Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Augenmuskelproteine

Autoantikörper gegen Augenmuskelproteine
Synonym(e)
Augenmuskel-Autoantikörper; Autoantikörper gegen Augenmuskelgewebe
Englischer Begriff
eye muscle autoantibodies; extra ocular muscle autoantibodies
Definition
Autoantikörper, die gegen Proteine der Augenmuskeln gerichtet sind. Sie stehen in Verdacht, an Autoimmunprozessen in Zusammenhang mit der endokrinen Orbitopathie beteiligt zu sein. Hierfür gibt es noch keine ausreichenden Beweise, gegen TSH-Rezeptoren des retrobulbären Bindegewebes gerichtete Autoimmunreaktionen scheinen eine größere Rolle zu spielen.
Struktur
Die Augenmuskeln enthalten mehrere Proteine, die Zielstrukturen für Autoimmunprozesse darstellen könnten. Zu diesen Proteinen gehören das G2s-Protein, das als Untereinheit des Transkriptionsfaktors FOXP1 identifiziert wurde, das D1-Membranprotein (Leiomodulin), das Fp-Protein, die Flavoprotein-Untereinheit des Enzyms Succinat-Dehydrogenase sowie Calsequestrin und Sarcolumenin, 2 Calcium-bindende Proteine des sarkoplasmatischen Retikulums in Muskelzellen.
Funktion – Pathophysiologie
Die endokrine Orbitopathie (Ophthalmopathie, Exophthalmus) tritt häufig in Verbindung mit einer Morbus-Basedow-Erkrankung (autoimmune Schilddrüsenerkrankung) auf. Es gibt auch Fälle einer Ophthalmopathie ohne Schilddrüsenfunktionsstörung. Autoantikörper gegen TSH-Rezeptoren der Schilddrüse sind ein pathogenetisch relevantes Kennzeichen des Morbus Basedow, sie richten sich außer gegen Schilddrüsengewebe auch gegen Fibroblasten des Binde- und Fettgewebes der Augenhöhlen, der prätibialen Haut und mehrerer Organe. Damit in Zusammenhang stehen die extrathyreoidalen Manifestationen wie Exophthalmus und Myxödem, mit Entzündung und Schwellung des Binde- und Fettgewebes in den entsprechenden Bereichen. Im Frühstadium der Krankheit erkennen T-Lymphozyten Antigene des retrobulbären Bindegewebes. Es konnte gezeigt werden, dass auch die Fibroblasten des Augenhöhlengewebes TSH-Rezeptoren an ihrer Oberfläche tragen. Sie werden damit zum Ziel für die T-Zellen und die Antikörper. Die Fibroblasten der Augenhöhle bilden vermehrt flüssigkeitsbindende Moleküle, die sogenannten Glykosaminoglykane. Im Laufe der Zeit hypertrophiert das Bindegewebe, drängt die Muskelfasern auseinander und beeinträchtigt sie in ihrer Funktion. Die Augenmuskeln schwellen an (Ödem). Mononukleäre Zellen wandern vermehrt in das Binde-, Fett- und Muskelgewebe der Augenhöhlen ein. Die ausgelöste Reaktion kann sich durch Bildung von Zytokinen, Interleukinen, Wachstumsfaktoren, Prostaglandinen und anderen Faktoren selbst unterhalten und verstärken. Die Schwellung des Gewebes und die mechanische Beeinträchtigung führen zu einer Raumnot in den Augenhöhlen.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Die Bestimmung der Antikörper gegen das D1-Protein erfolgt durch einen Western blot, Antikörper gegen die G2s- und Fp-Proteine werden mittels Radioimmunpräzipitation (Radioimmunoassay) untersucht. Die Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) liefert keine brauchbaren Ergebnisse.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Endokrine Ophthalmopathie.
Interpretation
Antikörper gegen die G2s- und Fp-Proteine werden von einigen Autoren als sensitive Marker für die Schädigung der Augenmuskeln aufgefasst. Für die Diagnose eines Morbus Basedow, der oft mit einer endokrinen Orbitopathie einhergeht, spielt der Nachweis der Antikörper gegen Augenmuskelgewebe jedoch keine Rolle.
Literatur
Mizokami T, Salvi M, Wall JR (2004) Eye muscle antibodies in Graves’ ophthalmopathy: pathogenic or secondary epiphenomenon? J Endocrinol Investig 27:221–229CrossRef