Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen GABAB-Rezeptoren

Autoantikörper gegen GABAB-Rezeptoren
Synonym(e)
Antikörper gegen γ-Aminobuttersäure-Typ-B-Rezeptoren; Anti-GABAB-Rezeptor-Antikörper; GABAB-Rezeptor-Antikörper; GABABR-Antikörper
Englischer Begriff
antibodies against γ-aminobutyric acid-B receptor; antibodies to the GABAB receptor; anti-GABAB receptor antibodies; GABAB receptor antibodies; GABABR antibodies
Definition
Autoantikörper gegen transmembrane Rezeptoren, die in prä- und postsynaptischen Membranen des gesamten Zentralnervensystem (ZNS; insbesondere Hippocampus, Thalamus, Zerebellum) vorliegen. GABAB-Rezeptoren sind Heterotetramere, bestehend aus jeweils zwei GABAB1- und GABAB2-Untereinheiten. Sie sind assoziiert mit KCTD-Proteinen („potassium channel tetramerization domain-containing proteins“), welche die kinetischen und pharmakologischen Rezeptoreigenschaften bestimmen. Die immunrelevanten Epitope sind primär in der GABAB1-Untereinheit lokalisiert.
Funktion – Pathophysiologie
GABAB-Rezeptoren sind metabotrope, G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Die Bindung des inhibitorischen Neurotransmitters γ-Aminobuttersäure (GABA) an die GABAB1-Untereinheit führt über eine G-Protein-vermittelte Signalkaskade prä- und postsynaptisch zur Aktivierung von Kaliumkanälen, zum Schließen von Calciumkanälen und über die Abnahme der Calciumkonzentration zu einer reduzierten Transmitterfreisetzung aus der Präsynapse. Die Bindung spezifischer Antikörper inhibiert die Rezeptorfunktion, die Autoimmunreaktionen verursachen eine limbische Enzephalitis (Anfälle, Verwirrtheit, Gedächtnisdefizite u. a.). Entsprechend findet man ein erhöhtes Risiko für Temporallappenepilepsie. Die häufige Assoziation der Anti-GABAB-Rezeptor-Enzephalitis mit kleinzelligen Bronchialkarzinomen (SCLC) und deren Fähigkeit zur Expression synaptischer Proteine spricht für die Möglichkeit einer tumorinduzierten pathologischen Immunantwort gegen GABAB-Rezeptoren.
Analytik
Autoantikörper gegen GABAB-Rezeptoren stellen sich im indirekten Immunfluoreszenztest (Immunfluoreszenz, indirekte) mit Gefrierschnitten des Hippocampus und des Zerebellum als grobgranuläre Fluoreszenz vorwiegend des Stratum moleculare dar. Der monospezifische Nachweis erfolgt mittels transfizierter HEK-293-Zellen, welche die GABAB1-/GABAB2-Untereinheiten rekombinant exprimieren.
Untersuchungsmaterial
Serum, Plasma oder Liquor.
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Diagnostische Wertigkeit
Autoantikörper gegen GABAB-Rezeptoren finden sich in Serum oder Liquor von Patienten mit einer speziellen Form autoimmuner limbischer Enzephalitis, die in 50–80 % der Fälle mit dem Auftreten eines Tumors, meist SCLC, einhergeht (fakultativ paraneoplastisch). Ein Teil der Patienten weist weitere Autoantikörper (z. B. Autoantikörper gegen Thyreoperoxidase, Autoantikörper gegen Glutamat-Decarboxylase, Autoantikörper gegen Gliazell-Nuclei, Autoantikörper gegen Calciumkanäle) auf. Nach Autoantikörper gegen Hu stellen Anti-GABAB-Rezeptor-Antikörper die zweithäufigste Immunreaktivität bei limbischer Enzephalitis mit SCLC dar. Positive Antikörperbefunde sollten daher eine intensive Tumorsuche nach sich ziehen.
Es empfiehlt sich, zusätzlich die wichtigsten anderen Autoantikörper gegen neuronale Antigene parallel zu untersuchen, was in vielen Fällen eine schnelle und sichere (ggf. unvermutete) lebenswichtige Diagnose zur Folge hat.
Akuttherapie: Methylprednisolon i.v. und Immunglobulinkonzentrate oder Plasmapherese.
Eskalation: Cyclophosphamid und Rituximab. Langzeittherapie: ggf. Azathioprin.
Literatur
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Wandinger KP, Klingbeil C, Gneiss C, Waters P, Dalmau J, Saschenbrecker S, Borowski K, Deisenhammer F, Vincent A, Probst C, Stöcker W (2011) Neue serologische Marker zur Differentialdiagnose der Autoimmun-Enzephalitis. J Lab Med 35:329–342