Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Kai Spiegelhalder und Dieter Riemann

Paradoxe Insomnie

Das Hauptcharakteristikum der Paradoxen Insomnie ist eine Beschwerde über eine ausgeprägte Insomnie, ohne dass es objektiv messbare Veränderungen des Schlafs gibt bzw. diese Veränderungen so leicht sind, dass sie die Beschwerde nicht erklären können. In einigen Fällen ist die Schilderung der Schlafstörung so dramatisch, dass sie physiologisch sehr unwahrscheinlich erscheint. Die schlafmedizinischen Klassifikationssysteme ICSD und ICSD-2 beschrieben die Paradoxe Insomnie als eigenständige Insomnieform, während sie in der ICSD-3 zugunsten einer umfassenden Kategorie Chronische Insomnie nicht mehr als Störungsbild aufgeführt wird. Im DSM-5 wird die Paradoxe Insomnie als Insomnie klassifiziert.

Synonyme

Fehlwahrnehmung des Schlafzustands; Pseudoinsomnie; Schlafhypochondrie; Subjektive Insomnie

Englischer Begriff

paradoxical insomnia; sleep state misperception

Definition

Das Hauptcharakteristikum der Paradoxen Insomnie ist eine Beschwerde über eine ausgeprägte „Insomnie“, ohne dass es objektiv messbare Veränderungen des Schlafs gibt bzw. diese Veränderungen so leicht sind, dass sie die Beschwerde nicht erklären können. In einigen Fällen ist die Schilderung der Schlafstörung so dramatisch, dass sie physiologisch sehr unwahrscheinlich erscheint.
Die schlafmedizinischen Klassifikationssysteme ICSD (International Classification of Sleep Disorders 1991) und ICSD-2 (2005) beschrieben die Paradoxe Insomnie als eigenständige Insomnieform, während sie in der „ICSD-3“ (2014) zugunsten einer umfassenden Kategorie Chronische Insomnie nicht mehr als Störungsbild aufgeführt wird. Im DSM-5 wird die Paradoxe Insomnie als Insomnie klassifiziert.

Genetik, Geschlechterwendigkeit

Bislang liegen keine Untersuchungen zu einer genetischen Disposition für die Paradoxe Insomnie vor. Ebenso ist das Geschlechtsverhältnis unbekannt. Man nimmt jedoch aufgrund der allgemeinen Studien zu Insomnien an, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Epidemiologie

Genauere Zahlen zur Prävalenz in der Bevölkerung liegen nicht vor. Für klinische Populationen wird angenommen, dass die Paradoxe Insomnie etwa 5 % aller Patienten mit Insomnien betrifft.

Pathophysiologie, Psychophysiologie

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“. Im Speziellen wird für Patienten mit Paradoxer Insomnie diskutiert, ob eine Veränderung der spektralen Zusammensetzung des nächtlichen EEGs mit einer Veränderung der Schlafwahrnehmung einhergeht oder diese verursacht.

Symptomatik

Im Vordergrund steht bei der Paradoxen Insomnie eine ausgeprägte Beschwerde über einen gestörten Schlaf, zum Teil sogar die Klage, überhaupt nicht mehr schlafen zu können. Dies deckt sich im Regelfall mit den subjektiven Daten aus „Schlaftagebücher“. Die Beschwerde über sehr wenig oder sogar keinen Schlaf wird begleitet von Berichten über nächtliche kognitive Prozesse, die dazu passen, dass diese Menschen wach sind. Neben kognitiver Hypervigilanz besteht zudem eine Hypersensibilität in Bezug auf externe Reize während der Nacht. Viele der Betroffenen äußern die Sorge, dass ihre Schlaflosigkeit möglicherweise gravierende Langzeiteffekte bezüglich Gesundheit und Lebensdauer haben könnte.
Wie andere Patienten mit Insomnie berichten auch Patienten mit einer Paradoxen Insomnie Tagessymptome, die mit den Schlafbeschwerden im Zusammenhang stehen. Jedoch ist das Ausmaß der Tagessymptomatik im Hinblick auf Schläfrigkeit, Konzentrations- und Leistungsbeeinträchtigungen nicht so ausgeprägt, wie es bei der berichteten Schwere der Schlafstörung zu erwarten wäre. Es gibt keine Hinweise auf eine Häufung von Arbeitsunfällen oder Verkehrsunfällen bei den Betroffenen.
Die Erstmanifestation der Fehlwahrnehmung des Schlafzustandes liegt häufig im jungen Erwachsenenalter oder während des mittleren Alters. Bei Kindern und Jugendlichen ist sie eher ungewöhnlich. Sie kann Monate und Jahre andauern, ohne dass es zu Veränderungen kommt. Manche Patienten zeigen jedoch im Verlauf eine zunehmende Verschlechterung objektiver Schlafmuster (Salin-Pascual et al. 1992).

Psychosoziale Faktoren

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Komorbide Erkrankungen

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Diagnostik

Die Diagnosestellung basiert auf der „Anamnese“, „Schlaftagebücher“ und einer objektiven Messmethode, zum Beispiel der „Polysomnographie“. Eine Fremdanamnese kann zudem hilfreich sein. Daten aus Schlaftagebüchern stützen im Regelfall die Aussage der Patienten, gelegentlich gibt es aber Hinweise von Bettpartnern oder aus einer objektiven Schlafuntersuchung, die auf eine Diskrepanz zwischen subjektivem Empfinden und objektiven Befunden deuten. Eine Überschätzung der Einschlaflatenz und generell eine massive Unterschätzung der geschlafenen Zeit im Verhältnis zu dem, was objektiv bei einer „Polysomnographie“ gemessen wird, sind die zentralen Befunde bei der Paradoxen Insomnie. Insbesondere das Ausmaß dieser Diskrepanz unterscheidet die Paradoxe Insomnie von anderen Insomnieformen.

Differentialdiagnostik

Differentialdiagnostisch kann es schwierig sein, die Paradoxe Insomnie von der „Psychophysiologische Insomnie“ zu unterscheiden, da ein hoher Überlappungsgrad besteht (Edinger und Fins 1995). Im Gegensatz zu Patienten mit Psychophysiologischer Insomnie zeigen sich bei vielen Patienten mit Paradoxer Insomnie keine den Schlaf störenden Assoziationen, die die Schlafstörung aufrechterhalten. Die Abgrenzung gegenüber Schlafstörungen, die im Rahmen psychiatrischer und neurologischer Erkrankungen auftreten, ist meist einfach, da Patienten mit einer Fehlwahrnehmung des Schlafzustandes in der Regel psychopathologisch unauffällig und durch die Schlafstörung tagsüber kaum beeinträchtigt sind.

Prävention

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Therapie

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Rehabilitation

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Nachsorge

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Psychosoziale Bedeutung

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Prognose

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Zusammenfassung, Bewertung

Bei der Paradoxen Insomnie liegt eine massive Diskrepanz der subjektiven Wahrnehmung des Schlafs gegenüber den objektiv gemessenen Befunden vor. Das Ausmaß an Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit und der Funktionsfähigkeit während des Tages steht nicht in Relation zur subjektiven Schlafstörung und ist geringer ausgeprägt als bei der Psychophysiologischen Insomnie. Es stellt eine wissenschaftliche Herausforderung dar, zu klären, warum diese Patienten eine so massive Diskrepanz zwischen objektivem Befund und subjektivem Befinden entwickeln (Edinger und Krystal 2003). Möglicherweise gibt es hierbei einen Zusammenhang zu einer Fragmentierung des REM-Schlafs (Riemann et al. 2012).
Literatur
American Academy of Sleep Medicine (1991) International Classification of Sleep Disorders Diagnostic and Coding Manual (ICSD-2). American Academy of Sleep Medicine, Rochester
American Academy of Sleep Medicine (2005) International Classification of Sleep Disorders Diagnostic and Coding Manual (ICSD-2). American Academy of Sleep Medicine, Westchester
Edinger JD, Fins A (1995) The distribution and clinical significance of sleep time misperceptions. Sleep 18:232–239CrossRef
Edinger JD, Krystal AD (2003) Subtyping primary insomnia: is sleep state misperception a distinct clinical entity? Sleep Med Rev 7:203–214CrossRef
Riemann D, Spiegelhalder K, Nissen C, Hirscher V, Baglioni C, Feige B (2012) REM sleep instability – a new pathway for insomnia? Pharmacopsychiatry 45:167–176PubMed
Salin-Pascual RJ, Roehrs TA, Merlotti LA et al (1992) Long-term study of the sleep of insomnia patients with sleep state misperception and other insomnia patients. Am J Psychiatry 149:904–908CrossRef