Der multimere VWF besteht aus C-terminal dimerisierten Homodimeren (Molmasse VWF-Dimer: ca. 800 kDa), die über N-terminale Disulfidbrücken zu Multimeren (Molmasse bis zu ca. 20 Mio. Da) zusammengesetzt sind. Im Golgi-Apparat werden die N-Glykosylierungen des VWF modifiziert, die C-terminal (über Disulfidbrücken) dimerisierten Formen N-terminal (über Disulfidbrücken) multimerisiert und diese dann in Weibel-Palade-Granula (Endothelzellen) gespeichert und nach Aktivierung der Endothelzelle freigesetzt. In
Thrombozyten wird VWF in den α-Granula gespeichert und von dort freigesetzt. Die mittlere Plasmakonzentration beträgt 10 mg/L. Plasma-VWF kann durch Trypsin-ähnliche Proteasen wie Plasmin und Elastase oder insbesondere durch die Metalloprotease ADAMTS-13 abgebaut werden.
Endothelzellen und Plättchen geben ultragroße hochadhäsive VWF-Multimere in die Zirkulation ab. Sie werden dort oder an der Zelloberfläche der Endothelzellen von einer spezifischen Plasmaprotease gespalten, der VWF-cleaving Protease (ADAMTS-13, „a zinc and
calcium dependent disintegrin and metalloprotease with thrombospondin type 1 domains“). Ein Mangel an der VWF-cleaving Protease resultiert in unprozessierte sehr hochmolekulare VWF-Multimere im
Plasma. Diese ungewöhnlich großen VWF-Multimere können zu einer erhöhten Plättchenaggregation führen mit konsekutiver Thrombosierung von Mikrogefäßen und ischämischer Organschädigung. Bei der vererbten Form der thrombotisch-thrombozytopenischen Purpura (TTP) finden sich Defekte des ADAMTS13-Gens, während bei der erworbenen Form der TTP zirkulierende
Autoantikörper die Aktivität der Metalloprotease ADAMTS-13 inhibieren.
Zur Klassifizierung des angeborenen Mangels oder Defekts des VWF (
Von-Willebrand-Syndroms) vgl. Tab.
1.
Tab. 1
Klassifizierung des angeborenen Mangels oder Defekts des Von-Willebrand-Faktors (Von-Willebrand-Syndrom, VWS). (Beschreibung nach Keeney und Cumming
2001)
Typ 1 1–30:1000 >70 % von VWS | Partieller quantitativer VWF-Defekt. Erbgang typischerweise autosomal dominant mit reduzierter Penetranz und variabler Expressivität des Genotyps. Charakteristisch eine gleichsinnige Minderung des VWF:Ag und der VWF-Aktivität. Verteilung der Multimere ist normal. Vielzahl von Mutationen beschrieben, kein einheitlicher Defekt |
Typ 2A 10–15 % von VWS | Qualitativer VWF-Defekt, gekennzeichnet durch den Verlust hochmolekularer Multimere und durch eine VWF:RCo-Aktivität zu VWF:Ag-Relation <0,7. Autosomal dominant, Mutationen im A2-Repeat, verursachen einen gestörten intrazellulären Transport oder beschleunigten Abbau im Plasma |
Typ 2B <5 % von VWS | Qualitativer VWF-Defekt, in der Regel assoziiert mit einer Verminderung der hochmolekularen Multimere. Autosomal dominant vererbt. Agglutination auslösbar mit niedrigen Ristocetin-Konzentrationen. Mutationen im A1-Repeat können in einer erhöhten Bindungsaffinität an GPIb resultieren |
Typ 2M | Qualitativer VWF-Defekt, autosomal dominant vererbt, Mutationen und Deletionen im A1-Repeat, Verteilung der Multimere normal |
Typ 2N | Qualitativer VWF-Defekt, der zu einer reduzierten Bindung an FVIII führt und damit zum beschleunigten Abbau des zirkulierenden FVIIIs; Erbgang ist autosomal rezessiv |
Typ 3 1–5:1.000.000 | Klinisch schwerste Form des VWS mit einer deutlich verminderten oder fehlenden VWF-Aktivität und einer hieraus stark verminderten FVIII-Aktivität. Autosomal rezessiver Erbgang, gelegentlich auch homozygotes oder compound heterozygotes VWS Typ 1 |
Ursachen eines erworbenen Mangels an VWF können Hemmkörper sein, die vWF inhibieren oder einen beschleunigten Abbau des Faktors bewirken können. Ein erworbener Mangel kann auch Folge eines vermehrten Abbaus durch Proteolyse durch Plasmin oder Elastase (
Hyperfibrinolyse,
Sepsis, Promyelozytenleukämie) sein oder der Verlust an hochmolekularen Multimeren durch hohen Scherstress (z. B. an stenosierten Aortenklappen).