Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
S. Holdenrieder und P. Stieber

Pro-Gastrin Releasing Peptide

Pro-Gastrin Releasing Peptide
Synonym(e)
ProGRP
Englischer Begriff
progastrin-releasing peptide
Definition
Das Pro-Gastrin Releasing Peptide ist die biologische Vorstufe des GRP (Gastrin Releasing Peptide), welches das Korrelat bei Säugetieren zum Bombesin der Amphibien darstellt.
Struktur
Aufgrund der Instabilität des aus 27 Aminosäuren bestehenden GRP (Gastrin Releasing Peptide), das eine Halbwertszeit von nur 2 Minuten im Serum aufweist, wurde rekombinantes ProGRP (31–98) mit deutlich besserer Stabilität hergestellt. Es besteht aus 125 Aminosäuren, wobei die Aminosäuren des GRP sich auf dem aminoterminalen Ende des Peptids befinden. Es existieren 3 Isoformen mit gemeinsamen Amino- und variablen Carboxyenden.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
GRP wurde erstmals aus Schweinemagengewebe isoliert. Es ist weit verbreitet im menschlichen Nervensystem, im Gastrointestinaltrakt sowie im Respirationstrakt. Im Gehirn fungiert es wahrscheinlich als Neurotransmitter und beeinflusst u. a. Körpertemperatur und zentrale homeostatische Mechanismen. Im Gastrointestinaltrakt kommt es v. a. in intrinsischen Neuronen vor und stimuliert die Freisetzung von Gastrin, Somatostatin, Glukagon, vasoaktivem intestinalen Polypeptid (Vasoaktives intestinales Polypeptid) und gastrointestinalem Peptid (Gastrointestinales Peptid). In der Lunge wird es von pulmonalen neuroendokrinen Zellen produziert. Es hat eine sehr kurze Halbwertszeit in der Zirkulation von ca. 2 Minuten. Die Vorform ProGRP weist eine deutlich bessere Stabilität im Serum auf.
Funktion – Pathophysiologie
Ein gehäuftes Vorkommen von GRP und seiner Vorform ProGRP wird im Bronchialepithel von humaner fetaler und neonataler Lunge, im kleinzelligen Lungenkarzinom und in Karzinoiden beobachtet, außerdem im medullären Schilddrüsenkarzinom sowie in pankreatischen endokrinen Tumoren.
Sein klinischer Vorteil liegt in der hohen Spezifität für neuroendokrine und kleinzellige Tumoren. Bei Adeno- und Plattenepithelkarzinomen sowie bei malignen Tumoren anderer Histologie wird es nur selten und in geringem Ausmaß freigesetzt. Außerdem wird ProGRP bei kleinzelligen Karzinomen unabhängig vom Stadium sezerniert. Somit eignet sich ProGRP für Früherkennung, Differenzialdiagnose, Therapiemonitoring und Nachsorge von neuroendokrinen und kleinzelligen Karzinomen.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum, Körperflüssigkeiten.
Konventionelle Einheit
ng/L.
Referenzbereich – Erwachsene
Serum: Median 10 ng/L; 95 %-Perzentile 22 ng/L (methodenabhängig).
Indikation
Früherkennung, Differenzialdiagnose, Therapiekontrolle und Nachsorge von kleinzelligen Bronchialkarzinomen und anderen neuroendokrinen Karzinomen (z. B. APUDome, medulläre Schilddrüsenkarzinome) sowie Differenzialdiagnose von unklaren Lungenrundherden.
Interpretation
Neben manuellen ProGRP-Immunoassays sind mittlerweile auch automatisierte Versionen z. B. als ECLIAs auf Hochdurchsatzanalyzern verfügbar, die für die Anwendung im Serum und Plasma ausgetestet sind.
ProGRP ist einer der wenigen onkologischen Parameter, der in mäßig erhöhten Wertlagen (>300 ng/L) bereits eine Tumorspezifität aufweist und dabei schon eine Einordnung des histologischen Subtyps als kleinzelliges Karzinom erlaubt. Insbesondere bei Vorliegen eines unklaren Lungenrundherdes kann bei diesen Wertlagen von einem kleinzelligen Bronchialkarzinom oder zumindest einem Bronchialkarzinom mit signifikantem kleinzelligen Anteil ausgegangen werden. Andere Tumorarten führen allenfalls zu geringen ProGRP-Erhöhungen bis etwa 100 ng/L, so die gastrointestinalen, gynäkologischen und urologischen Karzinome, aber auch die nichtkleinzelligen Bronchialkarzinome. Benigne Erkrankungen treten ebenso wenig als Einflussgrößen auf. Lediglich bei Niereninsuffizienzen treten Werte bis maximal 300 ng/L auf.
Zur Differenzialdiagnose, Therapiekontrolle und Nachsorge des kleinzelligen Bronchialkarzinoms empfiehlt sich die kombinierte Bestimmung mit der neuronenspezifischen Enolase (Neuronenspezifische Enolase im Blut), da beide Marker eine deutliche additive Sensitivität aufweisen. In multizentrischen Studien erwies sich ProGRP zudem als hervorragender Marker für die histologische Subtypisierung von Bronchialkarzinomen und spielt auch in Biomarker-Paneln zur Diagnose von Lungenkarzinomen eine wesentliche Rolle.
Diagnostische Wertigkeit
  • Kleinzelliges Bronchialkarzinom: Früherkennung, Differenzialdiagnose, Therapiekontrolle und Nachsorge
  • Andere neuroendokrine Karzinome: Diagnose, Therapiekontrolle und Nachsorge
  • Differenzialdiagnose von unklaren Lungenrundherden
Literatur
Korse C et al (2015) Multicenter evaluation of a new Progastrin-Releasing Peptide (ProGRP) immunoassay across Europe and China. Clin Chim Acta 438:388–395CrossRefPubMed
Molina R et al (2010) Diagnostic relevance of circulating biomarkers in patients with lung cancer. Cancer Biomark 6:163–178CrossRefPubMed
Molina R et al (2016) Assessment of a combined panel of six serum tumor markers for lung cancer. Am J Respir Crit Care Med 193:427–437CrossRefPubMed
Stieber P, Heinemann V (2008) Sinnvoller Einsatz von Tumormarkern. J Lab Med 32:339–360