Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Clearance, glomeruläre

Clearance, glomeruläre
Englischer Begriff
glomerular clearance; glomerular filtration rate (GFR)
Definition
Die glomeruläre Clearance bezeichnet die Menge Plasma, die pro Minute von einer Substanz durch glomeruläre Filtration befreit wird. In Abhängigkeit von der angewandten Methode spricht man von endogener (z. B. Kreatinin, Cystatin C) oder exogener (Inulin, Iohexol, 99Tc-DTPA) Clearance.
Pathophysiologie
Die glomeruläre Clearance einer Substanz hängt ab von ihrer Molmasse, ihrer Ladung und der Bindung an andere größere Blutbestandteile. Eine Reduktion der glomerulären Clearance kann pathophysiologisch prärenale, renale und postrenale Ursachen haben.
Prärenale Ursachen der reduzierten glomerulären Clearance liegen vor, wenn es zum Absinken des kapillären Drucks durch Reduktion der renalen Durchblutung bei Abfall des Blutdrucks, durch lokale Verengung der Nierenarterien oder Erhöhung des venösen Drucks kommt.
Renale Ursachen stellen alle Formen der glomerulären Erkrankungen dar (Glomerulonephritis, diabetische Nephropathie, Nephrosklerose) die eine Reduktion der glomerulären Filtrationsfläche bewirken. Tubuläre Funktionsstörungen können durch Erhöhung des intratubulären Drucks (z. B. durch Verschluss des Tubulus bei Bildung von Zylindern oder Kristallen, die den Abfluss behindern), durch Rückkopplung bei Verminderung der Salzreabsorption (tubuloglomerulärer Feedback) die Clearance vermindern.
Bei postrenalen Ursachen der Druckerhöhung durch Tumoren, Steine oder Entzündungen der ableitenden Harnwege kommt es über eine Verminderung der tubulären Funktion zur Reduktion der glomerulären Filtration.
Untersuchungsmaterial
In Abhängigkeit von der angewandten Methode wird Plasma/Serum und über definierte Zeiten gesammelter Urin zur Ermittlung der glomerulären Clearance benötigt.
Analytik
Bezüglich der Analytik endogener Clearancesubstanzen wird auf die Analyte Kreatinin und Cystatin C verwiesen. Die Analytik von Inulin und/oder Iohexol erfolgt spektrophotometrisch.
Referenzbereich
Die glomeruläre Clearance wird in mL/min angegeben. Es besteht eine deutliche Altersabhängigkeit. Bei Kindern und bei großen Unterschieden in der Muskulatur wird eine zusätzliche Korrektur auf die Körperoberfläche empfohlen, vgl. dazu folgende Tabelle:
Alter
Glomeruläre Clearance (mL/min)
5–7 Tage
38–62
1–2 Monate
54–76
3–12 Monate
64–108
3–13 Jahre
100–145
14–39 Jahre
95–160
40–49 Jahre
>68
50–59 Jahre
>58
60–69 Jahre
>50
>70 Jahre
>48
Bewertung
Die glomeruläre Clearance stellt eine wesentliche Messgröße zur Erfassung der renalen Funktion dar. Sie wird bei Erprobungen von Medikamenten, Abschätzung des renalen Risikos und Dosierung nierengängiger Medikamente immer noch als das Maß für Nierenfunktion verwendet. Bezüglich der angewendeten Methodik haben sich zunehmend Erkenntnisse über die Grenzen der angewandten Methoden verbreitet. Nach Messung des Kreatinins mit einer enzymatischen Methode wurde deutlich, dass die endogene Kreatinin-Clearance ca. 20 % höher als die wahre glomeruläre Clearance ist. Da die früher als Goldstandard empfohlene Inulin-Clearance wegen der Anwendung von zu injizierenden Fremdstoffen und der fehleranfälligen aufwendigen Methodik nicht mehr angewandt wird und Isotopen ebenfalls nur bei strenger Indikation angewandt werden, wurde als alternativer Marker Cystatin C vorgeschlagen, das zunehmend als endogene Kenngröße verwendet wird und von Experten für unverzichtbar für die Berechnung der wahren Clearance gesehen wird.
Literatur
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Delanghe JR (2008) How to establish glomerular filtration rate in children. Scand J Clin Lab Invest 68(Suppl 241):46–51CrossRef
Grubb A (2017) Cystatin C is indispensable for evaluation of kidney disease. J int Fed Clin Chem 28:268–76
Hofmann W, Ehrich JHH, Guder WG, Keller F, Scherberich J (2011) Diagnostische Pfade bei Nierenerkrankungen. J Lab Med 35:127–146