 des zentralen Nervensystems (ZNS: gelb) durch 6 durchlässige zirkumventrikuläre Organe (CVOs) (nummerierte rote Ellypsoide 1–6: 1 = subfornikales Organ; 2 = Organum vasculosum der Lamina terminalis; 3 = Zirbeldrüse; 4 = mediane Emminenzen (2); 5 = Neurohypophyse mit Infundibulum; 6 = Area postrema; andere durchlässige Gehirnkerne werden nicht gezeigt.) Kleine Lymphozyten werden leichter als große Monozyten mittels Blutdruck durch lecke Kapillaren in den CVOs und durch durchlässige ependymale CVO-Oberflächen in Ventrikelliquor gepresst. Alle anderen ZNS-Kapillaren sind versiegelt mit Tight Junctions (Blut-Hirn-Schranke-Funktionsteste). Pia-Zellen formen ein fortlaufendes feines Zellband (rote Linie) um das gesamte ZNS. CSF (leicht blau) wird aus Blutplasma durch 4 Plexus choroidei (violett gerippelt) in Ventrikel (V) 1, 2, 3, 4 sezerniert durch das Molekularsieb der Blut-Liquor-Schranke (BLS), total undurchlässig für Blutleukozyten (Blut-Hirn-Schranke-Funktionsteste). CSF (blaue Pfeile) fließt durch ‘vis a tergo’ aus lateralen Ventrikeln 1, 2 in Ventrikel 3 und durch engen Aquädukt in Ventrikel 4, dann durch die Öffnungen Luschkae/Magendi in Subokzipitalliquor (SOP CSF) mit bis zu 3/μL Leukozyten (Liquor-Zellzählung, mikroskopisch) und 133–267 mg/L Gesamtprotein (Liquor-Protein) (a). Hier fließt der meiste Liquor (leicht blau) aufwärts in kraniale Subarachnoidalräume durch Arachnoid-Villi in die Schädelvenen (violettes Band). Etwas CSF wird aus Ventrikel 3 (weniger aus Ventrikel 4) zurück in Ventrikel 1, 2 gedrängt mit bis zu 1/μL Leukozyt (Liquor-Zellzählung, mikroskopisch) durch Pulsationen der Choroid-Plexus-Durchblutung. Kardiale Systolen lassen Zwischenhirn und Hirnstamm synchron an- und abschwellen, was auf Liquor in Ventrikel 3, 4 in kleine Wellen übertragen wird (b). Etwas Ventrikel-CSF fließt in den Spinalraum: Flüssigkeit sickert entlang spinalen Nervenwurzeln heraus, was die Liquorzusammensetzung im Spinalraum leicht verändert. Durch das Hauptlymphgefäß Ductus thoracicus (orange) sickert – bei erhöhtem Druck im Ductus – etwas Lymphe mit bis zu 2/μL Lymphleukozyten in den Lumballiquor (oranger Pfeil, a: CSF wird dunkelblau): Hier werden Lymphleukozyten und Lymphproteine ventrikulären Blutleukozyten und Blutproteinen zugesetzt mit bis zu 5/μL Gesamtleukozyten (Liquor-Zellzählung, mikroskopisch) und 209–421 mg/L Gesamtprotein (Liquor-Protein) im Lumballiquor. Lumballiquor sickert auch in Ductus thoracicus über Brustlymphe in venöses Blut (oranger Pfeil, b) bei erhöhtem Liquordruck im Spinalraum, geregelt durch Körperhaltung (liegen, stehen), Atmen, Nießen, Pressen, Husten u. a. m. Zusammengefasst regeln 2 verschiedene Einflussgrößen die Zusammensetzung von Ventrikel-, SOP- und Lumballiquor und damit die zelluläre Immunüberwachung im CSF und CNS. Für Routineuntersuchungen wird Liquor gewonnen mit abnehmender Häufigkeit durch: Lumbalpunktionen für Lumbal-Liquor > Subokzipitalpunktionen für SOP-CSF > Ventrikelpunktionen für V-CSF
Beschreibung
CSF-Gesamtmenge (100 %): Erwachsene 100–160 mL (je ca. 50 % in Schädelkapsel und Spinalraum), Kinder 50–150 mL, Säuglinge 40–60 mL mit >50 % in Schädelkapsel (Liquor-Gewinnung).
CSF Funktionen: schützende, Metaboliten-klärende, nutritive, regulative Aufgaben im ZNS.
CSF ist ein Gemisch aus Primärliquor (50–70 %), Intramural-Liquor (ca. 30 %) und wenig Hirnhautliquor, das im Spinalraum weiter modifiziert wird (Abb. 1). Sekundärliquor entsteht durch Zugabe von Plasmaproteinen und Elektrolyten durch Löcher in der Blut-Hirn-Schranke (BHS) (Blut-Hirn-Schranke-Funktionsteste).
CSF-Umsatz (turnover): 3- bis 5-mal pro Tag (ca. 0,4 mL/min) über Hirnnerven, zervikale Lymphbahnen > Arachnoidalzotten sind im dynamischen Verteilungsgleichgewicht (Abb. 1) (Blut-Hirn-Schranke-Funktionsteste).
Einsatzgebiet: Ventrikelliquor zur Untersuchung von BHS- und BLS-(Blut-Liquor-Schranken-)Funktion, Zisternenliquor (SOP-Liquor) von BLS-Funktion, weniger der BHS-Funktion; Lumballiquor: maskierter SOP-Liquor durch Zugabe von Sekundärliquor (Blut-Hirn-Schranke-Funktionsteste).
Literatur
Greitz D, Frank A, Nordell B (1993) On the pulsatile nature of intracranial and spinal CSF-circulation demonstrated by MR imaging. Acta Radiol 34:321–328CrossRefPubMed
Kleine TO (2015) Cellular immune surveillance of central nervous system bypasses blood-brain barrier and blood-cerebrospinal-fluid barrier: revealed with the New Marburg Cerebrospinal-Fluid Model in healthy humans. Cytometry Part A 87A:227–243CrossRef
Nieuwenhuys R, Voogd J, van Huijzen C (Hrsg) (1991) Das Zentralnervensystem des Menschen. Ein Atlas mit Begleittext, 2. Aufl. Springer, Berlin/Heidelberg/New York