Pädiatrie
Autoren
Götz Schade

Hörstörungen, Sprachstörungen, Sprechstörungen und Stimmstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Hören wird als Aufnahme von akustischen Informationen aus der Umgebung einschließlich der zentralen auditiven Wahrnehmung definiert. Die bei Kindern vorkommenden Hörstörungen lassen sich entsprechend ihrer Topografie systematisch einteilen in: Schallleitungsschwerhörigkeiten (Störung des Schalltransportes), Schallempfindungsschwerhörigkeiten (Störung der Reizaufnahme und Reizumwandlung) und zentrale Schwerhörigkeiten (Störung der zeitlichen, spektralen und räumlichen Hörwahrnehmung).

Hörstörungen

Definition
Hören wird als Aufnahme von akustischen Informationen aus der Umgebung einschließlich der zentralen auditiven Wahrnehmung definiert. Die bei Kindern vorkommenden Hörstörungen lassen sich entsprechend ihrer Topografie systematisch einteilen in:
  • Schallleitungsschwerhörigkeiten (Störung des Schalltransportes),
  • Schallempfindungsschwerhörigkeiten (Störung der Reizaufnahme und Reizumwandlung) und
  • zentrale Schwerhörigkeiten (Störung der zeitlichen, spektralen und räumlichen Hörwahrnehmung).
Für die Abschätzung der Folgen von Hörstörungen eignet sich die Gliederung nach dem Schweregrad in
  • geringgradige (20–40 dB), mittelgradige (40–60 dB) und hochgradige (60–80 dB) Schwerhörigkeiten,
  • an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit (80–95 dB) und
  • Hörrestigkeit (>95 dB: Taubheit).
Die Hörstörungen im Kindesalter haben unterschiedlich starke Auswirkung auf Sprachentwicklung, Atmung und Phonation sowie auf die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung.
Ätiologie
Es wird zwischen hereditären und erworbenen Hörstörungen unterschieden:
Hereditäre Hörstörungen
Die hereditären Hörstörungen treten polysymptomatisch auf, d. h. im Rahmen von Syndromen mit assoziierten Anomalien anderer Organe (z. B. Waardenburg-, Franceschetti-, Pendred-, Fourman-Fourman-, Alport-, Goldenhar-, Usher-, Crouzon-, Patau-, Edward-, Pfaundler-Hurler-, Pierre-Robin-, Wiedemann-Beckwith-, Refsum-, Moon-Biedl-Bardet-, Cogan-, Moebius-, Klippel-Feil-, Jervell-Lange-Nielsen-Syndrom) oder monosymptomatisch, d. h. ohne weitere genetisch bedingte Missbildungen. Sie können sich bereits kongenital oder erst im Laufe der Lebensjahre manifestieren.
Erworbene Hörstörungen
Die erworbenen Hörstörungen werden bezüglich ihres Entstehungszeitpunktes in pränatale Hörstörungen (Röteln-, Toxoplasmose-, Listerioseinfektion der Mutter, Rhesusinkompatibilität, teratogene Medikamente), perinatale Hörstörungen (Frühgeburt unter 1500 g und/oder bis 32. SSW, Hypoxie, transfusionspflichtige Hyperbilirubinämie, Beatmung für mindestens 10 Tage, Neugeborenensepsis) und postnatale Hörstörungen (Meningitis, Mumps-, Maserninfektion, ototoxische Medikamente, Tubenventilationsstörungen, Otitiden, kraniofaziale Dysmorphien, familiäre Schwerhörigkeit, Schädel-Hirn-Traumen) eingeteilt.
Klinische Symptome
Folgende Schwerhörigkeiten werden klinisch unterschieden:
Schallleitungsschwerhörigkeiten
Die Schallleitungsschwerhörigkeiten werden durch angeborene oder erworbene Krankheiten des äußeren Ohrs und des Mittelohrs und der Eustachi-Röhre verursacht. Im Kindesalter stehen Mittelohrergüsse infolge von Tubenventilationsstörungen bei Infektionen der oberen Atemwege und hyperplastischen Adenoiden im Vordergrund. Kinder mit Down-Syndrom oder Gaumenspalten sind hier besonders betroffen. Als weitere Ursachen kommen Missbildungen, Otitiden, Fremdkörper oder Verletzungen in Betracht. Primäre Störungen der Tuba auditiva sind ebenfalls möglich (Kap. „Krankheiten des Mittelohrs bei Kindern und Jugendlichen“).
Schallempfindungsschwerhörigkeiten
Die Schallempfindungsschwerhörigkeiten basieren überwiegend auf angeborener oder erworbener Schädigung der Haarzellen. Retrokochleäre Hörstörungen sind im Kindesalter selten.
Eine geringgradige Schwerhörigkeit (20–40 dB) führt in der Regel nicht zu einer auffälligen Störung der Sprachentwicklung. Bei einer mittelgradigen Schwerhörigkeit (40–60 dB) kommt es hingegen regelhaft zu einer sprachlichen Entwicklungsverzögerung (audiogene Dyslalie, Dysgrammatismus, Formulierungsschwäche, verminderter Wortschatz). Bereits bei einer hochgradigen Schwerhörigkeit (60–80 dB) bleibt die spontane Sprachentwicklung aus. Die Kommunikation zeichnet sich insbesondere durch eine gestörte Koordination zwischen Atmung und Sprechen sowie vermehrtem Einsatz der Gestik aus.
Hochtonschwerhörigkeiten können zu erheblichen Diskriminationsschwierigkeiten führen und eine gestörte Bildung der S- und Sch-Laute zur Folge haben (Sigmatismus, Schetismus).
Einseitige Hörstörungen haben keine Auswirkung auf die Sprach- und Sprechentwicklung und bleiben deshalb oft lange Zeit unbemerkt. Das Richtungsgehör ist bei einseitigen Schwerhörigkeiten jedoch beeinträchtigt (kein räumliches Hören mehr möglich!).
Zentrale Schwerhörigkeiten
Die akustischen Wahrnehmungsstörungen beruhen auf der Beeinträchtigung einzelner oder mehrerer akustischer Modalitäten (akustische Aufmerksamkeit, akustische Merkfähigkeit, Analyse, Differenzierung und Zuordnung akustischer Phänomene, Richtungshören, Trennung von Nutz- und Störschall). Die Reaktionen auf Schallreize, die z. B. im Tonschwellenaudiogramm erfasst werden, sind in der Regel altersgemäß. Die zentralen Hörstörungen fallen deshalb oft erst durch Störungen der Sprachentwicklung oder durch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche auf.
Psychogene Schwerhörigkeiten
Die psychogene Schwerhörigkeit ist durch ein plötzliches Auftreten der Hörstörung (ein- oder beidseitig) und durch eine Diskrepanz zwischen den objektiven und subjektiven Befunden charakterisiert.
Diagnose
Die Früherfassung eines hörgeschädigten Kindes sollte bereits in den ersten Lebensmonaten erfolgen, da es vor allem in den ersten 2–4 Lebensjahren durch die akustische Anregung zur Bahnung und Reifung der Hörbahn kommt. Unterbleibt die adäquate Stimulation, so schließt die Hörbahnreifung auf einem zu niedrigen Niveau ab.
Die pädaudiologische Diagnostik beinhaltet eine ausführliche Anamnese, einen HNO-ärztlichen Befund, audiometrische Untersuchungen und die Untersuchung der sprachlichen Leistungen. Darüber hinaus können eine neuropsychologische Diagnostik und/oder eine genaue ätiologische Abklärung erforderlich werden. Zur Untersuchung des Gehörs werden bei Kindern unter Berücksichtigung des allgemeinen Entwicklungsalters die subjektive Audiometrie (Mitarbeit des Kindes erforderlich) und die objektive Audiometrie (Mitarbeit nicht erforderlich) stets parallel eingesetzt.
Reflexaudiometrie
Das Prinzip der Reflexaudiometrie beruht auf der Beobachtung der unbedingten Reflexe (Auropalpebral-, Moro-, Startle-, Atmungsreflex) als Antwort auf akustische Reize (40 dB über Knochenleitung, 80 dB über Luftleitung). Die Reflexaudiometrie kann bereits beim Neugeborenen und Säuglingen in den ersten Lebensmonaten durchgeführt werden.
Verhaltensaudiometrie
Im Alter vom 4. Lebensmonat (Beginn der Kopfdrehung) bis zum 4. Lebensjahr findet die Freifeldaudiometrie Anwendung. Bei der Hörprüfung im freien Schallfeld werden über Lautsprecher Wobbel- oder Sinustöne in altersspezifischen Schallintensitäten angeboten. Die Ablenktests mit kindgemäßen Geräuschen basieren auf der Beobachtung der Zuwendungsreaktionen des Kindes zur Schallquelle. Bei Kindern im Alter von 1–2 Jahren kommen bei der subjektiven Audiometrie überwiegend Hörtests mit operanter Konditionierung und visueller positiver Verstärkung zur Anwendung, bei denen bewusste Hörreaktionen bewertet werden. Mit 2 Jahren liegt die Reaktionsschwelle im freien Schallfeld bei 30–40 dB. In der Regel ab dem 2. Geburtstag werden dann spielaudiometrische Verfahren (mit operanter Konditionierung und visueller positiver Verstärkung) eingesetzt. Hier werden mit dem Kind vor Beginn der eigentlichen Hörprüfung auf spielerische Art die Reaktionen auf Sinustöne im Sinne von bedingten Reflexen erst eingeübt.
Reintonaudiometrie
Bei der Reintonaudiometrie erfolgt die Testung mit Sinustönen verschiedener Frequenzen über Kopf- und Knochenleitungshörer. Dies ist in der Regel bei einem normal entwickelten und intelligenten Kind ab einem Lebensalter von 4 Jahren möglich.
Sprachaudiometrie
Mittels Sprachaudiometrie erhält man Aussagen über die gesamte Funktion von Hörbahn und Wahrnehmung. Die Auswahl der verschiedenen Testverfahren (Mainzer Kindersprachtest, Göttinger Kindersprachverständnistest, Freiburger Sprachverständlichkeitstest, Oldenburger Kinderreimtest, Oldenburger Kinder-Satztest) richtet sich nach dem Alter und Sprachentwicklungsstand des Kindes.
Dichotische Tests
Die dichotischen Tests prüfen die Fähigkeit, verschiedene Signale zu diskriminieren, die gleichzeitig beiden Ohren angeboten werden. Der dichotische Diskriminationstest mit Mehrsilbern nach Uttenweiler kann frühestens im Alter von 5,5 Jahren und der dichotische Test nach Feldmann bei Kindern ab 9 Jahren sinnvoll angewendet werden.
Impedanzmessung
Zur Impedanzmessung stehen Tympanometrie und Stapediusreflexmessung zur Verfügung:
Tympanometrie
Die Tympanometrie (Registrierung von akustischem Trommelfellwiderstand bei einer bestimmten Frequenz) erlaubt den sicheren Nachweis einer Mittelohrschwerhörigkeit. Bei Säuglingen sollte hierbei unbedingt ein 1000-Hz-Sondenton angewendet werden (bei Säuglingen andere Resonanzmaxima im Gehörgang als bei älteren Kindern!). Bei den übrigen Kindern eignet sich auch ein 226-Hz-Messton bei der tympanometrischen Untersuchung.
Stapediusreflexmessung
Mit der Stapediusreflexmessung (Messung der Binnenohrmuskelkontraktion als Reaktion auf einen lauten Schallreiz) lässt sich objektiv eine pathologische Hörermüdung feststellen. Der Nachweis des Stapediusreflexes schließt zwar eine hochgradige Innenohrschwerhörigkeit weitgehend aus, als Screeningverfahren zur Früherkennung von Schwerhörigkeiten bei Kindern ist diese Methode jedoch nicht geeignet.
Evozierte otoakustische Emissionen
Die otoakustischen Emissionen (OAE) sind Schallsignale, die in der Kochlea entstehen und im abgeschlossenen äußeren Gehörgang mit einem Mikrofon messbar sind. Bei der Diagnostik von Hörstörungen kommen die transitorischen evozierten OAE (TEOAE) und die Distorsionsproduktemissionen (DPOAE) zur Anwendung. Ab einer Schwerhörigkeit von ca. 30 dB sind keine TEOAE und ab ca. 40 dB keine DPOAE mehr nachweisbar. Aufgrund des technisch einfach durchführbaren und zeitlich nicht aufwendigen Untersuchungsverfahrens sowie dessen Objektivität und Sensitivität ist die Ableitung der evozierten OAE bei der Früherfassung peripherer Schwerhörigkeiten die Methode der Wahl.
Elektrische Reaktionsaudiometrie
Untersuchungen, die auf der Messung akustisch evozierter Potenziale beruhen, werden als elektrische Reaktionsaudiometrie (ERA) bezeichnet. Für die audiologische Diagnostik sind die frühen Potenziale – die Hirnstammpotenziale (BERA) – und die späten Potenziale, d. h. die Hirnrindenpotenziale (CERA), von Bedeutung. Zur ausführlichen objektiven Untersuchung der Art und des Ausmaßes einer Hörstörung einschließlich der überschwelligen Diagnostik werden bei Kindern fast ausschließlich Hirnstammpotenziale verwendet, da ihre Bestimmung im Gegensatz zu kortikalen Potenzialen keine Aufmerksamkeit des Kindes erfordert und deshalb im Schlaf, in Sedierung oder Narkose durchgeführt werden kann. Mit der Click-BERA wird der Frequenzbereich von 1500–4000 Hz überprüft, während die Low-Chirp-BERA die Frequenzen von 150–850 Hz misst. Mit der Notched-Noise-BERA ist eine selektive Messung der Frequenzbereiche von 500 Hz, 1000 Hz, 2000 Hz und 4000 Hz möglich. Bei Kindern mit fehlgebildeter oder gar fehlender Ohrmuschel oder einer Gehörgangsatresie ist auch die Durchführung einer Knochenleitungs-BERA möglich. Als AABR („automatic auditory brainstem response“) wird eine Screeningmethode bezeichnet, die auf der ERA basiert. Hiermit ist jedoch keine direkte Schwellenmessung, sondern nur die Aussage möglich, ob das Hörvermögen der untersuchten Kinder ober- oder unterhalb einer Schwelle von ca. 35 dB liegt.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach den klinischen Symptomen:
Schallleitungsschwerhörigkeiten
Die Schallleitungsschwerhörigkeiten bedürfen in der Regel einer konservativen oder operativen Therapie. Patienten mit Schallleitungsstörungen, die auf diesem Wege nicht behoben werden können, müssen umgehend mit Hörgeräten versorgt werden.
Schallempfindungsschwerhörigkeiten
Bei binauralen Schallempfindungsschwerhörigkeiten ist grundsätzlich eine sofortige beidseitige Hörgeräteversorgung angezeigt. Bei Kindern sollten nur Hinter-dem-Ohr-Geräte (HdO-Geräte) angepasst werden, die einen Audioeingang haben, an den Zusatzgeräte, z. B. drahtlose Übertragungsanlagen (FM-Anlagen), angeschlossen werden können. Parallel zur Hörgeräteanpassung muss mit der Hörerziehung durch Sonderpädagogen in häuslicher Umgebung begonnen werden. Weiterhin ist eine frühzeitige logopädische Therapie erforderlich. Häufig ist die Unterbringung in einem Schwerhörigenkindergarten, der zusätzliche Möglichkeiten der intensiven Betreuung und Förderung bietet, von Vorteil. Grundsätzlich sollte auch bei hörrestigen Kindern stets die lautsprachliche Kommunikation angestrebt werden. Die ausschließliche Gebärdensprache unterdrückt das Grundbedürfnis nach lautsprachlicher Kommunikation, und die spätere soziale Eingliederung kann deshalb größte Schwierigkeiten bereiten.
Bei monoauraler Schallempfindungsschwerhörigkeit muss durch den Pädaudiologen geprüft werden, ob eine Hörgeräteanpassung erforderlich ist. Bei einseitiger hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit (Schallempfindungsschwerhörigkeit) kann auch eine CROS- oder eine CI-Versorgung indiziert sein.
Kochleäre Implantation
Als Kochleaimplantat (CI) bezeichnet man eine Innenohrelektrode, die unter Umgehung des Außen-, Mittel- und Innenohrs den Hörnerv über elektrische Impulse stimuliert. Die CI-Versorgung ist bereits bei Kleinkindern bei Vorliegen einer vollständigen beidseitigen Taubheit indiziert und sollte bei bereits seit der Geburt hörrestigen Kinder nach Möglichkeit noch vor dem 1. Geburtstag erfolgen. Darüber hinaus sind bei der Indikationsstellung insbesondere auch das soziale Umfeld, evtl. vorhandene zusätzliche Behinderungen sowie die Gewährleistung einer längerfristigen auditiven Rehabilitation durch speziell ausgebildete Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogen oder Logopäden zu berücksichtigen.

Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen

Definition
Definiert werden Sprachstörungen, Sprechstörungen und Stimmstörungen wie folgt:
Sprachstörung
Unter einer Sprachstörung versteht man die Beeinträchtigung der expressiven und/oder rezeptiven sprachlichen Verarbeitungsmodalitäten (Semantik, Syntax, Morphologie, Phonologie).
Sprechstörung
Bei einer Sprechstörung handelt es sich um eine sprechmotorische Störung, die sich vor allem in einer Beeinträchtigung der Artikulationsfähigkeit äußert (Phonetik).
Stimmstörung
Stimmstörungen beruhen dagegen auf Veränderungen der tonproduzierenden Organsysteme. Man unterscheidet funktionelle von organischen Stimmstörungen (Dysphonien). Heiserkeiten, die länger als 2–3 Wochen bestehen, sollten durch HNO-Ärzte oder Phoniater abgeklärt werden.
Die eingeschränkte sprachliche Ausdrucksfähigkeit hat Auswirkungen auf die weitere seelisch-charakterliche Entwicklung des Kindes sowie insbesondere auch auf seine Persönlichkeitsentwicklung. Sie führt unzweifelhaft zu einem Kreis von Folgeerscheinungen, die zum einen aus der Störung selbst und zum anderen aus der Reaktion der Umwelt hervorgehen.
Ätiologie
Bei allen Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen kommen folgende psychosoziale und/oder organische prädisponierende Faktoren in Betracht: Umwelteinflüsse (Deprivationssyndrom, Overprotection), Mehrsprachigkeit, familiäre Sprachschwäche, periphere Hörstörungen (Schallleitungsschwerhörigkeit, Schallempfindungsschwerhörigkeit), Krankheiten peripherer Sprechwerkzeuge (adenoide Vegetationen, Tonsillenhyperplasie, verkürztes Gaumensegel, Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, submuköse Gaumenspalte, Stimmlippenknötchen), motorische Entwicklungsverzögerung, Teilleistungsstörungen im auditiven, visuellen und taktil-kinästhetischen Bereich, frühkindliche Hirnschädigung, geistige Retardierung, Krankheiten des zentralen Nervensystems, genetisch bedingte Krankheiten, Syndrome, Stoffwechselkrankheiten, psychogene Ursachen (gestörte Eltern-Kind-Beziehung, Erziehungsfehler, Geschwisterrivalität), Sehstörungen, Mutismus und Autismus.
Klinische Symptome
Die klinische Symptomatik von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen ist vielseitig:
Sprachentwicklungsverzögerung
Die Sprachentwicklungsstörung (SES) ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Symptomenkomplex. Bei einer Sprachentwicklungsstörung bestehen unterschiedlich ausgeprägte Auffälligkeiten in den Bereichen Phonetik, Phonologie, Syntax/Morphologie, Wortschatz und Sprachverständnis, häufig in Verbindung mit Problemen in der Fein- und Grobmotorik sowie Defiziten im auditiven, visuellen und taktil-kinästhetischen Wahrnehmungsbereich. Da die physiologische Sprachentwicklung nicht in abgegrenzten Stufen, sondern fließend verläuft, kann erst von einer Sprachentwicklungsverzögerung (SEV) gesprochen werden, wenn der sprachliche Entwicklungsstand im Gegensatz zur überwiegenden Mehrzahl gleichaltriger Kinder noch nicht erreicht ist.
Differenzialdiagnostisch müssen insbesondere (kindliche) Aphasien (nach abgeschlossener Sprach- und Sprechentwicklung aufgetretene Sprachstörungen zentraler Genese), Mutismus und Autismus ausgeschlossen werden.
Dysgrammatismus
Der Dysgrammatismus stellt häufig eine Teilstörung der Sprachentwicklungsstörung dar und beruht auf einer Beeinträchtigung der Sprachproduktion von grammatikalisch geordneten Strukturen. Die Auffälligkeiten zeigen sich im Bereich der Anwendung grammatikalischer Regeln (Morphologie) sowie in den Bereichen Satzstellung und -struktur (Syntax).
Phonetische Störung (Dyslalie)
Bei der phonetischen Störung (Dyslalie, Stammeln) liegt eine entwicklungsbedingte Lautbildungsstörung vor, die häufig auf motorische oder phonematische Schwächen zurückzuführen ist. Je nach Anzahl der betroffenen Laute unterscheidet man zwischen der isolierten Dyslalie (nur ein Laut betroffen), der partiellen Dyslalie (wenige Laute betroffen, Sprache gut verständlich), der multiplen Dyslalie (mehrere Laute betroffen, Sprache schwer verständlich) und der universellen Dyslalie (fast alle Laute betroffen, Sprache unverständlich).
Differenzialdiagnostisch sind zentral bedingte sprechmotorische Störungen wie Dysarthrie (Beeinträchtigung neuraler Mechanismen der Steuerung von Sprechbewegungen) und Sprechapraxie (Störung der Programmierung von Sprechbewegungen) sowie Dysglossien (periphere Sprechstörungen infolge von organischen Krankheiten im Bereich der peripheren Nerven und der Sprechwerkzeuge) abzugrenzen.
Phonologische Störung
Bei der phonologischen Störung liegt die Beeinträchtigung im Bereich des Lautsystems. Dabei kommt es in erster Linie durch Schwächen im Bereich der Lautdiskrimination zu abweichenden Realisierungen von Laut-, Silben- und Wortstrukturen. Die auftretenden Prozesse werden – meist im Rahmen der spezifisch logopädischen Diagnostik – hinsichtlich ihrer Systematik beschrieben. Viele Kinder weisen eine Mischform im Sinne einer phonetisch-phonologischen Störung auf.
Orofaziale Dysfunktion
Die orofaziale Dysfunktion (myofunktionelle Störung) und daraus resultierende Schluck- und Sprechstörungen beruhen vorwiegend auf funktionellen Veränderungen infolge eines muskulären Ungleichgewichts im Mund- und Gesichtsbereich, gegebenenfalls auch im Hals- und Nackenbereich. Insbesondere die Zungenfehlfunktion, bei der die Zunge beim Schluckvorgang gegen die Zahnreihen geschoben wird, hat häufig Gebissanomalien zur Folge (Weichgewebe formt Hartgewebe!). Dies wirkt sich wiederum nachteilig auf die Artikulation aus.
Näseln
Beim Näseln (Rhinofonie) handelt es sich um eine Störung des Sprechstimmklangs und der Lautbildung. Beim geschlossenen Näseln (Rhinophonia clausa, Hyporhinophonie) bleibt die Nasalierung der Nasallaute m, n, ng aus. Beim offenen Näseln (Rhinophonia aperta, Hyperrhinophonie) kommt es durch den mangelhaften velopharyngealen Abschluss zum Entweichen der Luft durch die Nase und somit zu einer pathologischen Resonanz der oralen Laute. Beim gemischten Näseln (Rhinophonia mixta) kommen die offene und die geschlossene Komponente gleichzeitig vor.
Stottern
Unter Stottern (Balbuties) versteht man eine Redeflussstörung, bei der der Fluss der Lautsprache unabhängig vom Willen des Sprechers durch Wiederholungen von Lauten und Silben (klonisches Stottern) und/oder Blockierungen (tonisches Stottern) unterbrochen oder gehemmt ist. Es handelt sich primär um ein verbales Ausdrucksproblem, das sekundär zu sozioemotionalen und kognitiven Auffälligkeiten führen kann. Die Sekundärsymptomatik äußert sich häufig in Form von Störungsbewusstsein, Gesichts- und Körpermitbewegungen, fehlendem Blickkontakt und Kommunikationseigentümlichkeiten wie Vermeidungsverhalten und Fluchtstrategien.
Vom Stottern im engeren Sinne sind die physiologischen Sprechunflüssigkeiten (physiologische Iterationen = Wortwiederholungen) abzugrenzen. Diese äußern sich als lockere Satzteil-, Ganzwort- und gegebenenfalls Silbenwiederholungen ohne Blockierungen und Sekundärsymptomatik und können im Rahmen der Sprachentwicklung, insbesondere zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr auftreten. Bei den betroffenen Kindern besteht ein entwicklungsbedingtes Ungleichgewicht zwischen dem, was im Rahmen der sprachlichen Entwicklung schon artikuliert werden kann, und dem, was die Kinder gerne mitteilen möchten. Fehlerhafte Reaktionen der Angehörigen auf diese physiologischen Iterationen können zu einer Verfestigung der Stottersymtomatik führen („gemachte Stotterer“).
Poltern
Beim Poltern handelt es sich um eine Redeflussstörung, die sich vor allem in Form von schnellem Sprechtempo, Weglassen von Lauten, Silben und ganzen Wörtern bemerkbar macht und durch ein fehlendes Störungsbewusstsein gekennzeichnet ist. Die Störung liegt nicht im Sprechvorgang selbst, sondern in dessen gedanklicher Vorbereitung.
Stimmstörungen
Zu den häufigsten Stimmstörungen im Kindesalter gehört die hyperfunktionelle Dysfonie. Es handelt sich um eine funktionelle Abweichung der Stimmgebung im Sinne eines „Zuviel“ infolge einer Dyskoordination im Bewegungsablauf des Phonationsapparates. Die Stimme ist mehr oder weniger heiser, belegt, rau und behaucht. Die Stimmqualität verschlechtert sich nach stimmlicher Belastung. Die Lautstärke ist meistens erhöht. Häufig beobachtet man beim Sprechen ein Heraustreten der Venen am äußeren Hals. Sekundär kann die hyperfunktionelle Dysfonie zu organischen Stimmlippenveränderungen wie Phonationsverdickungen bzw. Stimmlippenknötchen („Schreiknötchen“) führen.
Differenzialdiagnostisch sind stets organische Kehlkopfkrankheiten, z. B. Larynxpapillomatose, Stimmlippenzysten, Synechien, Hämangiome, Stimmlippenparesen, akute Laryngitis, oder psychogene Ursachen, später auch Mutationsstörungen, auszuschließen. Hier gibt oftmals schon die Anamnese wichtige Hinweise auf die Art der Grundkrankheit. Differenzialdiagnostisch sollte bei Kindern auch an das Vorliegen einer psychogenen Dysfonie/Aphonie gedacht werden. In diesem Fällen ist ein stimmhaftes Lachen und Husten möglich und die Stimmstörung hat typischerweise akut eingesetzt – häufig aus völliger Stimmgesundheit heraus. Bei persistierender Heiserkeit (2–3 Wochen) sollte durch einen HNO-Arzt oder Phoniater und Pädaudiologen eine laryngoskopische Untersuchung zur Diagnosesicherung durchgeführt werden.
Diagnose
Im Kindesalter dominieren zwar die nichtorganisch bedingten Kommunikationsstörungen, dennoch muss eine organische Grundkrankheit immer ausgeschlossen werden. Jede Sprach-, Sprech- und Stimmstörung bedarf zunächst einer eingehenden phoniatrisch-pädaudiologischen Diagnostik. Diese beinhaltet eine umfassende Anamnese, einen Hals-, Nasen- und Ohrenbefund, eine Hörprüfung sowie eine Untersuchung der sprachlichen und der nichtsprachlichen Entwicklungsbereiche. Unter Umständen ist zusätzlich auch eine kinderneurologische bzw. kinderpsychologische Untersuchung, eine Stoffwechseldiagnostik oder eine Chromosomenanalyse erforderlich.
Therapie
Die Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen im Kindesalter bedürfen in der Regel einer logopädischen Behandlung, die eine intensive Mitarbeit der Eltern erfordert. Es ist das Ziel therapeutischer Bemühungen, das Sprach- und Sprechvermögen der Kinder bis zur Einschulung zu normalisieren, um den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen. Der Zeitpunkt des Beginns einer logopädischen Intervention richtet sich keineswegs nur nach dem Alter des Kindes, sondern vor allem nach dem Schweregrad der bestehenden Störung. Frühzeitig einsetzende Förderungsmaßnahmen haben die größten Erfolgsaussichten und erfordern einen wesentlich geringeren Aufwand an Zeit und Mühe, als wenn zu einem späten Zeitpunkt mit der Therapie begonnen wird.
Bei leicht ausgeprägten Störungen einschließlich physiologischer Sprechunflüssigkeiten führt bereits eine regelmäßige phoniatrische Betreuung mit eingehenden Elternberatungsgesprächen in der Regel zu dem gewünschten Therapieerfolg. Bei schweren Störungen der Sprach- und Sprechentwicklung, des Redeflusses oder der Stimme ist allerdings eine gezielte, frühzeitige, intensive logopädische Behandlung erforderlich. Diese kann bei entsprechender Indikation in Form einer Spieltherapie mit begleitenden Elternberatungsgesprächen bereits im Alter von 2–3 Jahren begonnen werden. Zur Unterstützung der Sprachförderung ist je nach Schweregrad und Art der Störung sowie dem Ausmaß der Begleiterscheinungen unter Umständen zusätzlich eine Unterbringung in einem Sprachheilkindergarten oder in einer heilpädagogischen Tagesstätte mit gleichzeitiger logopädischer Betreuung vorteilhaft. Gelegentlich kann auch eine psychotherapeutische Behandlung erforderlich werden.
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