Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Hämoglobin im Urin

Synonym(e)
Hämaturie; Mikrohämaturie
Englischer Begriff
hemoglobin in urine; hemoglobinuria; hematuria
Definition
Sicht- oder nicht sichtbare Hämoglobinbeimengung im Urin.
Funktion – Pathophysiologie
Eine Vermehrung von freiem Hämoglobin im Urin kann prärenale, renale und postrenale Ursachen haben:
  • Prärenal verursachte Hämoglobinurie ist durch Hämolyse, in vivo und in vitro im Blut bedingt und tritt bei schwersten Infektionskrankheiten, Vergiftungen und Transfusionszwischenfällen auf.
  • Renale Ursachen der Hämoglobinurie können Blutungen im Tubulussystem bei hypotonem Urin sein (z. B. bei Nierenkarzinom, Tuberkulose der Niere oder toxischen Schädigungen des Tubulussystems).
  • Postrenale Hämoglobinurie entsteht bei Blutungen in die ableitenden Harnwege und anschließender Hämolyse im Urin während der Passage, in der Blase oder in der Urinprobe in vitro.
Schließlich kann eine Hämoglobinurie auch durch Kontamination mit Blut aus der Scheide oder, beim Mann durch Kontamination mit äußeren Wunden und Blutungen am äußeren Genitale verursacht werden.
Präanalytik
Bei sichtbarer Hämoglobinurie gibt die Probengewinnung in Portionen (Drei-Gläser-Probe) schon einen Hinweis auf die Ursache der Blutung.
Analytik
Eine Hämoglobinurie wird ab einer Konzentration von 1 mg/L Hämoglobin mit dem Teststreifen positiv. Der Nachweis erfolgt durch die Peroxidaseeigenschaften des Hämoglobins (bei Ausschluss von Myoglobin im Urin, das ebenfalls Peroxidaseeigenschaft besitzt!). Die Empfindlichkeit nimmt bei längerer Lagerung der Probe an Luft ab durch Bildung von Methämoglobin bis zur Bildung von dunkelbraunen und schwarzen Metaboliten des Hämoglobins im Urin.
Anhand der mikroskopischen Untersuchung kann zwischen Hämoglobinurie und Hämaturie unterschieden werden. Auch die Analyse des Hämoglobins vor und nach Zentrifugation kann einen Hinweis auf die Form der Hämaturie geben.
Referenzbereich – Erwachsene
Nicht nachweisbar.
Referenzbereich – Kinder
Nicht nachweisbar.
Indikation
Im Rahmen des Urinstatus wird als Basisuntersuchung mit Urinteststreifen jede Urinprobe auf Hämoglobin und Erythrozyten sowie Myoglobin mit einem Testfeld untersucht. Jede mittels Teststreifen oder bloßem Auge festgestellte Hämaturie sollte auf das Vorliegen einer Hämoglobinurie geprüft werden.
Diagnostische Wertigkeit
Durch starkes Überwiegen artifizieller Hämoglobinurien durch nachträglichen Verfall von Erythrozyten ist die Wertigkeit des Nachweises von freiem Hämoglobin und seiner Quantifizierung im Urin von geringer diagnostischer Bedeutung.
Die qualitative Feststellung sollte jedoch in jedem Fall zu einer Klärung der Ursache führen. Bei prärenalen Ursachen überwiegen meist schon vor der Feststellung der Hämoglobinurie die klinischen Symptome der Erkrankung, weshalb die Diagnose einer dieser Erkrankungen über die Urinfärbung heute die Ausnahme ist. Die diagnostische Strategie wurde in einer Empfehlung beschrieben und ist Gegenstand einer AWMF Leitlinie (in Vorbereitung).
Literatur
Hofmann W, Ehrich JHH, Guder WG, Keller F, Scherberich JE (2012) Diagnostic pathways for exclusion and diagnosis of kidney diseases. Clin Lab 58:871–889