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10.09.2021 | Hirntraumen | Nachrichten

Häufig gestellte Elternfrage

Nach der Gehirnerschütterung ans Handy?

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

In den ersten 48 Stunden nach einer Gehirnerschütterung sollte man bei Jugendlichen zumindest versuchen, sie von Fernseher und Smartphone fernzuhalten. In einer randomisierten Studie stieg mit der Bildschirmabstinenz die Chance auf eine rasche Genesung um 50%.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Nach einer Gehirnerschütterung empfiehlt man jugendlichen Patienten in erster Linie Ruhe. Was vor allem Eltern immer wieder nachfragen, Leitlinien aber bisher nicht explizit erwähnen, ist, ob man den Teenies erlauben darf, während der akuten Genesungsphase fernzusehen oder ihr Smartphone zu nutzen.

Randomisierte Studie

Ein Team der Massachusetts Medical School in Worcester ist dieser praxisrelevanten Frage in einer randomisierten kontrollierten Studie nachgegangen. Sie teilten 125 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren (mittleres Alter 17), die sich höchstens 24 Stunden zuvor eine Gehirnerschütterung zugezogen hatten, in zwei Gruppen ein: 66 erhielten die Erlaubnis, in den ersten 48 Stunden nach dem Unfall hemmungslos fernzusehen, zu chatten oder zu daddeln. Den übrigen 59 war jegliche Beschäftigung am Bildschirm über den gleichen Zeitraum verboten.

Ganz streng wurde diese Regel nicht befolgt, aber immerhin: In der Gruppe mit verordneter Bildschirmabstinenz wurde über die ganzen zwei Tage im Mittel nur zwei Stunden ein Bildschirmgerät genutzt. In der Vergleichsgruppe dagegen waren es 630 Minuten.

Der Erfolg wurde mithilfe der Post-Concussive Symptom Scale (PCSS) gemessen. Die Skala umfasst 22 Symptome, von Kopfschmerzen oder Schwindel über extreme Müdigkeit bis hin zu erhöhter Reizbarkeit oder Traurigkeit. Jedes Symptom wird mit Punktwerten zwischen 0 und 6 bewertet, wobei höhere Werte stärkeren Beschwerden entsprechen. Im Extremfall können demnach 132 Punkte erreicht werden.

Daddeln senkt die Chance auf rasche Heilung

In der Studie kam es darauf an, wie viele Tage seit dem Unfall vergangen waren, bis ein Zielwert von insgesamt 3 Punkten erreicht oder unterschritten wurde. Laut dem Autorenteam um Dr. Theodore Macnow war die bildschirmabstinente Gruppe in dieser Hinsicht deutlich überlegen. Der Zielwert wurde hier median nach dreieinhalb Tagen erreicht, in der Vergleichsgruppe ohne Beschränkungen dauerte es dagegen satte acht Tage – ein signifikanter Unterschied. Die Chance auf eine Genesung innerhalb des zehntägigen Untersuchungszeitraums war bei den Kids mit unbegrenzter Bildschirmzeit um 50% geringer. Dabei hatte der PCSS-Wert zu Studienbeginn in dieser Gruppe sogar um einiges niedriger gelegen (median 21 gegenüber 25 Punkten). Auch wenn man für die Genesung andere Grenzwerte festlegte, zeigte sich, dass Teenies, die länger am Bildschirm hingen, durchweg langsamer regenerierten.

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Nach Bildschirmabstinenz schneller wieder in die Schule

Aus Sicht der Eltern dürfte noch ein anderes Ergebnis relevant sein: Bis die Kinder wieder in die Schule konnten, dauerte es in der Gruppe mit restriktiver Nutzung im Mittel sechs Tage, bei den anderen sieben Tage. Für die Patienten selbst könnte wichtiger sein, dass sie mit der strengen Regelung einen Tag früher wieder Sport machen konnten (median nach sieben gegenüber acht Tagen).

Macnow und sein Team vermuten, dass die vermehrte Bildschirmnutzung die Augen anstrengt und das Hirn mit Lichtreizen überflutet. Beides könne zu einer Verschlechterung der Symptome beitragen. Fernsehen sei als „Migräne-Trigger“ bekannt, so die Forscher. Langes Daddeln oder Fernsehen am Abend könne außerdem den Schlaf beeinträchtigen, welcher bei Gehirnerschütterung als erholsam gilt.

Argumentationshilfe für Eltern

In der Leitlinie der International Concussion in Sports Group wird relativ schwammig empfohlen, eine „kognitive und körperliche Ruhephase“ von 24 bis 48 Stunden einzuhalten. Nach der aktuellen Studie haben Ärzte jetzt in puncto Fernseh- und Handykonsum eine deutlich konkretere Empfehlungsgrundlage. Und auch Eltern können sich auf diese Fakten stützen, wenn sie nach einem Sportunfall mit ihren Sprösslingen über Medienzeiten diskutieren. Nach Ansicht von Studienkommentatorin Dr. Sara P. D. Chrisman von der Universität Washington könnte in dem Bildschirmverzicht auch eine Motivation liegen: Nämlich die, dass die Patienten die unangenehmen Symptome im Idealfall um rund vier Tage abkürzen und somit schneller wieder an Aktivitäten teilnehmen können, die ihnen Spaß machen.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Hat die Zeit, die Jugendliche in den ersten 48 Stunden nach einer Gehirnerschütterung am Bildschirm verbringen, Einfluss auf die Dauer der Symptome?

Antwort: Ja, mit deutlich eingeschränkter Nutzung von Smartphone und Fernseher verkürzte sich die Symptomdauer signifikant. Die Chance auf Genesung innerhalb der Studiendauer stieg um 50%.

Bedeutung: Jugendliche sollten sich in der akuten Phase nach einer Gehirnerschütterung von Bildschirmen fernhalten.

Einschränkung: Monozentrische Studie; Dauer der Bildschirmnutzung wurde von den Patienten selbst angegeben; Effekte verschiedener Nutzungsarten (z. B. Fernsehen, Videospiele, Social Media) nicht untersucht.

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