Pädiatrie
Autoren
Bernhard Stier und Reinhard Winter

Jungen – Sexualentwicklung und sexuelle Gesundheit

Unter „Jungen“ verstehen wir Menschen männlichen Geschlechts, in den Lebensphasen zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Jungen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Sexualitäten individuell erheblich, nach ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand, nach elterlichen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen, dem sozialen Milieu, in dem sie aufwachsen, nach ihren Aneignungsmöglichkeiten und ihren sexuellen Erfahrungen. Eine „normal-standardisierte“ oder „natürliche“ sexuelle Entwicklung von Jungen gibt es nicht. Das Geschlechtliche in der Jungensexualität – also das Männliche – wird durch drei unterschiedliche Dimensionen beschrieben: 1. durch den Jungenkörper, d. h. durch die körperlichen Bedingungen und Erlebnismöglichkeiten; 2. als Facette der Identität, in Selbstbildern und -definitionen, individuellen Bedürfnislagen und ihrer Befriedigungswünsche oder in Emotionen; 3. als Ausdruck sozialer und kultureller Geschlechtlichkeit, etwa in Vorstellungen darüber, wie männliche Sexualität ist oder sein soll, über Normen oder über kommerzielle, sexualitätsprägende Angebote (Werbung, Pornografie).

Definition

Laut WHO ist sexuelle Gesundheit untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Funktionsstörungen. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden.
Sexualität ist ein bedeutsamer Aspekt der Gesundheit männlicher Jugendlicher. Dabei ist die Fähigkeit sexuell zu handeln, zu erleben und zu empfinden nicht von Natur aus gegeben, sondern muss vielmehr individuell wie kollektiv entwickelt werden. Allerdings ist – laut Winter aus dem Jahre 2017 entgegen der WHO-Definition sexueller Gesundheit – der Blick auf Jugendsexualität, und speziell Jungensexualität, meist problematisierend ausgerichtet: „Die fehlende Perspektive auf das Gesunde muss als zentrale Fehlstelle in den Diskursen zur Jugendsexualität diagnostiziert werden.“
Die Jugendphase nimmt eine Schlüsselstellung im Hinblick auf die Entwicklung sexueller Gesundheit ein. Weder die Lebensphase der Jugend noch die Geschlechtszuweisung „männliche Jugendliche“ sind eindeutig fixierbare Kategorien. Grundsätzlich versteht man entsprechend der Cis-Gender-Definition nach Sigusch unter männlichen Jugendlichen solche, bei denen männliches Körpergeschlecht, psychisches Geschlecht (Selbstbild und -definition, männliche Identität) und soziales Geschlecht übereinstimmen und die sich in der Lebensphase Jugend befinden.
Männliche Jugendliche unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Sexualitäten erheblich, nach ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand, nach elterlichen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen, dem sozialen Milieu, in dem sie aufwachsen, nach ihren Aneignungsmöglichkeiten, ihren sexuellen Orientierungen oder ihren sexuellen Erfahrungen. Eine „normal-standardisierte“ oder „natürliche“ sexuelle Entwicklung von Jungen gibt es dementsprechend nicht.
Wesentliches Ziel der Sexualentwicklung ist es, die sexuelle Identität des Individuums in einem permanenten Prozess lebenslang zu formen. Mit der Pubertät ist Sexualität bei den meisten Jungen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, von sexuellen Vorlieben, Praktiken, Sehnsüchten usw. – ein wesentliches Moment ihrer alltäglichen geschlechtlichen Praxis und ihres männlichen Selbstbildes. Dabei ist das Sexuelle häufig attraktiv und positiv besetzt („gesund fürs Selbstbewusstsein“ laut Winter). Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Ängste bestehen (unerwünschte Erektionen, Verletzungsrisiko des Hodens). Fähigkeit zur und Erleben der Erektion wird kaum als Gesundheitsaspekt gewertet.
Das Geschlechtliche in der Jungensexualität – also das Männliche – wird durch drei unterschiedliche Dimensionen beschrieben:
1.
Es ist durch den Jungenkörper bestimmt, durch die körperlichen Bedingungen und Erlebnismöglichkeiten.
 
2.
Es ist in Bezug auf die Psyche wirksam, als Facette der Identität, in Selbstbildern und -definitionen, individuellen Bedürfnislagen und ihrer Befriedigungswünsche oder in Emotionen.
 
3.
Schließlich wird das Männlich-Geschlechtliche der Jungensexualität als Ausdruck sozialer und kultureller Geschlechtlichkeit geprägt, etwa über Vorstellungen darüber, wie männliche Sexualität ist oder zu sein hat, über Normen oder über kommerzielle, sexualitätsprägende Angebote (Werbung, Pornografie).
 
Über sexuelle Gesundheit männlicher Jugendlicher zu sprechen, heißt auch die vielfach ungerechtfertigte Beschneidung von Jungen im Fokus zu haben. Hier sei auf die Position des Bundesforum Männer Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V. vom 31.03.2017 verwiesen (https://netzwerkmaennergesundheit.files.wordpress.com/2017/05/bfm-zu-beschneidung-von-jungen-20170505.pdf).

Daten zu Sexualität, Information und Wissensbedarf

Seit 1980 untersucht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Einstellungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf Aufklärung, Sexualität und Kontrazeption (Jugendsexualität 2014/15 ist die 8. Studie der Trendreihe).
Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf Daten und Beobachtungen in Deutschland (JmM = Jungen mit Migrationshintergrund; MmM = Mädchen mit Migrationshintergrund; JoM = Jungen ohne Migrationshintergrund; MoM = Mädchen ohne Migrationshintergrund).

Ansprechpartner

Während 1980 nur 28 % der Jungen in ihrem Elternhaus Ansprechpartner für ihre Fragen zur Sexualität fanden, sind es heute mit 74 % (JoM; JmM: 50 %), annähernd so viele wie bei den Mädchen. Bei Jungen deutscher Herkunft ist zu beobachten, dass sie sich mit steigender Bildung häufiger auf den Vater als wichtige Person bei der Aufklärung beziehen. Väter (34 %) liegen inzwischen gleichauf mit den Müttern als tragende Person der Sexualaufklärung bei den Jungen, nur überholt von den Lehrern (43 %) und dem besten Freund (36 %). Dies gilt allerdings vorrangig für Jungen ohne Migrationshintergrund. In Migrantenfamilien haben die männlichen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen in Vater oder Mutter weit weniger einen Ansprechpartner, was die allgemeine Aufklärung betrifft. Das Internet hat als Medium der Aufklärung weiterhin rasant zugenommen. Knapp die Hälfte der Jungen (47 %) geben es als wichtigste Informationsquelle für Sexualität, Fortpflanzung, Empfängnisverhütung etc. an. Sexfilme werden mit steigendem Alter häufiger als eine der Informationsquellen angeführt. Bereits bei den 14-Jährigen gibt jeder 3. männliche Jugendliche an, beim Anschauen von Sexfilmen Wichtiges über Sexualität erfahren zu haben. Dies betrifft vor allem Jungen mit Migrationshintergrund.

Einstellung zum eigenen Körper

In den Einstellungen zum eigenen Körper unterscheiden sich beide Geschlechter deutlich. Jungen/junge Männer kommen mit ihrem körperlichen Aussehen in der Mehrzahl gut klar. Annähernd 3 von 4 geben an, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und achten darauf, körperlich fit zu bleiben. Fitness und Stylen ist dabei den Jungen/jungen Männern aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund wichtiger als den Jungen/jungen Männern deutscher Herkunft (JmM: 80 %; JoM: 72 %).
Das mittlere Ejakularchealter der Jungen (JoM) liegt laut Daten der BZgA bei ca. 13 Jahren (JmM: ca. 1 Jahr früher). Dabei ist der erste Samenerguss laut Neubauer informativ wie erzieherisch nach wie vor kaum „vorbereitet“ und begleitet.

Erste sexuelle Kontakte und Masturbation

Erste explizit sexuelle Kontakte entwickeln sich meist zwischen 14 und 17 Jahren. Mit 17 Jahren haben etwa 90 % der Jungen (JoM) mindestens Kuss- und/oder Pettingerfahrung. Jungen mit Migrationshintergrund sind früher und insgesamt häufiger sexuell aktiv als Jungen mit deutschem Kulturhintergrund. Unter den befragten 14-jährigen Jungen mit Migrationshintergrund zählen 14 % zu den Koitus-Erfahrenen. Das ist ein deutlich höherer Anteil als bei den übrigen Jugendlichen dieses Alters (JoM: 3 %). Die Ursache hierfür kann in dem früheren Einsetzen der hormonellen Entwicklung liegen. Besonders die Jungen mit Migrationshintergrund schätzen darüber hinaus die Anzahl Gleichaltriger mit Geschlechtsverkehr-Erfahrung zu hoch ein.
Die Initiative zum ersten heterosexuellen Geschlechtsverkehr geht in der Regel von beiden Partnern aus. Wenn die Initiative von einem Partner/Partnerin ausging, war dies in der Regel der Junge.
Am ehesten sind die männlichen Jugendlichen/jungen Männer mit Migrationshintergrund diejenigen, die häufig aus eigenem Verlangen heraus die Initiative zum Geschlechtsverkehr ergreifen. Je höher der Bildungsstand, desto häufiger war der erste Geschlechtsverkehr dagegen eine partnerschaftliche Entscheidung.
Masturbation ist bei Jungen eine weit verbreitete, in den meisten Lebensphasen vermutlich die häufigste sexuelle Praxis. 80 % der Jungen mit und ohne Migrationshintergrund hatten Erfahrung mit Masturbation.

Wissensbedarf

Jungen mit und ohne Migrationshintergrund äußern insgesamt weniger Informationsbedarf als ihre Altersgenossinnen. Sexuelle Praktiken und sexually transmitted diseases (STD) sind, wenn dann mit je 29 % (JoM – JmM: 33 bzw. 30 %), die Themen, bei denen Informationsdefizite angegeben werden. Empfängnisverhütung mit 17 % (JoM) bzw. 19 % (JmM) folgt deutlich hinter Schwangerschaftsabbruch (JoM: 23 %; JmM: 24 %). Informationsdefizite zum Thema Pornografie werden mit 11 (JoM) bzw. 14 % (JmM) angegeben. Infos über Körperanatomie (Entwicklung, Jugendliche, Geschlechtsorgane) und tabuisierte Themen (Selbstbefriedigung, Homosexualität, Prostitution, Pornografie, Beschneidung von Männern) rangieren abgeschlagen am Ende der Skala. Jungen mit Migrationshintergrund haben generell einen etwas größeren Wissensbedarf. Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass es große Unterschiede je nach Milieu, Bildungsgrad und soziokulturellem Hintergrund bei den Daten zur Sexualität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt.

Information durch Mediziner

Anders als Mädchen werden Jungen von der medizinischen Sexualinformation und -beratung nur in geringem Umfang erreicht. Ärztinnen und Ärzte sind für Jungen keine bedeutsamen Vertrauenspersonen zu Themen der Sexualität (JoM: 3 %, JmM: 4 %). Das kann daran liegen, dass es weniger Anlässe und Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Sexualität gibt (Entwicklung der äußeren Geschlechtsmerkmale ist weniger sichtbar, z. B. Penis versus Brüste), die Ejakularche ist häufig kein Thema, es gibt keine spezielle Beratungs- und Untersuchungspraxis (Frauenarzt versus ??), kompetente Beratungseinrichtungen für Jungen sind bisher nicht etabliert. Als Wunsch-Person für die Wissensvermittlung in sexuellen Dingen erfahren Ärzte und Ärztinnen allerdings eine deutliche Aufwertung (11 % bzw. 13 %). Jungen erwarten dabei, dass der Arzt bzw. die Ärztin das Thema Sexualität von sich aus ansprechen. Dieser Umstand sollte durch Etablierung kompetenter Beratungsstrukturen mehr genutzt werden.
Eine Möglichkeit, medizinische Sexualinformation zu vermitteln, könnte z. B. die J1-Untersuchung sein. Hier könnten Themen, wie reproduktive Potenz oder Verhütungsverantwortung, Hygiene oder Selbstsorgekompetenz angesprochen werden (Kap. „Jugendmedizin und Jugendgesundheitsuntersuchung“). Da Themen der Sexualität – vor allem während der Pubertät der Jungen – nach wie vor schambesetzt sind, kann nicht erwartet werden, dass Jungen sie von sich aus aktiv ansprechen. Es ist unverzichtbar, dass Arzt oder Ärztin sich in diesem Bereich aktiv als Gesprächspartner bzw. -partnerin mit ihrer Kompetenz anbieten.

Somatische Geschlechtsentwicklung

Über die auf dem Y-Chromosom gelegene genetische Information der Sex-determining region (SRY) erfolgt die Aktivierung des testisdeterminierenden Faktors. Dies bedingt, dass sich aus den undifferenzierten Gonaden die Hoden (Testes) entwickeln. Die von diesen produzierten Androgene, insbesondere das Testosteron, bewirken die weitere Differenzierung des inneren und äußeren männlichen Genitales sowie die geschlechtstypische Gehirnentwicklung.
Zur geschlechtstypischen Gehirnentwicklung gehören die sich in der Folgezeit entwickelnden geschlechtsspezifischen Besonderheiten, u. a. die Lateralisierung mit Verbesserung der Fähigkeiten, die von der rechten Hirnhälfte gesteuert werden. Hier findet eine im Vergleich zur linken Hirnhälfte schnellere Entwicklung statt. Das hat nach Hugdahl et al. u. a. Einfluss auf besseres Erfassen und Erstellen von Systemen oder Verhaltensweisen, die sich aus der räumlichen Orientierung ergeben, aber eher negativen Einfluss auf die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten. Die geschlechtstypische Gehirnentwicklung, die schon zu einem so frühen Zeitpunkt der Embryogenese ihren Anfang nimmt, erklärt auch, wieso Jungen und Mädchen von Anfang an Verhaltensbesonderheiten aufweisen, die auf die Geschlechtsstereotypen hinweisen, wie sie später für Erwachsene angenommen werden und auch empirisch belegt sind (neonatales Imprinting).

Sexualität und Gender

Zur sexuellen Entwicklung des Jungen tragen neben endogenen in ganz erheblichem Maße exogene Faktoren bei, wie etwa Rollenbilder und erlebte Rollenstereotype, soziale und sexuelle Normen, erlernte Verhaltensmuster, Männlichkeits-, Moral- und Wertvorstellungen. Dies alles führt in dynamischen, wechselwirksamen Prozessen in Kindheit und Jugendphase erst allmählich zu einer stabile(re)n sexuellen Identität des Jungen. Sexualität wird zwar gerne mit Natürlichkeit, Körperlichkeit und Ursprünglichkeit im Geschlechtlichen assoziiert. Gleichwohl gibt es in einer sozial und geschlechtlich durchformten Gesellschaft keine „natürliche“ Sexualität. Jede Sexualität, jede sexuelle Entwicklung und jede sexuelle Identität ist immer auch geschlechtlich eingefärbt und bedingt.

Kindheit

Mit etwa 2 Jahren sind Kinder in der Lage, das eigene und das andere Geschlecht aufgrund von Geschlechtsmerkmalen wahrzunehmen. Die Kennzeichen beider Geschlechter wurden im sozialen Umgang vermittelt und gelernt. Mit dem Erkennen der Geschlechterstruktur und der eigenen Zuordnung zum männlichen Geschlecht sind Jungen in ihrer weiteren sexuellen Entwicklung auf männliche Skripte orientiert. Gerade weil das Männliche häufig mit Sexualität, sexueller Potenz konnotiert ist, ist die geschlechtliche Entwicklung von Jungen oft stark an Sexuelles gekoppelt: „Männlich“ und „Sexualität“ entfalten bei Jungen in Kindheit und Jugend eine Wechselwirkung und koppeln beide Aspekte aneinander.
Mütter und Väter kommunizieren mit ihren Söhnen schon im Säuglingsalter anders als mit ihren Töchtern. Dazu trägt auch das Verhalten des Jungen bei, bedingt durch das neonatale Imprinting. In der Folge lässt dies das Interesse am Sexuellen in der Kindheit und in der Jugendphase, auch bezogen auf das soziale Geschlecht (Gender), unterschiedlich akzentuiert erscheinen. Nicht wenige finden erst allmählich über den Sex zur Liebe („Bumsen kann ich alleine, aber lieben habe ich von meiner Freundin gelernt“ nach Gernert 2010).
Jungen bevorzugen im Alter ab etwa 3 Jahren primär gleichgeschlechtliche Spielpartner; sie dienen ihnen als Orientierung im Geschlechtlichen. Beide Geschlechter entwickeln bereits als Kleinkinder unterschiedliche Beziehungsstrukturen. Mädchen bevorzugen flache Hierarchien und orientieren sich an sozialen Kompetenzen. Jungen ziehen Stärke, Macht und steile Hierarchien vor. Dabei bestehen allerdings große Überlappungen. Diese Strukturen beeinflussen das Geschlechterverhältnis nachhaltig.

Pubertät

Mit der Pubertät ist Sexualität bei den meisten Jungen ein wesentliches Moment ihrer alltäglichen geschlechtlichen Praxis und ihres männlichen Selbstbildes. Die Pubertät bringt mit der Entwicklung der Geschlechtsreife einerseits und der damit verbundenen Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale andererseits neue Dimensionen in das Verhältnis beider Geschlechter zueinander. Selbstbefriedigung, homoerotische „Übungskontakte“ und in der Folge homo- oder heterosexuelle Beziehungen bringen über Brust- und Genitalpetting sowie den verschiedenen Spielarten des Geschlechtsverkehrs neue und zumeist in der Zielsetzung tiefere Gefühlsstrukturen.
Die soziale Stellung und Interaktionen haben wesentlichen Einfluss auf die geschlechtsbezogene Entwicklung der männlichen Identität und auch auf die Entdeckung und Aneignung genitaler Sexualität. Mit der Pubertät werden andere Menschen als sexuelle Objekte wieder interessanter und damit auch die Verbindung von Sexualität mit Geschlechterbildern. Damit wird die sexuelle Entwicklung aber auch abhängig(er) von anderen, die den Jungen ja ebenfalls als attraktiv identifizieren müssen: Das Imponierverhalten und die Selbstdarstellung sind (wenn auch in Grenzen) durchaus im Sinne eines prosozialen Konzepts der Partnerfindung zu verstehen. Der Junge richtet sich auch danach, wie er sich Chancen bei – je nach seiner sexuellen Orientierung – der erwünschten Partnerin bzw. dem erwünschten Partner ausrechnen kann: Er muss dabei die eigenen sexuellen Wünsche mit dem verknüpfen, wie er denkt, dass er sein muss, um begehrt zu werden.
Als Schnittstelle zwischen Sex und Gender verweisen ethnokulturelle Studien darauf, dass solche reproduktive Sexualität ein zentrales Moment von Männlichkeitsvorstellungen und -ideologien darstellt. Durch diese kulturelle Verankerung ist männliche Sexualität auch im Biologisch-Reproduktiven unausweichlich durch Männlichkeitsbilder „besetzt“. Die Aneignung, das Praktizieren und Weiterentwickeln männlicher Sexualität bedeutet für Jungen und Männer immer Aneignung von, Auseinandersetzung mit und Bewältigung dieser Besetzung. Dazu nutzen sie Medien wie Zeitschriften, Fernsehen, Internet, aber auch Gleichaltrige und die Schule. Das Muster der Verstrickung von jugendpubertärer und sozialer Hilflosigkeit und ihrer Abspaltung in überhöhte Maskulinität lässt sich in Grundzügen bei deutschen Jugendlichen gerade aus sozial benachteiligten Milieus ausmachen. Dies ist ein Indiz dafür, dass der Faktor „soziale Benachteiligung“ wesentlich auslösend für dies Verhalten ist.
Fachlich weiter gefasst, gilt Sexualität heute als eine Form der Lebensenergie. Hier verbindet sich körperliches Streben (Erleben, Empfinden) mit sozialen Aspekten (Begehren, Interaktion). Wenn Jungensexualität dem folgend als allgemeine, auf körperliche Lust bezogene Lebensenergie von Jungen definiert wird, öffnet sich ein weites Feld des Verhaltens und Erlebens. Es beinhaltet immer Formen der grundsätzlichen Akzeptanz und des Gelingens männlicher Sexualität, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Gelingen von Beziehung, von Verständigung zwischen den beteiligten Personen. Jungen fühlen sich nach wie vor besonders verantwortlich für das Gelingen partnerschaftlicher Sexualität. Dabei sind sich Mädchen und Jungen einig: Für das Gelingen der sexuellen Interaktion ist der Junge zuständig. Gleichwohl scheint der Aspekt der Lust zumindest bei Jungen in ihrer reflektierten Perspektive auf heterosexuelle Sexualität zurückzustehen. Sie stellen eher die Frage „Was wünscht das Mädchen?“ als „Wie komme ich zu meiner eigenen Lust?“. Für Jungen ist es wichtig, sich männlich-sexuell zu zeigen. Wechselnde Partnerschaften werden eher positiv bewertet.
Die Forschung zeigt, dass Gendernormen und Ungleichheiten bei der Machtverteilung die sexuellen Einstellungen und Praktiken, aber auch die sexuelle Gesundheit von Jungen und Mädchen negativ beeinflussen. Darüber hinaus sind die Gleichstellung der Geschlechter und die Erfüllung der Rechte junger Menschen wesentliche Voraussetzungen dafür, dass sie fundierte Entscheidungen über Sexualität und Gesundheit treffen – und auch danach handeln. Die mangelnde Gleichstellung der Geschlechter hat direkten Einfluss auf ein riskantes Sexualverhalten bzw. es sind die, auf die Gleichstellung der Geschlechter zielenden Einstellungen mit einem verstärkten Gebrauch von Kondomen und Kontrazeptiva verbunden.
Das frühere Ejakularchealter, der frühere Beginn sexueller Aktivität und die geringere Akzeptanz von kontrazeptiven Maßnahmen, bei gleichzeitig gehäuftem Vorkommen wechselnder Partnerschaften und oftmals eingeschränkten Informationsmöglichkeiten bei Jungen mit Migrationshintergrund, gibt Anlass zum Nachdenken. Hier sollte in einer pluralistischen Gesellschaft zukünftig in Informations- und Aufklärungskampagnen der Fokus vermehrt auf Jungen (und Mädchen) mit Migrationshintergrund gerichtet werden.

Sexuelle Orientierung: Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität sowie sexualisierte Gewalt

Ein wichtiger Aspekt der Identitätsfindung in der Jugendphase ist die Klärung der sexuellen Orientierung. Das Spektrum reicht hierbei von ausschließlich homosexuell über bisexuell bis zu ausschließlich heterosexuell. Die meisten Menschen bewegen sich nicht am einen oder anderen Extrempol, sondern sind auch in Richtung Bisexualität orientiert. So macht ein Teil der Jungen die ersten genitalsexuellen Erfahrungen mit anderen Jungen (homoerotische Phase – nicht gleichzusetzen mit homosexueller Orientierung!). Problematisch ist dabei die gesellschaftliche Normierung und Fixierung des Sexuellen, sodass nur das heterosexuelle Modell als normal oder zulässig definiert ist.
Für die allermeisten männlichen Jugendlichen liegt Homosexualität jenseits der Frage nach sexueller Gesundheit. Dennoch ist die Haltung zur Homosexualität nicht vorbehaltlos oder völlig neutral. Heterosexualität bestimmt Zugehörigkeit zur Normalität, mit Homosexualität droht Exklusion. Gerade diese Engführung kann in der Jugendphase unnötige Entscheidungskonflikte produzieren und schränkt die grundsätzliche sexuelle Vielfalt ein. Genau genommen ist damit nicht die Vielfalt der Möglichkeiten Kern des Problems, sondern die normative Reduktion auf die eine sexuelle Orientierung. Als sehr problematisch anzusehen sind die Angaben homosexuell (oder bisexuell) orientierter Jungen und jungen Männer, die fast ebenso sehr von sexueller Gewalt betroffen sind wie die jungen Frauen – jeder Fünfte berichtet von sexuellen Übergriffen (21 %).

Sexualisierte Gewalt

Dass sexuelle Übergriffe auf heterosexuell orientierte Jungen und junge Männer kaum eine Rolle spielen, darf bezweifelt werden. Obwohl Männer insgesamt häufiger Opfer von körperlicher Gewalt werden als Frauen, sind die Gewaltopfererfahrungen von Männern im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs wenig repräsentiert. Ein Problem dabei ist die soziale Akzeptanz einer männlichen Opferrolle. Die Datenlage ist hier sehr dürftig. Bislang wurde dieses Problem fast ausschließlich in Bezug auf Mädchen und jungen Frauen gesehen. Aus diesem Grund plädieren Puchert et al. dafür, dass in dem gesamten Präventionsbereich die männlichen Gefährdungen stärker beachtet bzw. erstmals aufgenommen werden. Dazu gehört z. B. eine Überarbeitung der Präventionsmaterialien, wobei hier auch besonders darauf zu achten ist, dass Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt Beachtung finden.

Homosexualität

Mindestens 4 % aller Jungen zwischen 16 und 25 Jahren bekennen sich zu einer eindeutigen Präferenz für das eigene Geschlecht; weitere Jungen erleben gleichgeschlechtliches Begehren, ohne sich für eine Präferenz zu entscheiden. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten ein erheblicher Wandel in der Bewertung männlicher Homosexualität stattfand, wird der gleichgeschlechtlichen Orientierung der Status der Normalität nicht uneingeschränkt zugestanden. Hintergrund dafür ist die tradierte Abwertung, Tabuisierung, Pathologisierung und Bestrafung von Homosexualität. Mit dieser kulturellen und moralischen Hypothek ist Homosexualität belastet, auch wenn sich mittlerweile viele Männer öffentlich zu dieser sexuellen Orientierung bekennen. Gleichwohl hat sich der Umgang mit Homosexualität entspannt. Laut Winter und Neubauer gilt: „Das Vorhandensein von Homosexualität wird von den Jungen wohl mehr als gegebene oder schicksalshafte Tatsache genommen, wobei es als besseres Los gilt, nicht schwul zu sein.“
Abgesehen von medizinischen Folgen sexueller Praktiken Homosexueller, die aber auch bei Frauen auftreten können (z. B. Analverkehr und HPV-assoziierte anogenitale Tumoren), ist Homosexualität kein medizinisches, sondern in erster Linie eine psychisches und soziales Thema. Weil über der Homosexualität die Wahrnehmung der Abnormalität schwebt, sind viele Jungen irritiert oder verstört, wenn sie ihre homosexuelle Neigung entdecken oder allmählich bestätigt fühlen. Sie befürchten Stigmatisierung und ihre Homosexualität kann zu Stress, Depressionen, psychischen Belastungen führen (Suizidzahlen sind bei homosexuellen Jungen deutlich erhöht).
In Medizin, Bildung und sozialer Arbeit bedeutet dies, aufmerksam zu sein und aktiv zu werden. Eine passive, abwartende Haltung kann dabei nicht ausreichen: Alle Jungen benötigen Informationen darüber, dass und wie Homosexualität normal ist. Diejenigen, die homosexuell sind oder werden, brauchen gegebenenfalls Unterstützung bei der Bewältigung von Ausgrenzungserfahrungen. Jungen benötigen von Erwachsenen klare Positionierungen in der Richtung, dass Homosexualität völlig normal ist und überall vorkommt. Wichtig ist dabei, Heterosexualität nicht versteckt als Norm darzustellen.

Bisexualität

Noch problematischer als Homosexualität ist eine echte bisexuelle Orientierung. Während vor allem dauerhafte homosexuelle Partnerschaften allmählich zumindest weitgehend akzeptiert werden (z. B. mit der Zulassung der gleichgeschlechtlichen Ehe), gibt es für Bisexualität bislang keine gesellschaftlich akzeptierte Lebensform. Der unreflektierte Zwang zur Monogamie verlangt eine Entscheidung für eine sexuelle Orientierung. Wie bei Homosexualität ist es gerade Aufgabe von Jugendärzten und -ärztinnen Jugendliche und ihre Familien in solchen Konfliktsituationen vertrauens- und verständnisvoll zu beraten.

Verhütungsverhalten

Generell interessieren sich Jungen im Verlauf der Pubertät weniger für Schwangerschaft und Verhütung. Zum wichtigen Thema Empfängnisverhütung (besser: Zeugungs- bzw. Vaterschaftsverhütung) haben 2014 25 % der Jungen zwischen 14 und 17 Jahren Informationsbedarf. Jungen mit deutscher Staatsangehörigkeit sind in 51 % von ihren Eltern zur Zeugungsverhütung beraten worden (JmM: 36 %). Das Kondom ist mit deutlichem Abstand bei beiden Geschlechtern das Verhütungsmittel Nummer eins (JoM: 70 %, JmM: 68 %; MoM: 77 %, MmM: 71 %). Bei Jungen mit Migrationshintergrund wird, trotz rückläufiger Zahlen, der höchste Anteil nicht verhütender Personen (10 % – 14- bis 17-Jährige) beobachtet. Mit zunehmender Geschlechtsverkehrserfahrung tritt der Gebrauch des Kondoms hinter die Pille zur Kontrazeption zurück. Jungen mit Migrationshintergrund liegen bei der Nicht-Verhütung beim ersten Geschlechtsverkehr mit 13 % (JoM: 9 % – 14- bis 25-Jährige) am höchsten. Einer der Hauptrisikofaktoren besteht darin, den ersten Geschlechtsverkehr nicht innerhalb einer festen Partnerschaft oder wenigstens mit einem/einer guten Bekannten zu erleben. Ist das der Fall, schnellen die Zahlen ungeschützten Verkehrs nach oben. Der Langzeittrend des generellen Verhütungsverhaltens („achte immer sehr genau auf Verhütung“) hat sich seit 1984 auf hohem Niveau eingependelt (Mädchen 77 %) mit tendenzieller Steigerung bei den Jungen: 2005: 62 %; 2009: 63 %; 2014: 66 %). Positiv wirkt sich aus, wenn von Elternseite zum Thema Verhütung beraten wurde. Bei Jungen/Männern nichtdeutscher Herkunft ist hingegen kein großer Einfluss des Elternhauses zu sexuellen Fragen erkennbar.
Erfreulich ist, dass mehr als die Hälfte der 14- bis 25-jährigen, sexuell aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen die beidseitige Verantwortlichkeit bei der Frage der Verhütung in einer Partnerschaft sieht (Jungen: 60 %; Mädchen: 54 %) Wenn nur einer der beiden Partner die Verantwortung für Verhütung übernimmt, dann liegt sie in der Regel beim weiblichen Part.
Aus internationalen Kampagnen ist bekannt, wie sehr das Verhütungsverhalten der Mädchen und Frauen von der Einstellung des männlichen Partners geprägt ist. Daher ist man dort dazu übergegangen, vor allem die Jungen und Männer in den Fokus der Verhütungsplanung zu nehmen. Das nach wie vor gängige Bild von Männlichkeit als Versorger und Beschützer bei gleichzeitiger Sozialisation in Peergruppen mit vorherrschend heterosexuellen Eroberungsvorstellungen und rigiden Gendernormen führt dazu, dass sexuelle Aufklärung sowie Themen rund um Verhütung immer noch als „Weiberkram“ angesehen werden. Dies gilt umso mehr, je geringer das Bildungsniveau und je „südlicher“ die männliche Sozialisation angesiedelt ist.
Jungen mit Migrationshintergrund sind früher und damit zunächst insgesamt leicht häufiger sexuell aktiv als ihre deutschen Geschlechtsgenossen (JmM: 32 %/JoM: 28 %). Interessant ist dabei das unterschiedliche Sexualverhalten gerade der Minderjährigen. Während Jungen deutscher Herkunft im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zu mehr als der Hälfte bisher nur eine einzige Sexualpartnerin hatten (52 %), ist eine solche feste Bindung bei den Jungen mit Migrationshintergrund auch in diesen jungen Jahren nicht sehr ausgeprägt. Nur bei einem knappen Viertel beschränken sich die sexuellen Kontakte auf eine einzige Partnerin, viele haben in diesem Alter bereits mehrfach ihre Sexualpartnerinnen gewechselt.
Die generell frühere Geschlechtsverkehrserfahrung der Jungen mit Migrationshintergrund ist Folge des Entwicklungsvorsprungs gegenüber den deutschen Jungen, des vorherrschend traditionellen Bildes von Männlichkeit und des oftmals geringeren Bildungshintergrundes. Dabei treffen sie auf Mädchen ohne Migrationshintergrund, die wesentlich liberalere Einstellungen zur Sexualität haben als Mädchen mit Migrationshintergrund. Gerade bei flüchtigen Bekanntschaften schnellen die Zahlen ungeschützten Verkehrs nach oben auf 22 % bei den männlichen und 15 % bei den weiblichen Befragten. Das betrifft 10 % der Mädchen/jungen Frauen und 17 % der Jungen/jungen Männer: Sie kannten ihre(n) erste(n) Sexualpartner(in) kaum. Auch bezüglich des generellen Verhütungsverhaltens ist gewissenhafte Verhütung weiterhin eher Frauen- als Männersache (M: 77 %/J: 66 %).
Besonders problematisches Verhütungsverhalten findet sich u. a. bei kulturellen Differenzen und traditionellen Geschlechterrollen. Dies und die gerade bei Jungen mit Migrationshintergrund festzustellende schlechtere Verhütungsplanung bei zusätzlich gerade in jüngeren Jahren bestehendem häufigerem Wechsel der Sexualpartnerinnen muss zukünftig bei Beratung zur Kontrazeption stärker fokussiert werden, wobei vorrangig die Jungen angesprochen werden und traditionelle Geschlechterrollen hinterfragt werden sollten. Das Bild von Männlichkeit und Sexualverhalten im Jugendalter hat darüber hinaus vielfach direkte Konsequenzen auf zukünftiges Sexual- und Gesundheitsverhalten im Erwachsenenalter.

Pornografie

Der Konsum pornografischer Medien – insbesondere im Internet – ist für männliche Jugendliche Teil ihrer Normalität. Masturbationserfahrung bei Jungen ist häufig mit Pornokonsum verknüpft und Masturbationserfahrung bedeutet den Einstieg in die genitale Sexualität. Mehr Jungen als Mädchen haben Interesse an pornografischen Inhalten: Die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der Mädchen im selben Alter haben schon „echte Pornos“ gesehen: die große Mehrheit im stationären (85 %) sowie im mobilen Internet (30 % der Mädchen und 41 % der Jungen). Mit 17 haben knapp die Hälfte der Mädchen und 83 % der Jungen „echte Pornos“ gesehen. In erster Linie bekommen Jugendliche heute Zugang zu Pornos über das Internet.
Während Mädchen Pornografie eher nicht ansehen möchten, finden Jungen sie mehrheitlich erregend. Dabei können Jungen sehr wohl zwischen virtuellen und realen Sexwelten unterscheiden. Aber Jungen stehen oft auch unter Druck, dem Gezeigten nicht gerecht werden zu können. Dies führt zur Zunahme von Unsicherheiten bezüglich realer Sexualität: Fragen, mit denen sie sich Pornos zugewandt haben, führen zu neuen Fragen. Jungen sind daher zu bestärken, sich durch die vermittelten Stereotypen (größer, häufiger, standhafter etc.) nicht unter (Leistungs-)Druck setzen zu lassen. Wegen der gezielten Zugänge auch zu drastischen Darstellungen von Sexualität sind gerade Jungen für Grenzüberschreitungen zu sensibilisieren.

Indikatoren für sexuelle Gesundheit männlicher Jugendlicher

Im Gegensatz zu Störungen und Erkrankungen im Bereich der Sexualität ist der Korridor des Gesunden bislang kaum formuliert. Um insbesondere die männliche Sexualität aus der unbedingten Assoziation mit Störungen und Gefährdungen zu lösen, wird eine andere Perspektive benötigt. Indikatoren sexueller Gesundheit können dabei helfen, das Gesunde stärker in den Blick zu bekommen, sexuelle Gesundheit darzustellen, sie reflektierbar und beurteilbar zu machen. Solche Indikatoren sind – als Ableitung aus Beschreibungen – deskriptiv zu begreifen und dürfen nicht normativ oder digital (miss-)verstanden werden (digital im Sinne von: „trifft zu = gesund“, „trifft nicht zu = krank“). Ein erster Vorschlag wurde aus Interviews mit männlichen Jugendlichen und mit den Expertinnen, Experten und Schlüsselpersonen sowie ergänzend aus der Fachliteratur abgeleitet, nach Winter 2017 abgeglichen und entwickelt. Dabei wurden die erhobenen Kompetenzbereiche, Merkmale oder „Marker“ des Gesunden entlang der „klassischen“ Aufteilung in physische, soziale, psychische Gesundheit geordnet und gruppiert. Es würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen, alle Indikatoren hier aufzuführen.
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