Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
K. Kleesiek, C. Götting, J. Diekmann, J. Dreier und M. Schmidt

Blutgruppenantigene, erythrozytäre

Blutgruppenantigene, erythrozytäre
Synonym(e)
erythrozytäre Blutgruppenmerkmale
Englischer Begriff
blood-group antigene
Definition
Blutgruppenantigene sind vererbbare definierte chemische Strukturen von Glykolipiden oder Proteinen auf der Oberfläche von Erythrozyten. Nach Einbringen in einen Organismus, der diese Merkmale nicht besitzt, können sie zu einer Immunreaktion führen.
Beschreibung
Die auf der Oberfläche der Erythrozyten befindlichen Blutgruppenantigene werden durch die gegen sie gebildeten Antikörper definiert. Die chemische Struktur der Blutgruppenantigene basiert entweder auf Zuckerverbindungen, die durch Kopplung von Zuckern an Proteine (Glykoproteine) und/oder Lipide (Lipoproteine) bedingt ist, oder sie besteht aus Proteinmolekülen. Die kleinste Einheit, die von einem Antikörper erkannt wird, stellt das Epitop dar. Die einzelnen Blutgruppenantigene bestehen aus einem bis zahlreichen Epitopen. Die Vielfalt dieser Epitope und damit der Blutgruppenantigene beruht auf genetisch bedingten Polymorphismen von Proteinen oder auf Polymorphismen von Kohlenhydraten, die wiederum durch Polymorphismen von Glykosyltransferasen (s. Glykosyltransferasen A und B) verursacht werden, die an deren Synthese beteiligt sind. Basierend auf ihrer bisher bekannten genetischen Grundlage werden die Blutgruppenantigene in verschiedene Klassen eingeteilt:
  • Blutgruppensysteme
  • Kollektionen
  • Serien
Blutgruppensysteme setzen sich aus einem oder mehreren Antigenen zusammen, die von einem einzigen Gen oder von mehreren eng verbundenen ähnlichen (homologen) Genen kontrolliert werden. Jedes zu definierende Blutgruppensystem (s. Blutgruppensysteme) muss genetisch unterschiedlich zu einem bisher bekannten System sein. Antigene werden in Kollektionen zusammengefasst, wenn sie serologisch, biochemisch oder genetisch zusammengehören, jedoch die Kriterien für ein eigenes Blutgruppensystem (z. B. Ausschluss aller bekannten Systeme) nicht erfüllen.
Für eine Reihe weiterer erythrozytärer Antigene ist die Beziehung zu Systemen oder Kollektionen völlig unbekannt. Dies kann bedeuten, dass ein Antigen eine von den bekannten Systemen unabhängige, molekulare Basis hat oder dass die Zugehörigkeit zu einem der bekannten Systeme noch nicht nachgewiesen werden konnte.
Da die Zuordnung zu Systemen und Kollektionen für Antigene mit mittlerer Häufigkeit recht einfach ist, bleiben meist solche Antigene übrig, die in der Bevölkerung sehr selten oder sehr häufig vorkommen. Diese niedrig- bzw. hochfrequenten Antigene, die nicht zu Systemen oder Kollektionen gehören, werden in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge in Serien aufgelistet.
Einige erythrozytäre Antigene werden bisher nicht von der ISBT-Nomenklatur (International Society of Blood Transfusion) erfasst. Hierzu gehören z. B. eine ganze Reihe von klinisch relevanten Zielantigenen von Kälteautoantikörpern, obligat vorhandenen Antikörpern (Polyagglutinine) sowie einige HLA-assoziierte Antigene.
Literatur
Mueller-Eckhardt C, Kiefel V (Hrsg) (2004) Transfusionsmedizin: Grundlagen – Therapie – Methodik, 3. Aufl. Springer, Berlin/Heidelberg/New York
The Bristol Institute for Transfusion Sciences and The International Blood Group Reference Laboratory. http://​ibgrl.​blood.​co.​uk/