Klinische Neurologie
Autoren
Martin Glas, Björn Scheffler und Sied Kebir

Neuronale und neurogliale Tumoren

Neuronale und neurogliale Tumoren sind selten (etwa 2 % aller primären Hirntumoren) und durch ein variables Ausmaß an neuronaler und glialer Differenzierung charakterisiert. Die Gangliogliome sind am häufigsten, gefolgt von den dysembryoplastischen neuroepithelialen Tumoren. Alle haben eine relativ gute Prognose.
Diese Tumorgruppe ist heterogen und durch ein variables Ausmaß an neuronaler und glialer Differenzierung charakterisiert. Die Tumoren gehen in der Regel mit einer relativ guten Prognose einher. Gemäß aktueller WHO-Klassifikation von 2016 (Louis et al. 2016) werden dieser Gruppe die in Tab. 1 aufgeführten Tumorentitäten zugeordnet:
Tab. 1
WHO-Grade neuronaler und neuroglialer Tumoren
Neuronale und neurogliale Tumoren
WHO-Grad
Dysembryoplastischer neuroepithelialer Tumor (DNT)
I
Gangliozytom
I
Gangliogliom
I
Anaplastisches Gangliogliom
III
Dysplastisches Gangliozytom des Cerebellums (Lhermitte-Duclos-Syndrom)
I
Desmoplastisches infantiles Astrozytom/Gangliogliom
I
Papillärer glioneuronaler Tumor (PGNT)
I
Rosettenbildender glioneuronaler Tumor (RGNT)
I
Diffuser leptomeningealer glioneuronaler Tumor
Nicht zugordnet
Zentrales Neurozytom
II
Extraventrikuläres Neurozytom
II
Zerebelläres Liponeurozytom
II
I
Häufigkeit und Vorkommen
Die neuronalen und neuroglialen Tumoren sind sehr selten und machen etwa 2 % aller primären Hirntumoren aus (Ostrom et al. 2017). Unter ihnen sind wiederum die Gangliogliome mit Abstand die häufigsten Tumoren, gefolgt von den dysembryoplastischen neuroepithelialen Tumoren (DNT). Alle anderen Entitäten sind sehr viel seltener.
Pathologie
Mit Ausnahme des anaplastischen Ganglioglioms, zentralen Neurozytoms, extraventrikulären Neurozytoms, diffusen leptomeningealen glioneuronalen Tumors und des zerebellären Liponeurozytoms werden alle neuronalen und neuroglialen Tumoren dem WHO-Grad I zugeordnet (Louis et al. 2016). Dies bedeutet, dass diese Tumoren histologisch gut differenziert zur Darstellung kommen und in aller Regel einen benignen Verlauf zeigen.
Diagnostik
Die Diagnosesicherung erfolgt histologisch. Eine Untersuchung mittels MRT des Schädels erlaubt meist schon eine relativ genaue Zuordnung.
Klinik
Die glioneuronalen Tumoren wachsen häufig sehr langsam und machen sich in der Regel durch epileptische Anfälle bemerkbar. Die DNT sind in mehr als 80 % der Fälle mit kortikalen Dysplasien assoziiert, weisen bevorzugt eine temporale Lokalisation auf und werden, wie die anderen neuronalen und neuroglialen Tumoren auch, ganz überwiegend durch epileptische Anfälle klinisch manifest. Das zentrale Neurozytom, WHO-Grad II, tritt bevorzugt im Bereich des Fornix, Septum pellucidum und Corpus callosum auf, wird häufig durch einen Verschlusshydrozephalus symptomatisch und kann durch eine operative Resektion oft kurativ behandelt werden. Seltene maligne Varianten, die sich histopathologisch durch einen erhöhten Proliferationsindex und durch eine Neigung zu Rezidiven auszeichnen, sind beschrieben und haben eine ungünstigere Prognose. Überwiegend sind die neuroglialen Tumoren Neoplasien des Kindes- und Jugendalters, sie besitzen oft einen günstigen Spontanverlauf, da sie eine sehr langsame Wachstumstendenz aufweisen. Eine Ausnahme stellten die seltenen anaplastischen Gangliogliome dar, die dem WHO-Grad III zugeordnet werden und sich ganz selten aus benignen Varianten entwickeln können; die Prognose des anaplastischen Ganglioglioms ist ungünstig (Luyken et al. 2004). Desmoplastische infantile Gangliogliome sind in der Regel benigne (Lönnroth et al. 2007), können selten jedoch primär als maligne Varianten mit leptomeningealer Aussaat auftreten (De Munnynck et al. 2002). Obwohl es sich bei den Paragangliomen um benigne Tumoren des WHO-Grades I handelt, können sie zu einer Arrosion des Felsenbeines mit Ausdehnung in die hintere Schädelgrube führen. Klinische Initialsymptome sind oft Hörminderung, Tinnitus und untere Hirnnervenausfälle.
Therapie und Prognose
Die Therapie der Wahl ist, wenn möglich, die komplette chirurgische Resektion. Die 10-Jahres-Überlebensrate von Patienten mit neuronalen und neuroglialen Tumoren liegt bei ca. 77 % (Ostrom et al. 2017).
Gangliogliome und Gangliozytome
Symptomatische Gangliogliome und Gangliozytome sollten, wenn möglich vollständig reseziert werden. Sollte eine vollständige Resektion nicht möglich sein, ist eine Radiotherapie der erweiterten Tumorregion zu erwägen. In einer großen Fallserie mit ca. 400 Patienten führte die postoperative Radiotherapie im Falle einer inkompletten Resektion zu einer Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle; ein hierdurch verlängertes Gesamtüberleben ließ sich jedoch nicht beobachten (Rades et al. 2010).
Zentrales und extraventrikuläres Neurozytom, zerebelläres Liponeurozytom
Auch diese Tumoren sollten, wenn möglich, komplett exstirpiert werden. Dies ist nicht immer möglich. Durch eine postoperative Bestrahlung kann offenbar die Dauer bis zum Progress, nicht jedoch die Gesamtüberlebenszeit verlängert werden (Leenstra et al. 2007). Insgesamt weisen mehr als 30 % aller zentralen Neurozytome nach 10 Jahren Verlauf ein Rezidiv oder einen Progress auf; bei inkomplett resezierten Neurozytomen und Varianten mit erhöhtem Proliferationsindex (insbesondere MIB-1, >4 %) ist die Rezidivneigung am höchsten (Leenstra et al. 2007; Kaur et al. 2013).
Dysplastisches Gangliozytom des Cerebellums (Lhermitte-Duclos-Syndrom)
Therapie der Wahl ist die chirurgische Resektion. Ein dysplastisches Gangliozytom des Cerebellums beim Erwachsenen sollte an das mögliche Vorliegen eines Cowden-Syndroms denken lassen und macht eine Tumorsuche (v. a. Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Nierenzellkarzinom) erforderlich (Robinson und Cohen 2006).
Dysembryoplastischer neuroepithelialer Tumor (DNT)
Eine möglichst vollständige Resektion ist bei medikamentös therapierefraktären epileptischen Anfällen indiziert. Nach Resektion bleiben ca. 62 % der Patienten für ca. 4 Jahre anfallsfrei (Nolan et al. 2004). Rezidive sind selten (Ray et al. 2009).
Paragangliom
Die heute im Vordergrund stehenden Behandlungsverfahren des Paraganglioms sind operative Resektion und Strahlentherapie. Der Einsatz von stereotaktischer Radiotherapie und vaskulärer Embolisation wird kontrovers diskutiert.
Patienten mit neuronalen und neuroglialen Tumoren werden oft durch eine chronische Epilepsie symptomatisch und bedürfen schon deshalb der regelmäßigen neurologischen Verlaufskontrolle. Nach kompletter chirurgischer Resektion eines WHO-Grad-I-Tumors ist eine regelmäßige MRT-Kontrolle nicht erforderlich. Bei allen anderen Entitäten und nach inkompletter Resektion sind regelmäßige MR-Verlaufskontrollen erforderlich, bei malignen Varianten alle 3–6 Monate.

Facharztfragen

1.
Welches ist der häufigste neurogliale Tumor?
 
2.
Woran ist beim dysplastischen Gangliozytom des Cerebellums zu denken? Mit welcher Konsequenz?
 
Literatur
De Munnynck K et al (2002) Desmoplastic infantile ganglioglioma: A potentially malignant tumor? Am J Surg Pathol 26:1515–1522
Kaur G et al (2013) MIB-1 labeling index predicts recurrence in intraventricular central neurocytomas. J Clin Neurosci 20(1):89–93. https://​doi.​org/​10.​1016/​j.​jocn.​2012.​05.​025. Epub 5 Nov 2012CrossRefPubMed
Leenstra JL et al (2007) Central neurocytoma: management recommendations based on a 35-year experience. Int J Radiat Oncol Biol Phys 67(4):1145–1154CrossRef
Lönnroth K et al (2007) Desmoplastic infantile ganglioglioma: Novel aspects in clinical presentation and genetics. Surg Neurol 68(3):304–308CrossRef
Louis DN et al (2016) The 2016 World Health Organization Classification of Tumors of the Central Nervous System: a summary. Acta Neuropathol 131(6):803–820CrossRef
Luyken C et al (2004) Supratentorial gangliogliomas: Histopathologic grading and tumor recurrence in 184 patients with a median follow-up of 8 years. Cancer 101(1):146–155CrossRef
Nolan MA et al (2004) Dysembryoplastic neuroepithelial tumors in childhood: long-term outcome and prognostic features. Neurology 62(12):2270–2276CrossRef
Ostrom QT et al (2017) CBTRUS Statistical Report: primary brain and other central nervous system tumors diagnosed in the United States in 2010–2014. Neuro Oncol 19(Suppl 5):v1–v88CrossRef
Rades D et al (2010) The role of postoperative radiotherapy for the treatment of gangliogliomas. Cancer 116(2):432–442CrossRef
Ray WZ et al (2009) Clinicopathologic features of recurrent dysembryoplastic neuroepithelial tumor and rare malignant transformation: a report of 5 cases and review of the literature. J Neurooncol 94(2):283–292CrossRef
Robinson S, Cohen AR (2006) Cowden disease and Lhermitte-Duclos disease: an update. Case report and review of the literature. Neurosurg Focus 20(1):E6CrossRef