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Die Anästhesiologie
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Publiziert am: 19.12.2024 Bitte beachten Sie v.a. beim therapeutischen Vorgehen das Erscheinungsdatum des Beitrags.

Prä- und perioperative Aspirationsprophylaxe

Verfasst von: Stefan Kleinschmidt
Die pulmonale Aspiration von Mageninhalt gehört zu den am meisten gefürchteten anästhesiologischen Komplikationen mit möglicherweise tödlichem Ausgang. Prinzipiell hat jeder nicht nüchterne Patient ein erhöhtes Aspirationsrisiko. Das vorliegende Kapitel beinhaltet die medikamentösen Optionen einschließlich der Nüchternheitsgrenzen.

Einleitung

Die pulmonale Aspiration von Mageninhalt gehört zu den am meisten gefürchteten anästhesiologischen Komplikationen mit möglicherweise tödlichem Ausgang; siehe auch Kap. „Intubation bei Aspirationsrisiko“ und „Esmarch-Handgriff, Guedel-Tubus und Wendel-Tubus“. Das vorliegende Kapitel beinhaltet nur die medikamentösen Optionen der Aspirationsprophylaxe einschließlich der Nüchternheitsgrenzen.

Inzidenz und Risikofaktoren

Prinzipiell hat jeder nicht nüchterne Patient ein erhöhtes Aspirationsrisiko. Weiterhin muss in folgenden Situationen mit einem erhöhten Aspirationsrisiko gerechnet werden:
Gefahr von Regurgitation und Aspiration
  • Akutes Abdomen
  • Gastrointestinale Blutung
  • Abdominaltrauma
    • Erhöhter intraabdomineller Druck
  • Ausgeprägter Aszites
  • Intraperitoneale Raumforderung
  • Refluxösophagitis
  • Hiatushernie
  • Zustand nach Magenresektion und -rekonstruktion
    • Störungen der Magenentleerung
  • Pylorusstenose
  • Magen- oder Darmtumor
  • Magenatonie
  • Autonome Neuropathie mit Gastroparese bei Diabetes mellitus
  • Medikamentenwirkung, z. B. durch Opioide
    • Schluckstörung
  • Distale Ösophagusstenose
    • Akute, generalisierte Grunderkrankungen mit gesteigertem Sympathikotonus, Schmerz, Fieber
    • Traumapatienten mit ausgedehnten Verletzungen
    • Schwangerschaft ab der 12. SSW bis 2 Wochen post partum
    • Ausgeprägte Urämie
Adipositas wird vielfach als Risikofaktor für eine Aspiration angesehen. Studien, die dieses Risiko verifizieren, existieren jedoch nicht. Vielmehr konnte gezeigt werden, dass Adipositas per se nicht mit einer verzögerten Magenentleerung einhergeht (Buchholz et al. 2013). Allerdings steigt der Anteil von Patienten mit einer Reflux-Erkrankung mit steigendem Body Mass Index. Sicherlich muss auch nicht bei einer relativ gleichmäßigen Fettverteilung und schlaffen Bauchdecken mit einem erhöhten intraabdominellen Druck gerechnet werden. Andererseits ist bei dem adipösen und sehr adipösen Patienten mit einer erheblichen Einschränkung der funktionellen Residualkapazität (häufig < 1000 ml) zu rechnen, sodass die Apnoetoleranz je nach Gewicht bei einem O2-Verbrauch von ca. 3 ml/kg Realgewicht erheblich reduziert ist. Kommen dann noch Intubationsschwierigkeiten hinzu, so kann eine RSI („Rapid Sequence Induction“) bei den Patienten zu einer Hypoxämie führen.
Zur allgemeinen Risikoeinschätzung werden anamnestische Hinweise auf Nahrungsaufnahme, Sodbrennen bzw. Reflux, Übelkeit, Erbrechen, Vorerkrankungen, aktuelle Medikation sowie Untersuchungsbefunde zu Allgemeinzustand, Peritonitiszeichen sowie die vorhandene bildgebende Diagnostik verwendet (Mencke et al. 2021).
Im Zweifel gilt ein Patient immer als aspirationsgefährdet.

Maßnahmen zur Aspirationsprophylaxe

Zur Minimierung des Aspirationsrisikos werden verschiedene Verfahren und Maßnahmen angewandt, deren Evidenz z. T. umstritten ist. In den vergangenen Jahren wurden sie von verschiedenen wissenschaftlichen Fachgesellschaften einer kritischen Überprüfung unterzogen (Frykholm et al. 2022; Joshi et al. 2023). Durch die Weiterentwicklung der Ultraschalldiagnostik in der Anästhesiologie ist es möglich, mittels Sonografie bei einem Risikopatienten das Ausmaß der Magenfüllung recht zuverlässig abzuschätzen (Mencke et al. 2021; Perlas et al. 2018).

Präoperative Nüchternheit

Die präoperativ als notwendig erachtete Zeit der Nüchternheit vor elektiven Eingriffen hängt von der Art und Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung ab. Früher angewendete starre Nüchternheitsgrenzen von 6 h für flüssige und feste Nahrung werden zugunsten eines differenzierteren Vorgehens aufgegeben. So gilt heute bei elektiven Eingriffen ohne zusätzliche Risikofaktoren eine Nüchternheitsgrenze von 2 h für klare Flüssigkeiten und von 6 h bei Milchprodukten und leichter Nahrung mit geringem Fettanteil als akzeptabel. Bei fettreicher Nahrung oder Fleisch muss mit längeren Magenentleerungszeiten (≥ 8 h) gerechnet werden; möglicherweise hängt die Magenentleerungszeit auch von der Menge des Mageninhalts ab. Bei Kleinkindern konnte kein Unterschied im Magensaft-pH-Wert und Magenredialvolumen nach 1 h oder 2 h Flüssigkeitskarenz nachgewiesen werden.
Die Amerikanische Anästhesiegesellschaft (ASA), die Europäische Gesellschaft für Anästhesiologie (ESA) und der wissenschaftliche Arbeitskreis Kinderanästhesie der DGAI empfehlen in ihren aktuellen Leitlinien (Frykholm et al. 2022; Joshi et al. 2023; Sümpelmann et al. 2022) folgende Zeiten der Nüchternheit für sonst gesunde Patienten vor Elektiveingriffen:
  • klare Flüssigkeiten (Wasser, schwarzer Kaffee, Fruchtsaft ohne Fruchtfleisch, Sprudelgetränke): 2 h bei Erwachsenen und 1 h bei Kindern,
  • Muttermilch: 3 h,
  • leichtes Essen, Kuhmilch, Kindernahrung 4 h,
  • Vollwertige Mahlzeit: 6 h.
Selbstverständlich kann durch die Einhaltung dieser Zeiten keine 100 % sichere Magenentleerung garantiert werden (Hayashi et al. 2022); auch gelten diese Empfehlungen ausdrücklich nicht für Schwangere oder Notfallpatienten.

Medikamentöse Prophylaxe

Medikamentöse Ansätze zielen im Wesentlichen darauf ab, den pH-Wert und das Volumen des Magensafts zu vermindern.
Antazida
Antazida erhöhen zwar durch die Bindung bereits gebildeter Magensäure den pH-Wert, können jedoch eine Aspiration nicht verhindern.
Cave
Unlösliche Antazida (meist Aluminiumoxid-Magnesiumhydroxid-Mischungen, z. B. Maaloxan) können nach Aspiration pulmonale Komplikationen hervorrufen.
Das lösliche Antazidum Natriumzitrat hat bei festem Mageninhalt keinen wesentlichen Nutzen und erhöht auch das Magenvolumen.
H2-Rezeptorenblocker und Protonenpumpenhemmer
Die präoperative Gabe dieser Medikamente kann zwar den pH-Wert anheben und die Magensaftproduktion vermindern, bei festen Nahrungsbestandteilen sind aber auch diese Substanzen wirkungslos.
Antiemetika und Anticholinergika
Antiemetika und Anticholinergika haben in der Prophylaxe einer Aspiration keinen Stellenwert.

Empfehlungen zum Vorgehen in der klinischen Praxis

Beim Routinepatienten ohne erkennbares Aspirationsrisiko wird eine präoperative medikamentöse Aspirationsprophylaxe nicht empfohlen. Bei Patienten mit erhöhtem Aspirationsrisiko kann vor elektiven Eingriffen ein H2-Rezeptorenblocker (z. B. Cimetidin, Famotidin) oder ein Protonenpumpenhemmer (z. B. Esomeprazol) verordnet werden.
  • ,Fußnote: H2-Rezeptorantagonisten sowie Protonenpumpeninhibitoren sind zur Prophylaxe des Säureaspirationssyndroms nicht explizit zugelassen. Die Gabe stellt aber eine gängige klinische Praxis dar.‘
Dosierung
  • Erwachsene: z. B. 40 mg Famotidin p.o., Esomeprazol 40 mg p.o.
  • Kinder: 15–30 mg/kg Cimetidin p.o.
Die Gabe erfolgt nach strenger Indikationsstellung jeweils am Vorabend und 1–4 h präoperativ. Im Kindesalter wird am einfachsten die Ampullenlösung verwendet und als „Saft“ verabreicht. Beispiel: 5-kg-Säugling mit Pylorusstenose: Verabreicht werden jeweils 75–150 mg Cimetidin, also 1 ml der Ampullenlösung (200 mg/2 ml) p.o.
Bei Operationen mit aufgeschobener Dringlichkeit (z. B. bei einem Zeitraum unter 1 h zwischen Indikationsstellung und Narkoseeinleitung) können 30 ml einer 0,3 molaren Natriumzitratlösung p.o. unmittelbar vor Beginn der Präoxygenierung verabreicht werden. Dadurch wird die Azidität des Magensekrets sofort für einen Zeitraum von 1–3 h deutlich reduziert.
Bei einer Notfallschnittentbindung können z. B. 200 mg Cimetidin) intravenös verabreicht werden, gefolgt von 30 ml einer 0,3 molaren Natriumzitratlösung p.o. Eine klare durch Leitlinien gestützte Empfehlung hierzu liegt derzeit (Dezember 2024 November 2023) nicht vor. Bremerich et al. 2020).
Literatur
Bremerich D, Annecke T, Chappell D, Hanß R, Kaufner L, Kehl F et al. S1-Leitlinie: Die geburtshilfliche Analgesie und Anästhesie. Anästh Intensivmed 2020;61: S300–S339
Buchholz V, Berkenstadt H, Goitein D et al (2013) Gastric emptying is not prolonged in obese patients. Surg Obes Relat Dis 9:714–717CrossRefPubMed
Frykholm P, Disma N, Andersson H et al (2022) Pre operative fasting in children. A guideline from the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care. Eur J Anaesthesiol 39:4–25CrossRefPubMed
Hayashi R, Maeda S, Hikedi T et al (2022) Pulmonary aspiration duing induction of generale anesthesia. Anesth Prog 67:214–218CrossRef
Joshi G, Abdelmalak B, Weigel W et al (2023) 2023 American Society of Anesthesiologists practice guidelines for preoperative fasting. Anesthesiology 138:132–151CrossRefPubMed
Mencke T, Zitzmann A, Reuter DA (2021) Neue Aspekte der “rapid sequence induction” einschließlich Behandlung der pulmonalen Aspiration. Anaesthesist 70:171–184CrossRefPubMed
Perlas A, Arzola C, van de Putte P (2018) Point-of-care gastric ultrasound and aspiration risk assessment: a narrative review. Échographie gastrique au chevet et évaluation du risque d’aspiration: Un compte rendu narratif. Can J Anesth 65:437–448CrossRefPubMed
Sümpelmann R, Beck C, Rudolph D et al (2022) S1-Leitlinie: Perioperative Nüchternzeiten bei Kindern und Jugendlichen. Anästh Intensivmed 63:320–328