Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Autoren
Michael Kaess und Vanessa Jantzer

Mobbing als Risikofaktor im Kindes- und Jugendalter

Mobbing wurde lange Zeit als normales Interaktionsmuster zwischen Kindern und Jugendlichen betrachtet. Die Forschung der letzten Jahre hat diese Sichtweise verändert und die z. T. langanhaltenden negativen Konsequenzen von Mobbing aufgezeigt. Besonders die betroffenen Opfer weisen ein erhöhtes Risiko für ein breites Spektrum psychischer Störungen auf, wobei der Zusammenhang zu Angststörungen, Depressionen, psychosomatischen Problemen, Selbstverletzung und Suizidalität besonders umfassend belegt wurde. Der negative Einfluss von Mobbing betrifft viele Lebensbereiche der Opfer: psychologisch, sozial und sogar ökonomisch. Mobbing ist eine Form der Misshandlung unter Gleichaltrigen. Dementsprechend trägt es in hohem Maße zur Entwicklung schwerwiegender psychischer Probleme bei und verdient ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Aktivität im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist aber auch ein zentrales Anliegen der allgemeinen öffentlichen Gesundheit.

Einleitung

Mobbing ist ein weitverbreitetes soziales Phänomen mit weitreichenden Folgen unter Kindern und Jugendlichen, das in allen Teilen der Welt und allen sozialen Schichten zu finden ist. Der großen medialen Präsenz des Themas sowie dem Eingang des Begriffs Mobbing in die Umgangssprache ist es geschuldet, dass viele falsche Vorstellungen zum Thema sowie zur Bedeutung des Wortes Mobbing kursieren. Daher soll an dieser Stelle mit einer Definition des Begriffs sowie einer kurzen Historie seiner Entwicklung begonnen werden.
Systematisches wissenschaftliches Interesse am Thema Mobbing zeigte erstmals Dan Olweus, ein schwedisch-norwegischer Psychologe und emeritierter Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bergen, der als Pionier im Bereich Mobbing und Mobbing-Prävention gilt. Seit 1970 beschäftigt er sich als einer der ersten Forscher überhaupt mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Mobbing und der Gewaltproblematik an Schulen. In zahlreichen Untersuchungen in den 1980er-Jahren sammelte er Wissen über die Bedingungen aggressiven Verhaltens unter jungen Menschen. In Norwegen wurde das Thema schulisches Mobbing 1982 zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte, als drei männliche Jugendliche Selbstmord begingen. Diese Suizide waren vermutlich die Folge andauernden schweren Mobbings durch Gleichaltrige (wobei eine monokausale Erklärung hier sicher zu kurz greift, Abschn. 5). Im Zuge der dadurch ausgelösten nationalen Kampagne entwickelte Professor Olweus sein Präventionsprogramm, das im unten stehenden Abschn. 7 näher beschrieben wird. Unabhängig von der norwegischen Forschergruppe entstand zur selben Zeit auch in Japan eine Forschungstradition zum Thema Mobbing, welches dort mit dem Begriff „ijime“ bezeichnet wird.
Mobbing bezeichnet negative Handlungen, die von einer einzelnen Person oder einer Gruppe durchgeführt werden können und in direkter oder indirekter Form auftreten (Abschn. 2). Mobbing geschieht meist ohne ersichtliche Provokation von Seiten des Opfers und unterscheidet sich durch folgende drei Schlüssel-Kriterien von normalen sozialen Konflikten unter Gleichaltrigen (Olweus 1994).
1.
Mobbing ist aggressives Verhalten oder absichtliche Schädigung.
 
2.
Mobbing geschieht wiederholt und über einen längeren Zeitraum hinweg.
 
3.
Die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist durch ein Ungleichgewicht der Kräfte gekennzeichnet.
 
In dieser ursprünglichen Definition von Olweus ist die schädigende Absicht des Täters/der Tätergruppe nicht zwingend enthalten. Es sind tatsächlich Fälle denkbar, in denen dem Täter sein Verhalten und dessen Konsequenz nicht oder nur teilweise bewusst sind. In einigen Definitionen wird daher auf das Kriterium der Absicht verzichtet. Üblicherweise wird als Cut off für die Frequenz der Vorkommnisse zwei- bis dreimal pro Monat angesetzt, z. T. wird auch die etwas strengere Schwelle von einmal pro Woche genutzt. Bei regelmäßigem Mobbing sind die Betroffenen oftmals deutlich häufiger, d. h. mehrmals die Woche oder sogar täglich, den Schikanen von Gleichaltrigen ausgesetzt. Erfragt wird meist der Zeitraum der letzten drei Monate, z. T. verlaufen Mobbing-Fälle über Jahre hinweg. Das Kräfteungleichgewicht kann vielfältige Ursachen haben: körperliche oder zahlenmäßige Unterlegenheit, jüngeres Alter, geringere verbale oder soziale Kompetenz, geringere kognitive Fähigkeiten oder ein geringerer Status in der Peergruppe. Daraus folgt, dass das Opfer Schwierigkeiten hat, sich zu verteidigen und dem Mobbing hilflos gegenübersteht.
Inwieweit sich diese Schlüssel-Kriterien, die zunächst für das traditionelle Mobbing formuliert wurden, auch auf das Cybermobbing anwenden lassen, wo sich z. B. einmalig gepostete, bloßstellende Fotos schnell auf eine große Gruppe verbreiten können, wird in Abschn. 2 beleuchtet.
Die beschriebenen Kriterien machen deutlich, dass es sich bei Mobbing um eine Form der Misshandlung handelt.
Mobbing kann in verschiedenen Kontexten auftreten: in der Peergruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Vereinen, in Wohneinrichtungen oder Gefängnissen, in Nachbarschaften oder im Internet (Cybermobbing). Das folgende Kapitel bezieht sich ausschließlich auf Mobbing unter Kindern und Jugendlichen („peer abuse“), welches hauptsächlich im schulischen Umfeld sowie in Form von Cybermobbing auftritt. In den letzten Jahren wurde in dieser Altersgruppe zudem noch das Geschwistermobbing zum Gegenstand der Forschung und wird in diesem Kapitel ebenfalls an einigen Stellen einfließen. Geschwisterbeziehungen sind im Allgemeinen die dauerhaftesten Beziehungen im Leben. In der mittleren Kindheit verbringen Kinder mehr Zeit mit ihren Geschwistern als mit ihren Eltern. Aggression zwischen Geschwistern wurde lange Zeit als harmlos oder Teil des normalen Familienlebens angesehen, zunehmend werden jedoch das Ausmaß und die Konsequenzen von Geschwistermobbing bewusst.
Einige Besonderheiten zum Mobbing in dieser Altersgruppe sollen an dieser Stelle kurz erläutert werden.
Besonderheiten von Mobbing bei Kindern und Jugendlichen
1.
Schulkinder befinden sich in einem Alter, in dem das Gehirn wichtige bio-psycho-soziale Entwicklungen vollzieht. Diese Entwicklungen beeinflussen das Verhalten. Mobbing im Kindes- und Jugendalter kann daher die Entwicklung exekutiver Funktionen, darunter Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, Organisation und Planung, negativ beeinträchtigen.
 
2.
Die Peergruppe stellt mit die wichtigste Ressource für Kinder und Jugendliche dar. Die Ausbildung von Peergruppen gehört im Jugendalter zu einer der zentralen Entwicklungsaufgaben. Wird diese Entwicklung gestört, haben Kinder und Jugendliche weniger Kompensationsmöglichkeiten als Erwachsene, die bereits andere Ressourcen erschlossen haben.
 
3.
Aufgrund der Schulpflicht können Kinder und Jugendliche sich nur schwer der Situation entziehen. Ebenso gehören heutzutage das Internet (Cybermobbing) sowie selbstverständlich die Familie (Geschwistermobbing) zu den kaum vermeidbaren Lebensschauplätzen von Kindern und Jugendlichen.
 
Ursprünglich entstammt der Begriff Mobbing der Verhaltensforschung und bezeichnete ein Verteidigungsverhalten bei Tieren. Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz nutzte den Begriff 1963 in seinem Buch „Das sogenannte Böse“, um einen kollektiven Angriff einer Gruppe von Tieren auf ein einzelnes Tier einer anderen Spezies zu beschreiben. Bei diesem Tier handelte es sich um einen überlegenen Fressfeind, z. B. ein Angriff einer Gruppe von Gänsen auf einen Fuchs. Der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann verwendete 1972 den Begriff Mobbing für das Phänomen, dass Gruppen eine sich von der Norm abweichend verhaltende Person attackieren. Gemeint war also die Gewalt einer Gruppe gegen ein abweichendes Individuum, wobei diese Gewalt plötzlich auftaucht und plötzlich abklingt. Das englische Verb „to mob“, von dem das Wort Mobbing abgeleitet ist, bedeutet zunächst allgemein „über jemanden herfallen, jemanden anpöbeln, jemanden schikanieren.“ Das Substantiv „mob“ bezeichnet eine aufgewiegelte Volksmenge (Rotte, Pöbel, Gesindel). In englischsprachigen Ländern wurde der Begriff „mob“ bereits in den 1950er-Jahren in der Sozialpsychologie verwendet. Hierbei steht der Mob für eine große Gruppe oder Masse, die durch eine gemeinsame Aktivität bzw. ein gemeinsames Ziel verbunden sind. Diese Gruppe hat sich durch Zufall gebildet, ist nur lose organisiert, besteht nur kurzfristig, erlebt gemeinsam starke Emotionen und ist durch irrationales Verhalten gekennzeichnet.
In englischsprachigen Ländern wird daher üblicherweise der Begriff „bullying“ anstatt Mobbing verwendet, um sich von dem beschriebenen Mob und dessen ursprünglicher Bedeutung abzugrenzen, während sich in den skandinavischen Ländern und im deutschsprachigen Raum der Begriff Mobbing durchgesetzt hat. Der Versuch, einen geeigneten deutschsprachigen Begriff zu finden, gestaltet sich schwierig. Begriffe wie Schikanieren, Tyrannisieren, Piesacken oder Quälen finden nur vereinzelt Gebrauch und sind wenig geeignet, alle Aspekte von Mobbing abzubilden.
In der klinischen/pädagogischen Arbeit mit betroffenen Kindern und Jugendlichen und deren Eltern sowie in der präventiven Arbeit an Schulen ist unbedingt darauf zu achten, auf die Begriffe „Täter“ und „Opfer“ zu verzichten. So werden Stigmatisierungen vermieden und es wird sich nur auf das aktuelle Verhalten bezogen. Ein „Schüler, der mobbt“ hat falsche Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen und kann diese jederzeit ändern. Einem „Schüler, der gemobbt wird“ sollte das Gefühl der Kontrolle wiedergegeben werden, was das Label „Opfer“ nicht ermöglicht. Es handelt sich nicht um persönliche, dauerhafte Eigenschaften, sondern um veränderbare Rollen im Mobbing-Geschehen. Im folgenden Kapitel werden die Begriffe „Opfer“ und „Täter“ aus Gründen der Lesbarkeit verwendet.

Phänomenologie

Mobbing kann verschiedene Erscheinungsformen annehmen. Grundsätzlich wird zunächst zwischen direktem Mobbing, d. h. offenen Attacken, und indirektem Mobbing unterschieden.
Bei direktem Mobbing kann es sich wiederum um körperliches oder verbales Mobbing handeln. Für beide Mobbing-Arten finden sich Beispiele in der unten stehenden Übersicht.
Das subtilere indirekte Mobbing, das als soziales oder relationales Mobbing bezeichnet wird, ist kaum direkt zu beobachten. Erwachsene sind in diesem Fall darauf angewiesen, dass Betroffene oder Mitschüler sich anvertrauen und müssen lernen, mit diesen Verdachtsfällen umzugehen. In der frühen Forschung zum Thema Mobbing wurde der Fokus zumeist auf die direkten Mobbing-Formen gelegt und indirektes Mobbing zunächst vernachlässigt. Eine Aufnahme als eigene Kategorie unternahmen erstmals Björkqvist, Lagerspetz und Kaukiainen (1992). Beispiele zeigt die unten stehende Übersicht.
Die beschriebenen drei Formen von Mobbing zählen zu den traditionellen Mobbing-Arten. Sie finden, wenn wir von Kindern und Jugendlichen sprechen, meist in der Schule oder auf dem Schulweg bzw. im direkten Kontakt in der Freizeit statt.
Durch die rasante Entwicklung der neuen Medien hat sich in den letzten Jahren eine weitere Form des Mobbings entwickelt, das sog. Cybermobbing.
Dieses Mobbing geschieht über das Handy (Anrufe) oder zumeist über das Internet (via Handy oder Computer), z. B. über soziale Netzwerke wie Facebook, Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp, Online-Plattformen wie Instagram, Videoportale wie YouTube, Homepages oder Blogs. Auch hierzu sind unten stehend in der Übersicht einige Beispiele aufgeführt.
Ebenso erwähnt werden soll an dieser Stelle das Mobbing unter Geschwistern, das prinzipiell alle Erscheinungsformen von Mobbing annehmen kann, sowohl traditionell als auch in Form von Cybermobbing. Lange in der Forschung vernachlässigt, beschäftigt sich die Arbeitsgruppe von Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie und individuelle Differenzen an der wissenschaftlichen Fakultät der Universität von Warwick und einer der führenden Experten im Bereich der internationalen Mobbing-Forschung, seit gut 10 Jahren intensiv mit dieser Form der innerfamiliären Aggression. Die physische Aggression scheint beim Geschwistermobbing eine stärkere Rolle zu spielen als beim schulischen Mobbing, wo typischerweise soziale und verbale Formen dominieren (Tippett und Wolke 2015).
Beispiele für Mobbing
1.
Beispiele für physisches Mobbing
  • Jemanden schubsen, schlagen, an den Haaren ziehen oder treten
  • Jemanden einsperren
  • Jemanden beklauen (Geld oder Dinge)
  • Jemanden zwingen, unangenehme Dinge zu tun
  • Jemandem drohen
  • Jemandes Eigentum beschädigen oder verstecken
 
2.
Beispiele für verbales Mobbing
  • Verletzende und gemeine Dinge sagen, jemanden beleidigen
  • Jemanden beschimpfen
  • Jemanden hänseln
  • Jemanden lächerlich machen
  • Jemandem gemeine und kränkende Spitznamen geben
  • Beleidigende Gesten
 
3.
Beispiele für soziales Mobbing
  • Jemanden völlig ignorieren
  • Jemanden absichtlich aus dem Freundeskreis ausschließen, jemanden ausgrenzen
  • Lügen oder Gerüchte über jemanden verbreiten
  • Versuchen jemanden bei den anderen unbeliebt zu machen; versuchen andere gegen jemanden aufzuhetzen
 
4.
Beispiele für Cybermobbing
  • Alle Formen des verbalen und sozialen Mobbings über das Handy oder Internet
  • Veröffentlichung peinlicher oder kränkender Bilder oder Videoclips
 
Cybermobbing weist einige Besonderheiten auf, die ebenfalls noch kurz erläutert werden sollen:
  • Der Täter bleibt z. T. anonym und hat die Möglichkeit, das Opfer rund um die Uhr zu schikanieren.
  • Das belastende Material ist für jeden und dauerhaft im Internet verfügbar und breitet sich unkontrollierbar aus.
  • Das Mobbing findet nicht nur im schulischen Kontext statt (es gibt keinen sicheren Rückzugsort mehr).
  • Die Hemmschwelle der Täter ist durch die Distanz des Mediums geringer.
Diese Besonderheiten haben auch zu einigen Diskussionen darüber geführt, ob die genannten drei Schlüssel-Kriterien von Mobbing überhaupt auch auf Cybermobbing anwendbar sind (Hinduja und Patchin 2010).

Epidemiologie

Die meisten repräsentativen internationalen Studien zeigen, dass 20–30 % aller Schüler von Mobbing betroffen sind, als Opfer, Täter oder beides zugleich (Olweus 2013).
Die angegebenen Prävalenzen für schulisches Mobbing variieren jedoch stark je nach herangezogener Quelle. Die große Heterogenität in den Befunden ist bedingt durch unterschiedliche Definitionen des Konstrukts Mobbing, unterschiedliche Erhebungsinstrumente (Quelle, Bezugszeitraum, Antwortformat, Item-Zahl, Cut off etc.) sowie unterschiedliche Stichproben (Alter, Geschlecht, Schultyp, Nationalität bzw. kultureller Hintergrund etc.). Laut PISA-Studie 2015 sind in Deutschland 16 % der befragten 15-Jährigen von regelmäßigem Mobbing betroffen (OECD 2017). Hierbei wurde jedoch nur die Perspektive der Opfer erfragt. Geht man davon aus, dass die (erfahrungsgemäß kleinere) Tätergruppe hinzu kommt und dass bei den jüngeren Jahrgängen aufgrund des vorhandenen Alterseffekts höhere Mobbing-Prävalenzen zu erwarten sind (Abschn. 3.3), kann man wohl auch für Deutschland sagen, dass ca. jeder Vierte im Kindes- und Jugendalter von Mobbing betroffen ist. Es handelt sich also durchaus um ein weitverbreitetes soziales Phänomen, dass sowohl durch seine Häufigkeit als auch durch sein hohes Risiko von Folgestörungen (Abschn. 5.1) hohe Relevanz für Kliniker und Pädagogen besitzt.
Dies wird auch anhand von internationalen Daten deutlich. Die multizentrische epidemiologische Studie Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC) der World Health Organization (WHO), die Daten von mehr als 200.000 Jugendlichen in 40 europäischen Ländern umfasst, ergab, dass insgesamt 26,9 % der Befragten in den letzten drei Monaten von Mobbing betroffen waren (Craig et al. 2009). Die genaue Verteilung wird in Abb. 1 verdeutlicht. Befragt wurden Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren.
In der subjektiven Wahrnehmung scheint das Phänomen Mobbing in den letzten Jahrzehnten zugenommen zu haben und das Cybermobbing eine besonders große Rolle zu spielen. Dies lässt sich empirisch jedoch nicht belegen. Wichtig ist beim Vergleich von Längsschnitt-Daten, dass nur Häufigkeiten verglichen werden, die mit demselben Messinstrument erhoben wurden. Dies ermöglichen z. B. skandinavische oder amerikanische Daten der Olweus-Arbeitsgruppe, die zeigen, dass zumindest seit den 1980er-Jahren kein Anstieg der Mobbing-Prävalenzen zu verzeichnen ist.
So kann auch der zweite Mythos, dass Cybermobbing mittlerweile häufiger berichtet wird als traditionelles Mobbing, widerlegt werden. Am Beispiel amerikanischer Daten (2007–2010), die knapp 447.000 Schüler umfassen, wird deutlich, dass verbales Mobbing drei- bis viermal häufiger stattfindet (17,6 % berichten, ein Opfer von verbalem Mobbing geworden zu sein vs. 4,5 % von Cybermobbing. 9,6 % berichten, andere verbal gemobbt zu haben vs. 2,8 % berichten, andere Cyber-gemobbt zu haben). Diese Relation gilt auch für soziales Mobbing und Cybermobbing.
Cybermobbing stellt somit ein vergleichsweise niedrig prävalentes Phänomen dar.
Olweus vermutet, dass die verzerrte Wahrnehmung des Problems, neben der Präsenz des Themas Cybermobbing in den Medien, auch damit zu tun hat, dass Cybermobbing oftmals isoliert erhoben wird, anstatt im Kontext traditionellen Mobbings (Olweus 2013). Cybermobbing hat praktisch kaum neue Opfer und Täter geschaffen, da die Überlappung mit Opfern und Tätern traditioneller Mobbing-Formen ca. 90 % beträgt (Olweus 2012). Cybermobbing kann daher eher als eine neue, vierte Art des Mobbings gesehen werden, die einige Besonderheiten im Vergleich zum traditionellen Mobbing aufweist (Abschn. 2). In der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen spielen die neuen Medien eine zunehmend wichtige Rolle. Handy und Internet sind weitere Kanäle, die für Mobbing-Handlungen genutzt werden. Eine weitere Sichtweise wäre die, dass Chatgruppen und Cyberspace einen Treffpunkt für Jugendliche darstellen, also verbales und soziales Mobbing hier lediglich an weiteren Settings stattfindet.
Bedenkt man die vergleichsweise niedrige Prävalenz, findet das meiste Mobbing nach wie vor in traditioneller Form in der Schule, auf dem Schulweg oder im direkten Kontakt in der Freizeit statt.
Einen weiteren zentralen Lebenskontext stellt die Familie dar, die Geschwisterbeziehungen wirken sich ebenfalls nachhaltig auf die Entwicklung aus. Bis zu 40 % der Kinder und Jugendlichen sind regelmäßigem Mobbing durch Geschwister ausgesetzt (Wolke et al. 2015). Während beim schulischen Mobbing (Abb. 1) die Gruppe Bully/Victim am kleinsten ausfällt, sind beim Geschwistermobbing die Dimensionen Opfer und Täter viel stärker verknüpft. Es scheint sich beinahe um eine reziproke Beziehung zu handeln, bei der sowohl Aggression empfangen als auch ausgeübt wird. Die Menge an Zeit, die Geschwister zusammen verbringen, ermöglicht es ihnen, ein sehr intimes Verständnis voneinander zu entwickeln und Unterstützung zu leisten, aber auch Schwächen in Konfliktzeiten auszunutzen. Aus diesem Grund besitzt jedes Geschwisterkind ein gewisses Maß an Macht über das andere, wodurch eine bidirektionale Machtdynamik entsteht, die es den Geschwistern ermöglicht, sowohl Opfer als auch Täter zu sein (Tippett und Wolke 2015).

Nationalität

Ein wesentlicher Einflussfaktor auf die berichtete Prävalenz von Mobbing ist der kulturelle Hintergrund der Befragten. Die HBSC-Studie zeigte Variationen im Bereich von 7–40 %, was auf beträchtliche kulturelle Unterschiede hinweist (Craig et al. 2009). Die höchsten Mobbing-Raten wurden in den baltischen Ländern verzeichnet (Litauen, Lettland, Estland, Ukraine und Rumänien), die niedrigsten in den nordeuropäischen Ländern (Schweden, Tschechien, Island, Finnland und Norwegen) und Spanien. Deutschland lag mit 27 % betroffener Jungen und 18 % betroffener Mädchen auf Rang 27 (von 40), zeigte also eine vergleichsweise hohe Mobbingproblematik im internationalen Vergleich.

Geschlecht

Es ist aufgrund der aktuellen empirischen Datenlage unklar, ob Jungen insgesamt stärker von Mobbing betroffen sind als Mädchen. Die HBSC-Studie ergab in allen teilnehmenden Ländern höhere Täterraten für Jungen, sowie in 29 von 40 Ländern höhere Opferraten für Mädchen. Mobbing könnte demnach eine typisch männliche Dominanzstrategie sein, oder aber Jungen sind eher bereit, ihre Täterschaft zu berichten bzw. Mädchen ihre Viktimisierung, da dies geschlechtskonformen Rollenerwartungen entspricht. Zudem scheinen die Erscheinungsformen von Mobbing unterschiedlich für Jungen und Mädchen. Während Jungen eher in physisches Mobbing involviert sind, sind die Befunde für verbales und soziales Mobbing weniger eindeutig. Hier scheinen Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen zu sein bzw. Mädchen sogar mehr. Die aktuelle Studienlage ist jedoch nicht eindeutig, denn in anderen Untersuchungen zeigten sich keinerlei Geschlechtsunterschiede.

Alter

Auch der Effekt des Alters auf die Mobbing-Prävalenz lässt sich aufgrund widersprüchlicher Befunde nicht abschließend beurteilen. Einerseits wurde zunächst ein Anstieg der Häufigkeit von Mobbing mit zunehmendem Alter beschrieben, d. h. von der Grundschule zur Sekundarstufe 1. Ein besonders kritischer Zeitpunkt scheint der Übergang zur weiterführenden Schule zu sein, wo neue soziale Rollen eingenommen und ein möglichst hoher Status in der Peergruppe angestrebt werden. Dies führt zu Konflikten und aggressivem Verhalten. In vielen Untersuchungen erreicht die Mobbing-Prävalenz daher ihren Höhepunkt in den Klassenstufen 5–7, um dann wieder abzusinken (Hong und Espelage 2012). Andere Studien ergaben jedoch, dass einer der Faktoren, der am stärksten mit Mobbing in Verbindung stand, ein jüngeres Alter war (Altersgruppe 8–11 Jahre) (Analitis et al. 2009). Da Mobbing-Täter oftmals älter sind als ihre Opfer, ist ein um einige Jahre versetzter Verlauf für Täter und Opfer zu beobachten. Für das Geschwistermobbing hingegen scheint es keinen abnehmenden Trend mit zunehmendem Alter zu geben. Hier ist eine relativ große Stabilität zu beobachten, zumindest in der Altersgruppe 10–15 Jahre (Wolke und Skew 2012).
Mit zunehmendem Alter verändert sich jedoch die Art des Mobbings: Physisches Mobbing wird seltener, während soziales Mobbing eher zunimmt. Dies gilt für Täter und Opfer.

Ätiologie

Mobbing ist ein komplexes Phänomen, an dessen Entstehung viele verschiedene Mechanismen beteiligt sind. Diese lassen sich unterteilen in individuelle Charakteristika, sozial- und lern-psychologische Mechanismen, schulische und familiäre Rahmenbedingungen.

Individuelle Faktoren

Bei den individuellen Faktoren sind auf Opferseite Charakteristika wie Ängstlichkeit und Unsicherheit, erhöhte Vorsicht und Sensibilität, niedriger Selbstwert sowie niedrige Gewaltbereitschaft und Aggressivität zu nennen. Männliche Mobbing-Opfer sind zudem meist physisch schwächer als gleichaltrige Jungen. Als weiterer Risikofaktor ist eine gewisse Andersartigkeit zu nennen, z. B. abweichende sexuelle Orientierung, Übergewicht, Behinderungen sowie Lern- bzw. Entwicklungsstörungen. Mobbing-Opfer haben oftmals wenige oder gar keine Freunde und ihnen fällt der Umgang mit Erwachsenen leichter als mit Gleichaltrigen. Prinzipiell kann aber jeder zum Opfer von Mobbing werden, wenn bestimmte Mechanismen greifen und die Rahmenbedingungen nicht für eine Kontrolle des Sozialverhaltens sorgen. Nicht zwangsläufig treffen typische Merkmale auf das einzelne Opfer zu. Zudem darf es keinesfalls als Schuldzuweisung gesehen werden, wenn bestimmte Eigenschaften zu Viktimisierung führen bzw. das Risiko dafür erhöhen.
Typische Mobbing-Täter haben einen starken Drang, andere zu dominieren und zu unterdrücken sowie mit Gewalt und Drohungen ihren Willen durchzusetzen. Sie sind gegenüber Gewalt positiver eingestellt als Gleichaltrige und männliche Täter sind meist physisch überlegen. Typisch sind des Weiteren eine niedrige Frustrationstoleranz und Empathie für die Opfer sowie eine hohe Impulsivität. Dem Täter fällt es z. T. schwer, sich Regeln unterzuordnen und er ist oft aggressiv, auch gegenüber Erwachsenen. Allerdings besitzen Mobbing-Täter oftmals eine hohe soziale Kompetenz. Sie sind eher beliebt und verfügen über einen eher überdurchschnittlichen Selbstwert. Zum Teil sind Täter also auch durchaus angepasst und unauffällig, sodass es den Erwachsenen schwerfällt, diese als solche zu erkennen bzw. geäußerten Beschuldigungen Glauben zu schenken. Dies gilt z. B. für das soziale Mobbing unter Mädchen.

Sozialpsychologische Mechanismen

Anders als der englische Term „mob“ vermuten lässt, wird Mobbing in der Schule normalerweise nicht von einer großen, zufällig zusammengesetzten Gruppe ausgeübt (Abschn. 1). Gewöhnlich geht die treibende Kraft hinter dem Mobbing von einer kleinen Gruppe von zwei bis drei Schülern aus. Dennoch ist es klar, dass es sich bei Mobbing um ein Gruppenphänomen handelt, welches die anderen Schüler in verschiedene Richtungen beeinflussen kann (Abschn. „Mobbing-Kreis“).
Die folgenden sozialpsychologischen Gruppenmechanismen spielen eine Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Mobbing (Olweus 2006).
Sozialpsychologische Gruppenmechanismen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Mobbing (Olweus 2006)
  • Normative Konformität: Die Neigung sich der Gruppe anzupassen, um deren Erwartungen zu erfüllen und akzeptiert zu werden. Herrschende soziale Normen werden übernommen.
  • Soziale Ansteckung: Mobbing-Täter (zumindest die Haupttäter) sind meist überdurchschnittlich beliebt und selbstbewusst. Sie erhalten Macht und Anerkennung durch das Mobbing, was die Nachahmung für Mitläufer attraktiv macht.
  • Nachlassen der Hemmungen: Ein rohes, gewalttätiges Klima führt zu einem Abstumpfen. Dies kann dazu beitragen, dass die Hemmungen neutralerer Schüler gegenüber aggressiven Tendenzen abnehmen.
  • Abgeschwächtes Gefühl individueller Verantwortung: In der Sozialpsychologie ist gut dokumentiert, dass sich eine Person weniger verantwortlich fühlt und geringere Schuldgefühle hat, wenn mehrere Personen an einer negativen Aktivität, wie z. B. am Mobbing, beteiligt sind.
  • Verantwortungsdiffusion: Das Phänomen, dass in Notfällen das Gefühl, für die Hilfe verantwortlich zu sein, bei jedem Zuschauer umso stärker abnimmt, je mehr die Zahl der Zuschauer zunimmt, ist als Bystander-Effekt bekannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dem Opfer geholfen wird, sinkt mit der Anzahl der Zuschauer.
  • Änderungen in der Wahrnehmung des Opfers (graduelle Dehumanisierung): Durch kontinuierliche Übergriffe und abwertende Kommentare verändert sich allmählich das Bild des gemobbten Schülers, sodass er nach und nach immer mehr als relativ wertlose Person betrachtet wird.
  • Blaming the Victim: Die Neigung, dem Opfer die Schuld dafür zu geben, dass es ungerecht behandelt wird. Menschen haben das Bedürfnis nach einer gerechten Welt, in der jeder bekommt, was er verdient. Zudem wird so die Angst reduziert, dass man selbst ein Opfer werden könnte.

Mobbing-Kreis

Zur Beschreibung des Mobbing-Geschehens als Gruppenprozess haben Salmivalli und Kollegen (1996) den Participant Role Approach entwickelt. Dieser postuliert, dass praktisch alle in differenzierbaren Rollen unterschiedlicher Qualität in Mobbing involviert sind. Diese unterscheiden sich durch die grundlegende innere Einstellung zu Mobbing (positiv/neutral/negativ) und der Art, in einer Mobbing-Situation zu handeln bzw. nicht zu handeln (aktiv/passiv). Durch diese Kombination entstehen (neben dem Opfer) sieben verschiedene Rollen, die in der folgenden Abb. 2 dargestellt werden.
Der Mobbing-Kreis hilft Schülern und Erwachsenen, soziale Vorgänge zu verstehen. Er macht deutlich, dass es in einer Mobbing-Situation praktisch nicht möglich ist, nichts zu tun. Jeder Anwesende hat eine Rolle, die durch eine bestimmte Einstellung und Handlungsweise gekennzeichnet ist. Dadurch hat auch jeder einen Einfluss auf das Geschehen. Dies wird auch im nächsten Abschn. 4.3 deutlich. Für die präventive Arbeit ist es wichtig zu wissen, dass die Mehrheit der Schüler (ca. 75 %) der Rolle E Unbeteiligter Zuschauer angehören. Diese ist durch eine neutrale Einstellung und Passivität gekennzeichnet und kann gut durch zielgerichtete präventive Maßnahmen erreicht werden (Vermittlung prosozialer Normen, Verstärkung der Perspektivübernahme, Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten etc.).

Lernpsychologische Mechanismen

Mobbing ist wie jedes andere Verhalten erlernt und folgt den Gesetzen der Lerntheorie.
Im Sinne der Konditionierung bezeichnet man ein Ereignis, das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird, als Verstärkung. Lernt der Organismus durch Reaktionen der Umwelt auf sein Verhalten, wird das als instrumentelle oder operante Konditionierung bezeichnet. Die Konsequenzen eines Verhaltens wirken also auf das Verhalten zurück. Mobbing wird aus verhaltenspsychologischer Sicht durch erhöhte Aufmerksamkeit und Ansehen/Status direkt positiv verstärkt. Der Täter fühlt sich stark und mächtig. Er hat Spaß am Mobbing-Geschehen und evtl. werden Wertgegenstände/Geld des Opfers als zusätzliche Belohnung erbeutet.
Mobbing geschieht meist gezielt vor Publikum. Lehrer und Mitschüler greifen jedoch oftmals nicht ein.
Die Gründe hierfür sind vielfältig:
  • Lehrer unterschätzen das Ausmaß des Problems Mobbing systematisch. Sie sind sich des Problems oftmals nicht bewusst.
  • Lehrer übersehen das Mobbing.
  • Lehrer und Mitschüler wissen nicht, wie sie eingreifen sollen. Sie handeln nicht aus mangelnder Kompetenz und haben Angst, falsches Handeln könnte das Problem verschlimmern.
  • Lehrer übernehmen keine Verantwortung für das Geschehen. Sie glauben, die Kinder und Jugendlichen sollten das Problem unter sich regeln.
  • Mitschüler haben Angst, selbst zum Opfer zu werden.
Entscheidend aus lernpsychologischer Sicht ist nun die Tatsache, dass jedes Nicht-Eingreifen (also ausbleibende negative Konsequenzen) eine indirekte Form der Verstärkung des Mobbing-Verhaltens darstellt.
Wenn ein Erwachsener Mobbing oder unakzeptables Verhalten sieht und sich wegdreht, akzeptiert er dieses Verhalten. Wenn ein Schüler sieht, dass der Erwachsene die Situation gesehen hat, wird alles was er tut oder nicht tut eine Auswirkung haben. Mobbing ist ein stark schambesetztes Thema. Es existiert eine starke Kultur des Wegschauens und „Nicht-darüber-Redens“.
Modelllernen stellt einen weiteren Aspekt des erlernten Mobbing-Verhaltens dar, denn Einstellungen und Verhalten der Peergruppe, des Elternhauses und der Lehrkräfte werden von Kindern und Jugendlichen übernommen.

Soziale Faktoren und schulische Rahmenbedingungen

Ein entscheidender Einflussfaktor auf die Entstehung von Mobbing sind die sozialen Faktoren innerhalb der Peergruppe. Mobbing-Opfer verfügen über einen niedrigen sozialen Status und haben weniger qualitativ hochwertige Freundschaften als ihre Mitschüler, oftmals haben sie in ihrer Klasse keinen einzigen guten Freund. Grundsätzlich macht das Fehlen von Freunden in der Schule Kinder anfällig, während ein höheres Maß an sozialer Unterstützung durch Gleichaltrige schützend wirkt. Die puffernde Wirkung von Freundschaft wird durch die Schutzfunktion der Unterstützung durch Lehrer ergänzt.
Auch das schulische Umfeld stellt einen zentralen Risiko- bzw. Schutzfaktor in der Entstehung von Mobbing dar.
Ein als negativ wahrgenommenes Schulklima, d. h. mangelndes Vertrauen zwischen Schülern und Lehrern sowie ein respektloser Umgang miteinander und unfaire, inkonsistente Regeln, begünstigen die Entstehung von Mobbing. Prosoziale schulische Normen und Einstellungen stellen umgekehrt einen wesentlichen Schutzfaktor dar. Dies gilt ebenfalls für ausreichende und gezielte Aufsicht durch Erwachsene. Viele Mobbing-Fälle könnten verhindert werden, indem die Gelegenheiten für Mobbing minimiert werden sowie indem Lehrkräfte die Problematik aufmerksam und sensibel angehen und ihre Verantwortung zum aktiven Eingreifen wahrnehmen.

Familiäre Rahmenbedingungen

Zudem scheint auch der familiäre Hintergrund bezüglich des Risikos für Mobbing bzw. der Ausprägung von Folgestörungen eine Rolle zu spielen. Es gibt Anzeichen dafür, dass männliche Mobbing-Opfer gehäuft aus überbehütenden Elternhäusern stammen, während weibliche Opfer eher durch eine ablehnende und distanzierte familiäre Umgebung geprägt sind. Erlebte Gewalt in der Familie ist ein weiterer ätiologischer Faktor sowohl auf Täter- als auch Opferseite. Denn Kinder lernen durch Beobachtung und Rollenmodelle, d. h. in gewalttätigen Familien erleben sie Mobbing und Aggression als legitimen Umgang und erfolgreiche Verhaltensstrategie. Täter erfahren oftmals wenig elterliche Kontrolle bzw. inkonsistente Erziehungsmaßnahmen. Hinzu kommt, dass die Betroffenen aus Scham oder Angst vor Vergeltung oftmals zögern, sich an ihre Eltern wenden. Bis zu 50 % gaben an, dass sie sich selten oder nie ihren Eltern anvertraut haben (Radford et al. 2013). Auch hierbei scheinen das Verhalten und der Erziehungsstil der Eltern eine Rolle zu spielen: sowohl Eltern mit harschem Erziehungsstil als auch überbehütende Eltern, die wahrscheinlich sofort weitreichende Konsequenzen bei der Schule einleiten würden, werden seltener ins Vertrauen gezogen. Eltern unterscheiden sich zudem im Ausmaß ihrer Aufmerksamkeit, d. h. wie stark achten sie auf Zeichen und Veränderungen an ihrem Kind, die ein Warnsignal für erlebtes Mobbing sein könnten? Wie ernst nehmen sie die vermutete Viktimisierung? Wie stark fühlen sie sich dafür verantwortlich, in einem solchen Fall mit der Schule Kontakt aufzunehmen und mit dieser zusammen zu arbeiten? Diese elterlichen Verhaltensweisen können zu einer raschen Beendigung eines Mobbing-Vorfalls beitragen und somit schwerwiegendere psychopathologische Konsequenzen verhindern.
Für das Mobbing unter Geschwistern sind die familiären Rahmenbedingungen selbstverständlich von zentraler Bedeutung. Zum einen scheint das Erziehungsverhalten der Eltern entscheidend zu sein: harte, bestrafende Methoden, eine unsichere Eltern-Kind-Bindung und ein hohes Level an familiären Konflikten erhöhen das Risiko für Geschwistermobbing, während eine positive Eltern-Kind-Beziehung und liebevolles Elternverhalten als Schutzfaktor wirken. Zum anderen sind Haushalts- und Familienmerkmale bedeutsam. Hierbei stellen eine große Familie, männliche Geschwister sowie finanzielle Probleme signifikante Risikofaktoren dar (Tippett und Wolke 2015). Die Tatsache, dass strukturelle Familienmerkmale (Erstgeborene und ältere Brüder) und Geschlecht (männlich) starke Prädiktoren für Mobbing unter Geschwistern darstellen, könnte ein Hinweis auf ein evolutionäres Modell dieser Mobbing-Form sein (Dantchev und Wolke 2019). Erstgeborene haben oft einen physischen oder kognitiven Vorteil, der es ihnen ermöglicht, ihre jüngeren Geschwister zu dominieren. Älteste Geschwister sind jedoch auch selbst Opfer von Geschwisterangriffen. Sie scheinen oftmals eine besonders enge Beziehung zu den Eltern und somit einen besseren Zugang zu familiären Ressourcen zu haben. Eifersucht und der Kampf um diese Ressourcen können dazu führen, dass Erstgeborene selbst zum Ziel von Geschwisteraggression werden (Tippett und Wolke 2015).

Korrelate und Folgen

Konsequenzen für die psychische Gesundheit

Das durch Mobbing verursachte Leiden ist enorm. Die betroffenen Opfer zeigen vielfältige soziale, emotionale, schulische sowie Verhaltensprobleme.
Ihr ohnehin meist niedriger Selbstwert nimmt weiter ab, oftmals kommen schulvermeidendes Verhalten und schulische Leistungsprobleme hinzu. Die selbstberichtete Lebensqualität der Opfer ist stark eingeschränkt, und dies bereits bei gelegentlichem Mobbing.
Die Viktimisierung durch Mobbing erhöht das Risiko für ein breites Spektrum schwerer psychischer Störungen um ein Vielfaches, ca. ein Drittel der Betroffenen entwickelt psychische Folgestörungen.
Eine aktuelle Meta-Analyse über 165 Studien kam zu dem Schluss, dass überzeugende Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Mobbing-Erfahrungen und der Ausbildung von Angststörungen, Depressionen, psychosomatischen Problemen (wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen), Selbstverletzung und Suizidalität vorherrscht. Der kausale Zusammenhang zwischen Mobbing und illegalem Drogen- und Tabakkonsum wurde als wahrscheinlich eingestuft (Moore et al. 2017). Schließlich existieren Hinweise dafür, dass auch das Risiko für Essstörungen, erhöhten Medikamentenkonsum, die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, Internetsucht und das Auftreten psychotischer Symptome bei Mobbing-Opfern signifikant erhöht ist. Da Mobbing als eine Art von Misshandlung angesehen werden kann, sollte es auch als eine potenzielle traumatische Erfahrung betrachtet werden. In der Tat deuten einige Studien darauf hin, dass Mobbing zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen kann (Due et al. 2007; Kaltiala-Heino et al. 2000; Schreier et al. 2009; Strittmatter et al. 2016; Wolke et al. 2012).
Mobbing durch Geschwister erhöht das Risiko, ebenfalls von Mobbing durch die Peergruppe betroffen zu sein und geht unabhängig davon mit emotionalen Problemen wie Depression und Selbstverletzung einher (Wolke et al. 2015). Die Auswirkungen scheinen kumulativ zu sein, da diejenigen, die sowohl von Geschwistern als auch von Gleichaltrigen gemobbt wurden, besonders stark erhöhte emotionale Probleme aufweisen. Vermutlich, weil sie gar keinen sicheren Ort mehr haben, um vor Mobbing zu fliehen, da dieses selbst innerhalb der Familie auftritt.
Mittels Daten der British National Child Development Study konnten sogar Langzeitwirkungen von Mobbing bis in die mittleren Lebensjahre, fast vier Jahrzehnte nach der eigentlichen Viktimisierung, gezeigt werden. Teilnehmer, die in der Kindheit gemobbt wurden, wiesen im Alter von 23 Jahren nicht nur erhöhte Risiken für Depressionen (Odds Ratio = 1,95), Angststörungen (OR = 1,65) und Suizidalität (OR = 2,21) auf, sondern berichteten auch über einen Mangel an sozialen Beziehungen, finanzielle Probleme und schlechtere Lebensqualität im Alter von 50 Jahren (Takizawa et al. 2014). Diese Effekte waren vergleichbar mit den Auswirkungen von Aufwachsen in Heimen oder Pflegefamilien. Die Auswertung von zwei weiteren epidemiologischen Längsschnittstudien legt nahe, dass Mobbing-Erfahrungen in der Kindheit sogar stärkere psychische Probleme im jungen Erwachsenenalter nach sich ziehen als Misshandlungen in der Kindheit (physischer, emotionaler oder sexueller Missbrauch) (Lereya et al. 2015).
Einschränkend muss gesagt werden, dass die Richtung des beschriebenen Zusammenhangs nur durch randomisiert-kontrollierte Interventionsstudien eindeutig geklärt werden kann, die jedoch im Forschungsfeld noch ausstehen. Prinzipiell ist auch die umgekehrte Richtung möglich, d. h. dass psychisch belastete Kinder und Jugendliche evtl. eher gemobbt werden. Plausibel wäre sicherlich die Annahme einer reziproken Beziehung: Das erlebte Mobbing erhöht das Risiko für die Entwicklung von psychopathologischen Symptomen, welche wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöhen, gemobbt zu werden. Auch könnte der Zusammenhang von Mobbing und Psychopathologie durch zugrunde liegende Drittvariablen vermittelt werden, sodass nur scheinbar Kausalität herrscht. Doch selbst unter Kontrolle möglicher zugrunde liegender Faktoren wie psychiatrischer Symptome, sozialer/familiärer Probleme oder demografischer Faktoren, zeigt sich der beschriebene unabhängige Anteil (Copeland et al. 2013).
Mobbing-Täter versäumen es, soziale Verhaltensnormen zu erlernen und zeigen oftmals externale Verhaltensprobleme. Sie sind daher typischerweise auch an anderen antisozialen oder regelbrechenden Aktivitäten beteiligt, wie Vandalismus oder Schulschwänzen. Außerdem werden verstärkter Alkohol- und Drogenkonsum und schlechtere schulische Leistungen berichtet. Schließlich entwickeln sich bei den Tätern im Erwachsenenalter vermehrt antisoziale oder kriminelle Tendenzen. So zeigten Daten finnischer Jungen, dass die Gruppe der regelmäßigen Mobbing-Täter (9 %) im Alter von 20 Jahren für 33 % der Straftaten verantwortlich waren (Sourander et al. 2007).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Mobbing eine normale emotionale, kognitive und psychosoziale Entwicklung der Betroffenen schwerwiegend gefährdet. Die vielfältigen negativen Auswirkungen von Mobbing unterstreichen die Tatsache, dass Mobbing ein wichtiges Problem der öffentlichen Gesundheit darstellt, und nicht nur ein schulisches Thema.
Es wurde festgestellt, dass sowohl frühere Täter als auch Opfer von Mobbing Überkonsumenten der Gesundheits- und Sozialsysteme der Gesellschaft sind, was sich auch in erhöhten Gesundheitskosten niederschlägt. Einen ersten empirischen Beitrag zur Kosten-Problematik von Mobbing lieferte eine Online-Studie unserer Arbeitsgruppe für Jugendliche und deren Eltern, in der die direkten und indirekten Kosten von Mobbing aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive beziffert wurden (Jantzer et al. 2019). Die jährlichen Gesundheitskosten eines einzigen Jugendlichen, der von regelmäßigem Mobbing betroffen war, lagen demnach um ca. 5300 € höher als die eines nicht gemobbten Jugendlichen. Zu den Kostentreibern gehörten erhöhte direkte medizinische Kosten (z. B. Therapie und Beratung), aber auch indirekte Kosten, die durch Produktivitätsverluste der Eltern verursacht wurden. Die ökonomische Belastung durch Mobbing betrifft somit nicht nur den Gesundheitssektor, sondern ganze Familien sind dadurch beeinträchtigt.
Wenn Mobbing tatsächlich ein auslösender Faktor psychischer Probleme ist, könnte die Reduzierung von Mobbing dazu beitragen, psychische Erkrankungen und Problemverhalten zu verhindern, nicht nur im Kindes- und Jugendalter, sondern auch im Erwachsenenalter. Dies wäre zudem Kosten-effektiv. Obwohl Mobbing-Erfahrungen in der Kindheit ähnliche negative Langzeitauswirkungen aufweisen wie Misshandlungen in der Kindheit, wird diesem Thema weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet. So ist beispielsweise in der UN Convention on the Right of the Child festgelegt, dass die Regierungen aller unterzeichnenden Nationen hauptverantwortlich sind für die Prävention/das Beenden von Gewalt gegen Kinder (United Nations 2006). Dies stellt auch die rechtliche Grundlage für den Austausch von Informationen zwischen rechtlichen, medizinischen und Beratungsinstitutionen in Verdachtsfällen dar. Obwohl Mobbing ein weit häufigeres Phänomen darstellt, das alle sozialen Gruppen gleichermaßen betrifft, gibt es in diesem Bereich keine vergleichbare Regelung. Auch hier wäre es von entscheidender Bedeutung, dass Schulen, medizinische und beratende Institutionen frühzeitig zusammenarbeiten, um Mobbing nachhaltig zu stoppen. Es ist überraschend, dass Mobbing bislang weder als Forschungsgebiet von besonderem Interesse ist, noch als zentrales Anliegen der öffentlichen Gesundheit anerkannt wurde. Umfangreiche Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die Sensibilisierungskampagnen für die allgemeine Öffentlichkeit und insbesondere für Schulen, die Verbreitung evidenzbasierter Mobbing-Präventionsprogramme, die Entwicklung von Leitlinien und spezifischer Interventionen zur Prävention von Mobbing bzw. der Behandlung von Folgestörungen und zusätzliche Förderung innovativer Forschung rund um das Phänomen Mobbing (vergleichbar mit den Entwicklungen im Bereich der Kindesmisshandlung in den vergangenen Jahren), sind daher erforderlich (Kaess 2018).

Wirkmechanismen

Mögliche Mechanismen zur Erklärung der z. T. langandauernden psychischen Probleme bei Opfern von Mobbing können in physiologische und psychologische Wirkfaktoren unterteilt werden. Im physiologischen Bereich sind eine veränderte Stress-Reaktivität, Veränderungen in chromosomalen Strukturen, sowie neurobiologische oder entzündliche Veränderungen zu nennen. Darüber hinaus scheinen mehrere sozial-kognitive Erklärungsmechanismen die lang anhaltende Beziehung zwischen Mobbing und psychischen Problemen zu vermitteln. Die Erfahrung von Mobbing kann zu einer Verzerrung in der Interpretation der interpersonellen Umgebung führen. Oftmals werden die Ursachen negativer Ereignisse von den Betroffenen fälschlicherweise internal attribuiert und diese kognitiven Verzerrungen auf eine Vielzahl von Situationen verallgemeinert. Viktimisierte Kinder und Jugendliche verwenden eher Attributionen für das erlebte Mobbing, die internal und nicht beeinflussbar sind, und diese Selbstvorwürfe verschlimmern wiederum die Auswirkungen der Viktimisierung. Negative Selbsteinschätzungen und mangelndes Selbstwertgefühl spielen eine entscheidende Rolle, insbesondere bei der Entwicklung von Angststörungen und Depressionen, wo kognitive Umstrukturierungen (von „charakterlicher“ zu „verhaltensbedingter“ Attribution) eine vielversprechende und weit verbreitete Interventionsstrategie darstellen. Zahlreiche andere Verzerrungen in der kognitiven Verarbeitung von Opfern konnten gezeigt werden, z. B. tiefere Kodierung negativer Informationen im Gedächtnis oder Interpretation mehrdeutigen Materials als negativ.
Darüber hinaus ist es möglich, dass Peer-Viktimisierung zu weiteren Misshandlungen durch Gleichaltrige oder Erwachsene führt und die erste Stufe in einem Kreislauf der Viktimisierung bildet, der sich im Laufe der Zeit und über Situationen hinweg aufrechterhält. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, ein erhöhtes Risiko für eine Re-Viktimisierung sowohl dieser Art als auch für andere Arten von Gewalt haben (Finkelhor et al. 2007). So erhöhen auch frühkindliche Traumata in Form von erlebtem körperlichem, emotionalem oder sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung durch die Eltern das Risiko einer späteren Viktimisierung durch Mobbing. Hong und Kollegen (2012) nennen drei Mediatoren, die diesen Zusammenhang erklären:
(a)
Emotionale Dysregulation: Misshandelte Kinder sind nicht in der Lage, eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufzubauen. Zudem werden die negativen emotionalen Reaktionsstrategien, die von den strafenden und missbräuchlichen Eltern erzeugt wurden, auf andere Kontexte übertragen. Der erlebte chronische Stress der Misshandlung trägt zu weiterer emotionaler Destabilisierung bei.
 
(b)
Depression: Depressive oder ängstliche Kinder sind ein leichtes Ziel. Sie wirken verletzlich und hilflos. Dies erhöht das Risiko, Ziel von Mobbing zu werden.
 
(c)
Soziale Defizite: Die unsichere Bindung an die Eltern führt dazu, dass auch außerhalb der Familie keine positiven sozialen Beziehungen aufgebaut werden können. Misshandelte Kinder sind oftmals sozial isoliert.
 

Fallbeispiele

Die folgenden Fallbeispiele aus der Ambulanz bzw. Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg machen deutlich, welche unterschiedlichen Verläufe Mobbing-Fälle annehmen und welche weitreichenden pathologischen Konsequenzen und Reaktionsmuster entstehen können. Auch die z. T. jahrelange Vorgeschichte, die der Vorstellung beim Kliniker vorausgehen kann, wird eindrücklich dargestellt.
Fallbeispiel 1
16-jähriger Junge, 10. Klasse Gymnasium
Vorstellungsanlass: PC-Sucht, Depression, Schulangst, Schulverweigerung, soziale Ängste
Diagnose: Depression, soziale Angst, PC-Sucht
Jonas hat eine starke Ablehnung gegen die Schule, weil er mit der Klasse Probleme hat. Zwar verstehe er sich mit den Lehrern gut, aber das Verhältnis zu seinen Mitschülern sei sehr schlecht. Er werde beleidigt und ausgegrenzt. Dies habe bereits in der 5. Klasse angefangen. Seit 2 Wochen verweigert er die Schule vollkommen und will die Klasse wiederholen. Jonas berichtet, dass er gerne andere Sachen machen würde, aber z. B. in keinen Verein gehen könne, da seine Mitschüler dort seien. Bei den Satzergänzungen stehen die Themen Schulangst, Einsamkeit, familiäre Konflikte („Meine Mutter mag ich nicht“), der Computer („Die glücklichste Zeit ist Computerzeit“) und seine belastete Gesamtsituation („Ich hasse mein Leben“, „Ich wünsche mir ein neues Leben“) im Mittelpunkt. Es wird deutlich, wie unglücklich Jonas mit seinem Leben und der Gesamtsituation ist, sodass der Dienstarzt hinzugezogen wird. Jonas habe häufig Suizidgedanken, vor allem, wenn er nichts zu tun habe und schließe einen Suizidversuch nicht aus.
Fallbeispiel 2
13-jähriges Mädchen, 7. Klasse Realschule
Vorstellungsanlass: Schulangst, Schulverweigerung, psychosomatische Beschwerden (Bauchschmerzen)
Diagnose: Anpassungsstörung sozial und emotional
Im Gespräch gibt Marie an, nicht gerne zur Schule zu gehen, sie würde die Schule seit 3 Monaten gar nicht mehr besuchen. Ihre Mitschüler, besonders drei Mädchen und einige Jungen, würden sie „ärgern“ und auch „ab und zu schubsen“. In den letzten Monaten sei es immer schlimmer geworden, die Mitschüler hätten sie jedoch schon „seit dem ersten Tag in der 5. Klasse gehasst“. Sie habe versucht, mit ihnen zu reden und ihnen zu sagen, dass sie nicht geärgert werden wolle, aber ihre Mitschüler hätten sie nur ausgelacht und weitergemacht. Ihre Lehrer würden zwar ihre Mitschüler tadeln, aber ändern würde das die Situation nicht. Maries Mitschüler würden sie „fette Sau“ nennen und sie wüsste nicht mehr, wie sie damit umgehen solle. Anfangs hätte sie versucht sich zu wehren, aber das hätte nichts genützt. Zuletzt hätte sie versucht, die Beschimpfungen zu ignorieren.
Fallbeispiel 3
15-jähriges Mädchen, 9. Klasse Realschule
Vorstellungsanlass: Schwere soziale Ängste mit sozialem Rückzugsverhalten, Panikattacken
Hannah ist ein eher schüchternes und zurückhaltendes Mädchen. 6 Monate vor der diagnostischen Vorstellung hat sie an der Schule Tim kennen gelernt, der sich eine Klassenstufe über ihr befand. Tim signalisierte zunächst Interesse an einer Beziehung. Nach ersten Kontakten bat er Hannah, sich selbst bei der Masturbation zu filmen. Hannah kam diesem Wunsch nach und verschickte das Video per Handy an Tim. Dieser leitete es an seine Freunde weiter. Auch wenn das Video nicht online gestellt wurde, verbreitete es sich so über die Handys der Mitschüler und auch in sozialen Netzwerken und Chatgruppen. Dort habe man sich über Hannah lustig gemacht („Na, machst Du es Dir gerade selbst?“). Hannah ist daraufhin phobisch dekompensiert, sie gibt an, nicht mehr vor die Tür zu können, alle starrten sie an und redeten über sie. Wenn sie unter Leuten sei, bekäme sie Schweißausbrüche, ihr würde übel und sie habe dann Angst, die Kontrolle zu verlieren. Währenddessen habe sie das Gefühl, dass alle dabei noch über sie lachten. Hannah wurde mehrere Monate tagesklinisch behandelt und im Rahmen dieser Behandlung von der Regelschule in die Klinikschule integriert. Nach erfolgreicher Stabilisierung erfolgte (auch auf Wunsch der Patientin selbst) ein Schulwechsel.

Diagnostik

Mobbing stellt keine Diagnose im eigentlichen Sinn dar, teilweise wird die erlebte Viktimisierung auch nicht direkt durch den Vorstellungsanlass des Betroffenen ersichtlich. Ein Fokus auf die entwickelte Psychopathologie bzw. die große Scham, mit der das Erlebte für die Betroffenen besetzt ist, können dazu führen, dass das eigentlich ursächliche Mobbing im klinischen Alltag übersehen wird.
Umso wichtiger ist es, dass das Verhältnis zu den Mitschülern und das Wohlfühlen in der Schule vom Kliniker aktiv erfragt werden.
Professor Dieter Wolke brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Ich war ziemlich erstaunt, als ich herausfand, dass die Psychopathologie Beziehungen zu Gleichaltrigen bei der Forschung mehr oder weniger unbeachtet ließ. Außerdem fanden wir heraus, dass Mediziner wie der Hausarzt, aber auch Kinder- und Jugendpsychiater, ein Kind mit Kopf- oder Bauchschmerzen oder einem psychologischen Problem wohl nach dem Verhältnis zu den Eltern fragten, aber nie nach dem Verhältnis zu Geschwistern oder Schulkameraden.“ (Wolke 2017).
Taucht im explorativen Gespräch ein Mobbingverdacht auf, bietet sich die Anwendung eines Fragebogens an, um diesen zu verifizieren. Gebräuchliche Skalen sind z. B. der Olweus Bullying Questionnaire (OBQ) (Olweus 1996) oder die etwas aktuellere Forms of Bullying-Scale (FBS) (Shaw et al. 2013). Letztere ist auf Englisch frei erhältlich und bietet sich auch als Screening-Instrument an, da sie aus lediglich 20 Items besteht. Nach einer ausführlichen Definition von Mobbing und Cybermobbing wird das erlebte Mobbing jeweils für die Rolle des Opfers und des Täters erfragt („Wie oft wurdest du in den letzten drei Monaten von einem oder mehreren Kindern/Jugendlichen auf folgende Weise gemobbt“ bzw. „Wie oft hast du in den letzten drei Monaten einen oder mehrere Kinder/Jugendliche auf folgende Weise gemobbt (allein oder in der Gruppe)“). Auf diese Weise werden Daten zum verbalen, sozialen und physischen Mobbing erhoben, wobei nicht unterschieden wird, ob dieses im direkten Kontakt oder medial geschieht. Die Probanden können aus einer 5-stufigen Antwortskala auswählen (1 = Das geschah mir nicht/Ich tat dies nicht; 2 = Ein- oder zweimal; 3 = Alle paar Wochen; 4 = Ungefähr einmal die Woche; 5 = Mehrmals pro Woche oder öfter), wobei als Cut off für Mobbing die Antwortmöglichkeit „Ungefähr einmal pro Woche“ vorgeschlagen wird.
Der Olweus Bullying Questionnaire (OBQ) eignet sich besonders gut für die präventive Arbeit an Schulen, da neben Daten zu den spezifischen Arten von Mobbing auch Informationen zu den Umständen der Mobbing-Vorfälle erhoben werden: Sind eher Jungen oder eher Mädchen beteiligt? Seit wann dauert das Mobbing an? Welche Klassenstufen sind besonders betroffen? Wo auf dem Schulgelände findet das Mobbing statt? Wie reagieren die Lehrer und Mitschüler? Wem erzählen die Opfer von den Vorkommnissen? etc. Auch ein globales Item zum Mobbing in der Rolle des Opfers und Täters sowie eine eigene Skala zum Cybermobbing sind enthalten. Der Informationsgewinn schlägt sich in der Länge des Fragebogens nieder (57 Items). Die Fragen zu den verschiedenen Arten von Mobbing werden auf einer 5-stufigen Skala beantwortet (1 = Das ist mir in den letzten drei Monaten nicht passiert; 2 = Nur selten; 3 = Zwei oder drei Mal pro Monat; 4 = Ungefähr einmal pro Woche; 5 = Mehrmals pro Woche). Der von Olweus vorgeschlagene Cut off für Mobbing liegt bei „2- bis 3-mal pro Monat“, wobei auch noch einmal in Subgruppen von gelegentlichem und regelmäßigem Mobbing differenziert werden kann. Jedoch ist der OBQ lediglich zu Forschungszwecken frei erhältlich. Ansonsten ist er zur jährlichen Anwendung an Schulen innerhalb des Olweus Bullying Prevention Program gedacht (Abschn. 7).
Im Alltag gibt es verschiedene Warnsignale, die Eltern beachten sollten und die ein Hinweis auf Mobbing sein können.
Warnsignale, die ein Hinweis auf Mobbing sein können
Wenn das Kind
  • mit zerrissener Kleidung, schmutziger/nasser Kleidung oder kaputten Büchern nach Hause kommt oder Dinge „verloren“ hat, ohne eine gute Erklärung dafür zu haben, was geschehen ist;
  • blaue Flecken, Kratzer, Schrammen oder Verletzungen aufweist und nicht glaubhaft erklären kann, wie diese entstanden sind;
  • keine Schulkameraden mit nach Hause bringt und selten nach der Schule Zeit mit Mitschülern verbringt;
  • Angst vor der Schule zu haben scheint oder widerwillig am Morgen zur Schule geht;
  • einen „unlogischen“ Schulweg wählt;
  • das Interesse an der Schule verliert und sich die Noten verschlechtern;
  • unglücklich, niedergeschlagen oder depressiv wirkt oder Stimmungsschwankungen mit plötzlichen Wutausbrüchen und Gereiztheit hat;
  • oft unter Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen leidet;
  • unter unruhigem Schlaf mit Albträumen leidet und im Schlaf vielleicht weint;
  • Geld stiehlt oder in der Familie um zusätzliches Geld bittet.

Prävention und Intervention

Intervention im schulischen Kontext

Wenn Eltern im schulischen Kontext nach Hilfe suchen, sind Beratungslehrer, Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen (vor Ort an der Schule oder über den schulpsychologischen Dienst) die richtigen Ansprechpartner. Letztere bieten Beratungsgespräche für Betroffene, Schulungen von Lehrkräften, Interventionen an Schulen und Begleitung bei Schulwechsel von Betroffenen an. Auch die polizeiliche Kriminalprävention kann ein kompetenter Ratgeber zum Thema Mobbing, speziell bei Cybermobbing und Körperverletzung sein.
Dennoch sollten sich alle Erwachsenen an der Schule für das Beenden von Mobbing-Vorfällen verantwortlich fühlen und darin geschult sein, um sich kompetent und sicher zu fühlen und dies auch ihren Schülern zu vermitteln.
Bei der Intervention auf schulischer Ebene muss zwischen dem unmittelbaren Eingreifen in eine beobachtete Situation („on the spot“) und der konsequenten Nachverfolgung und Nachbereitung der Vorkommnisse unterschieden werden. Für Ersteres empfiehlt Olweus im Rahmen seines Programms das sog. 6-Schritte-Modell (Olweus und Limber 2007).
6-Schritte Modell (Olweus und Limber 2007)
1.
Stoppen Sie das unangebrachte Verhalten.
 
2.
Unterstützen Sie den Schüler, der angegriffen wurde.
 
3.
Benennen Sie das konkrete Verhalten der Täter und weisen Sie auf die Anti-Mobbing-Regeln der Schule hin.
 
4.
Beziehen Sie die umstehenden Zuschauer mit ein (Lob bei Hilfeversuchen, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen bei Passivität).
 
5.
Verhängen Sie sofort angemessene Konsequenzen (im Nachgang wird auch der zuständige Klassenlehrer informiert).
 
6.
Stellen Sie sicher, dass das Opfer vor weiteren Übergriffen geschützt ist (Folgetermine mit Opfer und Täter, Situation weiter beobachten, Versuche Opfer besser in Peergruppe zu integrieren).
 
Wird bei unakzeptablen oder unklaren Situationen konsequent eingegriffen, werden wichtige Signale gesendet: Unterstützung für den (möglicherweise) betroffenen Schüler; die Fähigkeit und Bereitschaft, in die Situation einzugreifen sowie eine Botschaft an die unbeteiligten Zuschauer. Das Einschreiten der Erwachsenen minimiert den Gewinn, den der Täter aus dem Mobbing zieht. Olweus empfiehlt, lieber zu oft als zu selten einzugreifen, denn es ist kein Problem, sich zurückzuziehen, wenn sich herausstellt, dass die Situation unproblematisch ist.
Auf die sofortige Intervention im sog. Schlüsselmoment folgt die Nachbereitung in Form von Einzelgesprächen. Wurde das Mobbing nicht direkt beobachtet, sondern es besteht lediglich ein Verdacht, sollten im Vorfeld Informationen eingeholt und dokumentiert werden (Befragung von Mitschülern und/oder Kollegen, Verhaltensbeobachtungen, Soziogramme etc.). Im vertraulichen Einzelgespräch wird zunächst mit dem Opfer, dann nacheinander mit den Tätern, das Geschehene reflektiert. Bei wiederholten oder massiven Vorfällen sollten ebenfalls die Eltern hinzugezogen werden.
Im Gespräch mit dem Opfer hat der Betroffene zunächst die Möglichkeit zu erzählen, wie es ihm geht. Die wichtigste Botschaft ist die, dass die Erwachsenen künftig darauf achten werden, das Mobbing zu stoppen. Sie übernehmen die Verantwortung. Es sollte dem Betroffenen die Angst vor Rache genommen werden und er wird ermutigt, evtl. erneute Vorfälle unmittelbar zu melden. Dem Opfer wird versichert, dass es keine Schuld an den Vorkommnissen trägt. Ein weiterer verbindlicher Gesprächstermin zur Nachverfolgung wird vereinbart, um den Erfolg der ergriffenen Maßnahmen zu überprüfen.
Die Täter sollten darauf hingewiesen werden, dass Informationen zu ihrem unakzeptablen Verhalten aus mehreren Quellen vorliegen. Das minimiert das Risiko für Racheakte am Opfer und die Versuche, sich aus der Situation herauszureden. Es wird klar gemacht, dass Mobbing an dieser Schule nicht akzeptiert wird und dass die Erwachsenen dafür sorgen werden, dass es aufhört. Sollte der Täter versuchen, die Vorkommnisse abzustreiten, sollten klare Beispiele dokumentiert vorliegen. Versucht ein Täter, die Schuld auf seine Mittäter abzuwälzen, wird ihm vermittelt, dass in diesem Gespräch ausschließlich sein Verhalten im Mittelpunkt steht und dass ebenfalls Gespräche mit den Mittätern geführt werden bzw. wurden. Dem Täter werden klare Konsequenzen benannt und auch mit ihm wird ein Folgetermin zur Überprüfung vereinbart, um sicherzustellen, dass das Mobbing nachhaltig gestoppt wurde. Dem Täter wird dennoch niemals feindselig begegnet. Es wird nicht seine Persönlichkeit als Ganzes angegriffen, sondern sich stets konkret auf das unerwünschte Verhalten bezogen. Oberste Priorität bei Olweus hat der Schutz des Opfers.
Eine etwas andere Herangehensweise, die in Deutschland weit verbreitet ist, ist der sog. No Blame Approach (Blum und Beck 2016). Dieses lösungsorientierte Vorgehen arbeitet ohne Schuldzuweisung und Sanktion, auch wird sich weniger auf vergangene Vorfälle bezogen. Ziel ist es vielmehr, konkrete Ideen zu entwickeln, die eine bessere Situation für den von Mobbing betroffenen Schüler herbeiführen. Im Rahmen der Intervention werden Schüler dafür gewonnen, bei der Lösung des Mobbings mitzuhelfen. Die Intervention erfolgt in 3 Schritten:
1.
Das Gespräch mit dem Opfer: Ziel des Gesprächs ist es, das Vertrauen des Schülers für die geplante Vorgehensweise zu gewinnen und Zuversicht zu vermitteln, dass sich die belastende Situation beenden lässt. Insistierendes Nachfragen wird vermieden, auch wird nicht nach den genauen Details des Mobbings gefragt, lediglich die Tätergruppe muss benannt werden.
 
2.
Bildung einer Unterstützungsgruppe: 6–8 Personen (Haupttäter, Mitläufer und unbeteiligte Zuschauer) bilden eine Helfergruppe und werden zu einem Treffen eingeladen, bei dem gemeinsam eine Lösung der problematischen Situation erarbeitet wird.
 
3.
Nachgespräche: Nach ca. 1–2 Wochen wird in Einzelgesprächen mit den Mitgliedern der Unterstützergruppe und dem Opfer gesprochen, um zu prüfen, wie sich die Situation in der Zwischenzeit entwickelt hat.
 
Deutschlandweit haben sich bereits mehr als 15.000 Personen in der Anwendung des No Blame Approachs qualifiziert. Im Gegensatz zum Olweus Bullying Prevention Program (Abschn. 7.3) beläuft sich die positive Evaluation dieses Konzepts allerdings auf die sehr kleine Datenbasis von knapp 200 Fällen, wohingegen zu Olweus Daten von mehr als 100.000 norwegischen und amerikanischen Schülern der letzten 30 Jahre vorliegen und das Programm auch von unabhängigen Experten empfohlen wird. Zudem stellt das Olweus-Programm ein umfassendes und schwerpunktmäßig präventives Programm dar, das die gesamte Lehrer- und Schülerschaft einbindet, während es sich beim No Blame Approach um ein reines Interventionskonzept für einzelne ausgebildete Lehrer handelt. Es ist fraglich, inwieweit reine Intervention auf individueller Ebene effektiv sein kann, wenn sie nicht durch Maßnahmen auf Schul- und Klassenebene ergänzt wird.

Intervention im klinischen Kontext

Wirkt der Betroffene psychisch stark belastet und droht die Verfestigung psychopathologischer Symptome, sollte er bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Kinder- und Jugendpsychiater vorstellig werden. Anerkannte, spezifische Therapiekonzepte für Betroffene sucht man jedoch weitestgehend vergeblich. Die Therapie von Mobbing und den damit einhergehenden Folgen ist ein bisher in der Forschung vernachlässigtes Thema. So ergab ein aktuelles systematisches Review zur Intervention und Therapie von Schulmobbing lediglich zehn Therapiestudien mit kontrolliertem Design (Hess et al. 2017). Hierbei zeigte sich, dass Behandlungsangebote, die sich sowohl an die betroffenen Personen als auch an ihr soziales Umfeld richten, besonders effektiv in der Behandlung von Mobbing-Folgen sind. Es wurden sowohl Einzel- als auch Gruppen- oder Familienmaßnahmen eingesetzt. Klientenzentrierte und kognitiv verhaltenstherapeutische Interventionen, Gruppentrainings für soziale Fertigkeiten, Psychodrama-Techniken, interpersonelle Psychotherapie und familientherapeutische Interventionen waren am häufigsten vertreten. Insgesamt ergab sich eine moderate Effektivität der berichteten Verfahren. Im Einzelnen konnten folgende Behandlungsansätze bei Opfern stabile positive Effekte erzielen:
  • die kognitiv behaviorale Familienintervention (Healy und Sanders 2014): Reduktion von Viktimisierung, emotionalem Distress und internalisierenden Symptomen sowie Entwicklung von Coping-Strategien;
  • die kognitiv behaviorale Gruppenintervention mit begleitendem Elternprogramm (Berry und Hunt 2009): Rückgang von Viktimisierung und Angst.
Erfolgversprechende Behandlungsalternativen zur Reduktion internalisierender Symptome bieten zudem die Psychodrama-Intervention (Jamshidi et al. 2014) sowie die individuelle interpersonelle Psychotherapie (Tang und Huang 2013), wobei hier noch weitere Evaluationsstudien zum Nachweis der Effektivität dieser Maßnahmen ausstehen.
Im Allgemeinen bieten sich Techniken aus der Therapie von Depression und Angst sowie auch der posttraumatischen Belastungsstörung an, um Betroffene zu stabilisieren und künftige Opferwerdung zu verhindern. Die Stärkung des Selbstwerts, der Ausbau sozialer Fähigkeiten und ausgleichender Begabungen, die Aktivierung von Ressourcen, die Verbesserung von Coping-Fertigkeiten sowie die Förderung von Stress-Resilienz stehen dabei als mögliche Strategien im Vordergrund. Vermeidung ist bei Mobbing eine sehr häufige Strategie der Kinder und Jugendlichen, die im therapeutischen Prozess angegangen werden sollte. Hier können Strategien der Desensibilisierung und Exposition eingesetzt werden. Ergänzend erscheinen Selbstbehauptungs- bzw. soziale Kompetenztrainings und das Erlernen von Entspannungstechniken sinnvoll. Von zentraler Bedeutung ist es, die Thematik ernst zu nehmen und Versuche des Kindes, Kontakte nach außen zu knüpfen zu unterstützen, um alternative positive Erfahrungen zu ermöglichen. Der Behandler sollte immer gut mit dem Betroffenen im Gespräch sein, da es sich bei Mobbing um ein hoch schambesetztes Thema handelt und es große Überwindung kostet, sich anzuvertrauen. Auch die Psychoedukation hat einen wichtigen Stellenwert im therapeutischen Verlauf: Der Betroffene hat nicht selbst Schuld, weil er komisch oder anders ist. Es handelt sich nicht um manifeste persönliche Eigenschaften, sondern variable soziale Rollen. So kann es gelingen, hinaus aus der Ohnmacht im Sinne einer erlernten Hilflosigkeit zu finden. Ob ein Schulwechsel erforderlich ist, sollte immer im Einzelfall gemeinsam mit Eltern, Lehrern und Betroffenen abgewogen werden. In besonders schweren Fällen ist ein Settingwechsel evtl. angebracht, inwiefern das tatsächlich zu einer Reduktion des Mobbings beiträgt ist allerdings empirisch nicht gesichert. In jedem Fall sollte sorgsam geprüft werden, ob ein Schulwechsel Aussicht auf Erfolg hat. Liegen schwere interaktionelle Probleme im Sinne einer ubiquitären Prädisposition vor? In diesem Fall kann davon ausgegangen werden, dass sich diese sozialen Probleme auch in neuer Umgebung zeigen. Oder handelt es sich um eine ungünstige Entwicklung, die an den jetzigen Schulstandort geknüpft ist?
Evidenzbasierte, gezielte Interventionen zur Behandlung von Mobbing und dessen Folgen werden dringend benötigt, um zeitnah, aber auch über die Beendigung des eigentlichen Mobbingprozesses hinaus, mit den Betroffenen effektiv therapeutisch arbeiten zu können. Mobbing-Täterschaft oder -Opferstatus stellen keine Diagnose im Sinne der ICD-10 oder des DSM-5 dar. Bei den Vorstellungsanlässen der Opfer handelt es sich daher zumeist um die Folge-Störungen Depression, Suizidversuch, Angststörungen, Schulphobie, posttraumatische Belastungsstörung oder akute Belastungsreaktion. In der Regel erfolgt keine gezielte Behandlung der Opferproblematik, sondern dieser aufgeführten Störungen. In Ermangelung einer ursächlichen Zugriffsmöglichkeit auf das Mobbing behandelt der Therapeut also symptombezogen statt ursächlich. Hess und Kollegen (2017) empfehlen daher die Aufnahme eines „Bullyingsyndroms“, das mit verschiedenen psychopathologischen Auffälligkeiten assoziiert ist. Dieses könne sowohl die Forschung zum Phänomen Mobbing als auch die klinische Versorgung der Betroffenen verbessern.

Prävention im schulischen Kontext

Mobbing ist ein systemisches soziales Problem, der Umgang damit die kollektive Verantwortung aller an der Schule. Wie bereits in Abschn. 4.4 beschrieben, stellt das schulische Umfeld einen wichtigen Risiko- bzw. Schutzfaktor in der Entstehung von Mobbing dar.
Im Kontext Schule können zentrale Ursachen und Aufrechterhaltungsmechanismen von Mobbing positiv beeinflusst werden. Insbesondere primär-präventive Programme für die gesamte Schule erscheinen vielversprechend.
Zudem müssen die ökonomischen Konsequenzen von Mobbing bedacht werden, die u. a. durch eine Überbeanspruchung des Gesundheitssektors durch Betroffene und verschlechterte schulische Leistungen und damit einhergehende spätere Produktivitätsverluste verursacht werden. Auch die Prävention von antisozialem oder kriminellem Verhalten der Mobbing-Täter würde eine erhebliche Kostenreduktion versprechen. Die potenzielle Kosteneffizienz von Interventionen ist heutzutage ein sehr wichtiger Entscheidungsfaktor bei der Vergabe von Ressourcen, wird jedoch im Bildungssektor bislang kaum berücksichtigt. Die zunächst hoch erscheinenden Kosten primärer Präventionsprogramme führen oftmals dazu, dass keine oder nur verwässerte Maßnahmen gegen Mobbing ergriffen werden, obwohl viele Schulen den Handlungsbedarf im Problemfeld erkennen. Der langfristige Nutzen effektiver Mobbingprävention und die hohen, durch Mobbing verursachten Kosten werden meist nicht erkannt. Es besteht daher die Notwendigkeit, über die klinische und psychosoziale Dimension von Mobbing hinaus eine ökonomische Bewertung vorzunehmen. Es existieren Hinweise dafür, dass die effektive Prävention von Mobbing nicht nur individuelle negative Entwicklungen verhindern, sondern auch enormen volkswirtschaftlichen Nutzen verursachen könnte. Diese Kostenreduktion sollte in anschließenden Kosten-Nutzen-Analysen den Kosten präventiver Programme gegenübergestellt werden. Schließlich wären finanzielle Einsparungen ein starkes Argument für die Implementierung solcher Programme.
Olweus und Limber (2010) benennen jedoch vier Herausforderungen, denen bei der Implementierung von schulbasierten Präventionsprogrammen begegnet werden muss:
(a)
Einige Lehrkräfte und Eltern leisten Widerstand, da sie glauben, dass Mobbing an ihrer Schule kein Problem sei.
 
(b)
Die Anwender wollen einfachere oder schnellere Lösungen anstatt einer dauerhaften Änderung der Schulkultur und der Verhaltensnormen.
 
(c)
Die Schule wendet bereits Strategien an, die nutzlos oder sogar schädlich sind.
 
(d)
Die Anwender picken sich die unkomplizierten Programmkomponenten heraus und verzichten auf die aufwendigeren.
 
Ein Präventionsprogramm kann zudem nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn ein Problembewusstsein, Motivation und entsprechende Ressourcen (Finanzierung und zeitlicher Rahmen) vorhanden sind. Oftmals widerspricht ein kontinuierliches Präventionsprogramm dem aktuell vorherrschenden Projektdenken. Ferner sind die deutschen Schulen mit einer unübersichtlichen Programmvielfalt konfrontiert ohne abschätzen zu können, welche Programme sich als effektiv und anwenderfreundlich erweisen.
Eine aktuelle Meta-Analyse zur Wirksamkeit schulbasierter Mobbing-Prävention belegt deren allgemeine Effektivität sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite. Die 100 eingeschlossenen Programmevaluationen ergaben eine Reduktion der Opferrate um 15–16 % (Odds Ratio = 1,24) sowie der Täterrate um 19–20 % (OR = 1,31), wobei die Effektgrößen der einzelnen Studien erheblich variierten (Gaffney et al. 2018). Lediglich drei deutsche Evaluationsstudien erfüllten die angelegten Einschlusskriterien, wobei es sich um eine Arbeit zum Programm Medienhelden (Chaux et al. 2016) sowie zwei Studien zum fairplayer.manual (Bull et al. 2009; Wölfer und Scheithauer 2014) handelt.
Bei Medienhelden handelt es sich um ein Programm zur Prävention von Cybermobbing. Es beinhaltet eine Stärkung der Empathie und Erhöhung der Sensibilisierung für bzw. des Wissens über Cybermobbing und bietet den unbeteiligten Zuschauern effektive Interventions- und Präventionsstrategien. Die Täterrate kann so signifikant reduziert werden (OR = 1,62; p = .001), für die Opferrate ergab sich jedoch keine signifikante Reduktion (OR = 1,24; p = .26). Das fairplayer.manual basiert auf einem 15-wöchigen Curriculum für Klassen, das durch ausgebildete Lehrer oder externe Trainer vermittelt wird. Ziel hierbei ist die Reduktion von Mobbing durch die Stärkung der sozialen und moralischen Kompetenzen der Schüler durch erhöhte Sensibilisierung, Einstellungsänderung und Ermutigung der unbeteiligten Zuschauer. Die beiden genannten Programmevaluationen ergaben jedoch keine signifikante Reduktion der Mobbingrate durch das Programm, weder für Täter noch für Opfer.
Bedauerlicherweise sind die bislang bestuntersuchten, evidenzbasierten Programme aktuell nicht im deutschen Sprachraum erhältlich. Zu nennen ist an dieser Stelle beispielsweise KiVa (Salmivalli, Universität Turku, Finnland), No Trap! (Palladino, Universität Florenz, Italien) oder das Olweus Bullying Prevention Program (Olweus, Universität Bergen, Norwegen).
Die 41 Studien umfassende Meta-Analyse von Ttofi und Farrington (2011) gibt darüber hinaus Einblick, welche Programmbausteine sich als besonders effektiv erwiesen haben. Als entscheidend für die Wirksamkeit eines Programms zeigten sich demnach dessen Intensität und Dauer, der Einbezug der Eltern (Elternabend oder -training), die Anwendung von klaren Disziplinierungsmaßnahmen sowie die Bildung einer regelmäßig stattfindenden Steuergruppe. Speziell auf Täterseite zeigten eine verbesserte Aufsicht, Lehrertrainings und klare Klassenregeln den größten Erfolg, auf Opferseite der Einsatz von Videomaterial (Fallbeispiele etc.). Eindeutig empfohlen wurden hier das Olweus-Programm sowie Programme, die auf den Prinzipien von Olweus aufbauen. Daher soll das Programm an dieser Stelle abschließend kurz erläutert werden.
Das Olweus-Programm ist ein Programm für die ganze Schule, d. h. das gesamte Schulpersonal und alle Schüler werden einbezogen. Der Fokus des Programms liegt jedoch auf der Arbeit mit den Erwachsenen. Das Programm arbeitet auf drei Ebenen: Schule, Klasse und einzelner Schüler und hat vier zentrale Bausteine:
1.
Olweus-Gruppen: Diese Kleingruppen von 6–15 Personen umfassen das gesamte Kollegium. In den Kleingruppen wird zunächst das Programm über einen Zeitraum von ca. 18 Monaten erarbeitet. Die Gruppen befassen sich mit folgenden Inhalten: Mechanismen und Formen des Mobbings unterscheiden; Mobbing erkennen, intervenieren und nachhaltig stoppen; prosoziales Verhalten bei Schülern fördern; angemessen verstärken und sanktionieren; systematisch mit Kollegen und Eltern zusammenarbeiten. Im Anschluss an die Implementierungsphase geht das Format der Treffen von einer Studiengruppe in eine gegenseitige Supervision über, konkrete Fälle bzw. andere schwierige soziale Situationen und soziale Themen im weitesten Sinne können besprochen werden.
 
2.
Gute Klassenleitung („class room management“): Ziel hierbei ist das Schaffen einer ungestörten und positiven Lernumgebung in der Klasse. Dafür sind unter anderem Wissen über die einzelnen Schüler, Beziehungsarbeit, positive Erwartungen und Gespräche erforderlich. Andererseits sind jedoch auch klare Grenzen für inakzeptables Verhalten und eine konsequente Anwendung von angemessenen positiven Verstärkern und negativen Sanktionen nötig. In den Olweus-Gruppen wird ein klar definiertes System von korrigierenden Maßnahmen (Sanktions-Leiter), aber auch ein System positiver Verstärker erarbeitet.
 
3.
Klassengespräche: Regelmäßig werden Klassengespräche mit den Schülern geführt. Diese geben Einblick in die sozialen Beziehungen der Klasse, fördern ein gutes Klassenklima und etablieren positive soziale Gruppennormen. Die von Klassenlehrkräften angeleiteten Gespräche haben folgende Inhalte: Klassenregeln gegen Mobbing einführen, erläutern, einüben, überwachen und verstärken; den Begriff Mobbing und verschiedene Rollen im Mobbing-Geschehen verstehen; Arbeit mit den Olweus-Materialien (Film, Arbeitsblätter, Diskussionsleitfäden, Rollenspiele etc.).
 
4.
Pausenaufsicht: Die Pausenaufsicht nach dem Olweus-Prinzip zeichnet sich durch gezielte Präsenz, Konsequenz und Einheitlichkeit aus. Die jährliche, anonyme Olweus-Schülerbefragung gibt Auskunft darüber, wo und unter welchen Umständen Mobbing an der jeweiligen Schule stattfindet. Das Programm thematisiert geeignete Möglichkeiten der Intervention und Weiterverfolgung bei Mobbing-Fällen/Verdachtsfällen und der Verbesserung des Informationsaustauschs zum Pausengeschehen unter den Lehrkräften und liefert Informationen zur Erkennung von direkt beobachtbaren Mobbing-Situationen.
 
Ergänzend finden, wenn nötig, Interventionen bei Mobbing-Fällen bzw. Verdachtsfällen statt. Die jährliche Schülerbefragung sowie Elterninformation durch Broschüren und Elternabende runden das Programm ab. Jede Schule wird von einem sog. Olweus-Coach begleitet. Dieser erhält eine 5-tägige Ausbildung zum Programm und unterstützt die Schulen in dessen Aufbau.
Das Thema Geschwistermobbing macht jedoch deutlich, dass oftmals häusliches Verhalten auf das schulische Umfeld übertragen wird. Effektive Prävention sollte somit auch das häusliche Umfeld und die Eltern-Kind- sowie Geschwisterbeziehungen berücksichtigen.
Trotz der beschriebenen massiven negativen Auswirkungen von Mobbing sowie der nachgewiesenen Effektivität primärer schulischer Prävention ist diese im deutschen Schulsystem kaum verbreitet bzw. fehlt es an Systematik, klaren Richtlinien und deren Verankerung im Schulgesetz, um dem Problem Mobbing in der Schule zu begegnen. Die Kosten präventiver Programme und der erforderliche Zeitaufwand werden gescheut, der langfristige Nutzen effektiver Mobbing-Prävention und die hohen durch Mobbing verursachten Kosten werden oftmals nicht erkannt. Zudem ist das Angebot an Programmen sehr unübersichtlich und dem Anwender ist unklar, welche Programme sich als effektiv und nutzerfreundlich erweisen. Kosten-Effektivitäts-Studien wären das geeignete Mittel, um fundierte Entscheidungen treffen zu können und sicherzustellen, dass die Vorteile eines präventiven Programms dessen Kosten überwiegen. In vielen Bereichen des Gesundheitswesens ist Kosten-Effektivität und Wirtschaftlichkeit bereits ein zentraler Entscheidungsfaktor, doch in den bildungsbezogenen Bereichen wird sie bislang kaum berücksichtigt. Unsicherer Umgang mit einzelnen Mobbing-Vorfällen und eine Mentalität des Wegschauens (mangelnde Verantwortungsübernahme der Erwachsenen) sind Faktoren, die zur Entstehung von Mobbing beitragen. Wenn alle sich bewusst werden, dass Mobbing nicht ein Problem des Betroffenen ist, sondern vielmehr die gesamte Schulgemeinschaft betrifft und jedes Verhalten der Erwachsenen eine Auswirkung hat, wäre ein Grundstein für die effektive Prävention von Mobbing gelegt.

Mythen über Mobbing

In unseren Köpfen existieren einige Stereotype rund um das Thema Mobbing, die Darstellung des Phänomens in den Massenmedien hat zu weiteren Verzerrungen geführt. Diese sind gefährlich, weil sie dazu führen können, dass Mobbing nicht erkannt bzw. nicht entsprechend gehandelt wird. Durch die Lektüre dieses Kapitels werden die gängigen Mythen über Mobbing entlarvt, die hier noch einmal dargestellt und korrigiert werden:
  • „Kinder und Jugendliche können die Mobbingproblematik unter sich regeln.“
    Falsch! Mobbing ist eine Form der Misshandlung, bei der ein Ungleichgewicht der Kräfte zwischen Opfer und Täter vorherrscht. Das Opfer ist dem Täter unterlegen und kann sich nicht wehren. Die Handlungsverantwortung liegt daher bei den Erwachsenen.
  • „Mobbing ist leicht zu erkennen, die meisten Fälle sind bekannt. Als Lehrer weiß ich, wer in meiner Klasse betroffen ist“.
    Falsch! Durch direkte Beobachtung kann oftmals nicht entschieden werden, ob es sich um Mobbing oder um einen sozialen Konflikt unter Gleichaltrigen handelt. Das soziale Mobbing, das eine subtile indirekte Form des Mobbings darstellt, ist praktisch überhaupt nicht direkt beobachtbar. Erwachsene sind oftmals darauf angewiesen, dass sich Betroffene oder deren Mitschüler anvertrauen. Opfer von Mobbing entsprechen z. T. nicht dem Stereotyp und weisen nicht die typischen individuellen Merkmale auf. Auch Täter sind oftmals beliebt, sozial kompetent und angepasst, sodass sie nicht auf den ersten Blick als solche erkannt werden.
  • „Cybermobbing ist die häufigste Art von Mobbing. Für diese Art von Mobbing kann die Schule keine Verantwortung übernehmen.“
    Falsch! Nach wie vor stellen das verbale und soziale Mobbing die häufigsten Formen des Mobbings dar, die 3- bis 4-mal häufiger berichtet werden als Cybermobbing. Cybermobbing stellt somit ein vergleichsweise niedrig prävalentes Phänomen dar, das meiste Mobbing findet nach wie vor in traditioneller Form in der Schule, auf dem Schulweg oder im direkten Kontakt in der Freizeit statt. Zudem haben auch Vorfälle von Cybermobbing Einfluss auf das Schulleben und die Überlappung mit Opfern und Tätern traditioneller Mobbing-Formen beträgt ca. 90 %.
  • „Es entscheiden hauptsächlich individuelle Charakteristika darüber, wer ein Opfer von Mobbing wird. Opfer sind irgendwie anders.“
    Falsch! Mobbing ist ein komplexes Phänomen, an dessen Entstehung viele verschiedene Mechanismen beteiligt sind. Diese lassen sich unterteilen in individuelle Charakteristika, sozial- und lernpsychologische Mechanismen, schulische und familiäre Rahmenbedingungen. Prinzipiell kann jeder zum Opfer von Mobbing werden, wenn bestimmte Mechanismen greifen und die Rahmenbedingungen nicht für eine Kontrolle des Sozialverhaltens sorgen. Nicht zwangsläufig treffen typische Merkmale auf das einzelne Opfer zu.
  • „Die Opfer von Mobbing sind selbst schuld ihrer Situation.“
    Falsch! Wir haben das Bedürfnis nach einer gerechten Welt, in der jeder bekommt, was er verdient. Die Neigung, dem Opfer die Schuld dafür zu geben, dass es ungerecht behandelt wird, stellt einen sozialpsychologischen Mechanismus dar, der Blaming the Victim genannt wird. Opfer provozieren nicht, sie fordern nicht heraus, ein Opfer zu werden. Olweus nennt sie daher auch passive Opfer.
  • „Mobbing-Täter sind meist unsicher und haben ein niedriges Selbstwertgefühl, das sie durch die Mobbing-Handlungen kompensieren wollen.“
    Falsch! Verschiedene Studien zeigen, dass Mobbing-Täter oftmals über eine hohe soziale Kompetenz verfügen. Sie sind eher beliebt und besitzen einen eher überdurchschnittlichen Selbstwert.
  • „Mobbing-Tätern ist ihre Handlungsweise oft nicht bewusst. Sie können sich nicht in ihre Opfer hineinversetzen und so die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht richtig einschätzen.“
    Falsch! Die schädigende Absicht ist Teil der meisten Definitionen von Mobbing. Täter sind durchaus in der Lage, empathisch zu sein und die Perspektive anderer einzunehmen. Innerhalb ihrer Peergruppe gelingt ihnen das recht gut. Sie empfinden diese Empathie nur nicht gegenüber ihren Opfern.
  • „Nur eine kleine Gruppe von Schülern hat eine Rolle im Mobbing-Geschehen, der Großteil ist nicht am Mobbing beteiligt und daher nicht davon betroffen.“
    Falsch! Laut Participant Role Approach sind praktisch alle in differenzierbaren Rollen unterschiedlicher Qualität in Mobbing involviert. Diese unterscheiden sich durch die grundlegende innere Einstellung zu Mobbing (positiv/ neutral/ negativ) und die Art, in einer Mobbing-Situation zu handeln bzw. nicht zu handeln (aktiv/passiv). Außerdem beeinträchtigt Mobbing das Schul- und Lernklima, wovon ebenfalls alle betroffen sind.
  • „Mobbing unter Kinder und Jugendlichen ist normal, es gehört zum Erwachsenwerden dazu.“
    Falsch! Mobbing gefährdet eine normale emotionale, kognitive und psychosoziale Entwicklung der Betroffenen. Die Viktimisierung durch Mobbing erhöht das Risiko für ein breites Spektrum schwerer psychischer Störungen um ein Vielfaches. Etwa ein Drittel der Betroffenen entwickelt psychische Folgestörungen, die teilweise bis ins mittlere Erwachsenenalter anhalten.
  • „Aufwendige Mobbing-Prävention lohnt sich nicht.“
    Falsch! Es gibt Hinweise, dass die effektive Prävention von Mobbing nicht nur individuelle negative Entwicklungen verhindern, sondern auch enormen volkswirtschaftlichen Nutzen verursachen könnte. Sowohl Täter als auch Opfer von Mobbing nehmen das Gesundheits-, Beratungs- und Kontrollsystem der Gesellschaft übermäßig in Anspruch. Durch die effektive Prävention von Mobbing könnte daher sogar ein volkswirtschaftlicher Nutzen entstehen, da die Kosten von Mobbing die Kosten präventiver Programme um ein Vielfaches übersteigen.

Fazit

Beziehungen zu Gleichaltrigen spielen eine wichtige Rolle im Leben von Kindern und Jugendlichen, und die Bedeutung dieser Beziehungen nimmt im Lauf der Kindheit und Jugend stetig zu. Ähnlich wie bei Erwachsenen-Kind-Beziehungen kann die Qualität von Beziehungen zu Gleichaltrigen die psychische Gesundheit stark beeinträchtigen.
Mobbing stellt eine massive Bedrohung einer sicheren schulischen Umgebung dar und ist ein eindeutiger Risikofaktor für schwerwiegende psychische Probleme, wie Depressionen, Selbstverletzung und suizidales Verhalten. Das durch Mobbing verursachte Leid ist enorm und oftmals lang anhaltend, begründet in permanenten Veränderungen in den physiologischen, sozialkognitiven und emotionalen Systemen der Betroffenen. Dies macht deutlich, dass Mobbing ein Thema des Gesundheitswesens und nicht nur des Bildungswesens ist. Mobbing ist eine Form der Misshandlung unter Gleichaltrigen oder wie Zwierzynska und Kollegen (2013, S. 318) es so treffend formulierten: „… ein Trauma, das sich unter die Haut arbeitet“. Dementsprechend bedarf es eines hohen Maßes an Aufmerksamkeit und Aktivität im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, aber auch weit darüber hinaus, um diesem Problem effektiv zu begegnen.
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