DGIM Innere Medizin
Autoren
Rudolf Pfab

Intoxikationen durch Meerestiere

Vergiftungen durch Meerestiere werden v. a. passiv nach Verzehr giftiger Spezies erworben. Es gibt aber auch, wenngleich seltener, aktiv von Meerestieren durch Stich oder Biss hervorgerufene Vergiftungen. Die passiv nach Verzehr entstehenden Vergiftungen (z. B. Ciguatera) werden meistens von Einzellertoxinen verursacht, die sich mit der Nahrungskette in „höheren“ Spezies, die dem Menschen als Nahrung dienen. Sie sind aktuell noch von erheblicher epidemiologischer Bedeutung in tropischen Meeren. Der Klimawandel lässt aber eine Ausbreitung in Gewässern heute noch gemäßigter Klimaten erwarten. Es gibt bereits heute schon in kühleren Klimazonen solche meist vereinzelt, endemisch auftretende, vorwiegend mit gastrointestinaler und neurologischer Symptomatik verlaufende Vergiftungen durch Einzellertoxine. Unter den aktiv toxischen Meerestieren sind v. a. Quallen und giftstachelbewehrte Fische zu erwähnen. Exemplare beider Arten sind auch in Deutschen Küstengewässern heimisch.

Einleitung

Vergiftungen durch Meerestiere lassen einen spontan an bizarr-exotische Ereignisse wie Vergiftungen von japanischen Kugelfisch-Essern (Fugu) denken. Von diesem Ereignis sind aber nur wenige Dutzend Menschen pro Jahr betroffen; die Behandlung erfolgt symptomorientiert mit Beatmung. Weltweit wesentlich bedeutender sind regelmäßig endemisch auftretende Vergiftungen über Speisefische und Muscheln durch Algentoxine, die jährlich Hunderttausende mit hohen Letalitätsraten erkranken lassen. Momentan ist dies vorwiegend ein Problem beim Verspeisen von Fischen aus tropischen Meeren. Mit zunehmender Klimaerwärmung wird das aber auch den Fischbestand in europäischen Gewässern betreffen. In diesem Kapitel werden des Weiteren auch Intoxikationen durch in europäischen Gewässern vorkommenden Quallen, Stachelhäuter und Stachelfische behandelt.

Verletzungen durch Fische

Mehrere Familien der Fische haben Stacheln und Giftdrüsen, die zu Verletzungen beim Menschen führen können.

Stachelrochen

Stachelrochen, Gattung Dasyatis, können schmerzhafte, tiefe, lazerierende, bei großen Exemplaren sogar tödliche Verletzungen verursachen. Das Gift vermehrt noch den Schmerz.

Symptomatik

In den meisten Fällen ist die mechanische Verletzung und deren Folgen, z. B. Infektion, das Hauptproblem. In Einzelfällen kommen systemische Intoxikationssymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwitzen, Schwindel, Synkope, Krampfanfall, Bauchschmerzen, Paralyse, Hypotonie, Bradykardie, Arrhythmien, EKG-Abnormalitäten mit ST-Senkungen dazu.

Therapie

Wundversorgung, Entfernen eventuell abgebrochener, röntgendichter Stachelreste, Antibiotika, Analgetika und bei systemischer Toxizität symptomorientiert.

Steinfische

Steinfische, Synanceiidae, sind die bekanntesten und giftigsten unter den 220 Arten Skorpionfischen, Scorpaenidae, die alle mehrere Giftstacheln tragen. Das Gift von 6 Stacheln von Steinfischen kann tödlich sein. Der Stich ist sofort äußerst schmerzhaft, breitet sich zentripetal aus, erreicht sein Maximum nach 60–90 min.

Symptomatik

Lokal kann ein Ödem entstehen, später Blasenbildung. Systemische Intoxikationssymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerz, Unruhe, Delir, Krampfanfall, Tremor, Tachykardie, Bradykardie, Hypotonie, Lungenödem, Muskelkrämpfe, Paralyse, auch des Diaphragmas. Residuen überlebter Stiche können periphere Neuropathien sein.

Therapie

  • Leichte Fälle: Heißwassermethode, s. Abschn. Heißwasserbehandlung.
  • Schwere Fälle: symptomorientiert und spezifisch mit Stonefish-Antivenom, CSL, Victoria, Australien.

Drachenfische

Unter den Drachenfischen, Trachiniformes, verursachen die Petermännchen, Trachinidae, in Europa am häufigsten toxische Stichverletzungen. Der Stich ist sofort schmerzhaft, der Schmerz persisitiert und verstärkt sich bei Kälte.

Symptomatik

Lokal entsteht ein Erythem und Ödem. Sekundärinfektionen kommen vor. Schüttelfrost, Fieber, Malaise, Zyanose können sowohl infektionsbedingt aber auch toxischer Genese sein. Weitere systemische Symptome sind selten: Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Dyspnoe, Arrhythmie, Hopotonie.

Therapie

Heißwasserbehandlung (s. Abschn. Heißwasserbehandlung), Antibiose, symptomorientiert.

Welse

Die meisten der über 1000 Welsarten, Siluridae, haben Hautdrüsen, die toxische Sekrete abgeben, und zusätzlich Stacheln.

Symptomatik

Wenn die Toxine in verletzte menschliche Haut gelangen, z. B. nach Stichverletzung, verursachen diese heftigen Schmerz, Erythem, Ödem, Blutung; systemisch kommen Schwindel, Benommenheit, Bewußtlosigkeit, Atemnot, Tachykardie, Hypotonie vor. Sekundärinfektion sind häufig.

Therapie

Symptomorientiert, Antibiotika, Heißwasserbehandlung (s. Abschn. Heißwasserbehandlung).

Heißwasserbehandlung

Bei vielen marinen, lokal toxischen Giften tierischer Herkunft ist eine Heißwasserbehandlung sinnvoll. Es handelt sich um eine lokale Applikation von gerade noch tolerierbarer Hitze (ca. 45 °C) über 30–90 min, z. B. durch Eintauchen in heißes Wasser. Der Wirkmechanismus wird oft mit der Zerstörung hitzelabiler, toxischer, den Schmerz verursachender Proteine erklärt.

Vergiftungen nach Verzehr von Meerestieren

In der marinen Nahrungskette können sich in vom Menschen verzehrten Tieren Gifte anreichern und zwar umso mehr, je höher das verzehrte Tier in der Nahrungskette steht. Die Gifte können anthropogen (Umweltgifte, Quecksilber etc.) oder biogener Natur sein. Nur Letztere sind hier Thema. Zudem können sich beim postmortalen Zersetzungsvorgang von Fischen Abbauprodukte anreichern, die nach Verzehr Vergiftungssymptome verursachen, z. B. Skombrotoxismus. Die bakterielle oder virale Kontamination von schlecht gelagertem Meeresgetier ist nicht Gegenstand des Kapitels.

Dinoflagellaten-Toxine

Im Plankton lebende Einzeller, insbesondere Dinoflagellaten, sind in der Lage, chemisch komplexe Toxine zu synthetisieren. Die in letzter Zeit gehäuft vorkommenden Algenblüten mit sprunghafter, lokaler Vermehrung einzelner, toxinbildender Spezies verursachen globale Gesundheitsrisiken. Einerseits durch Anreicherung der Toxine in der Nahrungskette (im Fleisch von Muscheln und Raubfischen sind dann die höchsten Giftkonzentrationen), andererseits auch durch Kontamination küstennaher Atemluft durch toxinhaltige Aerosole. Wahrscheinlich in Folge von Klimaerwärmung und Meeresverschmutzung treten solche toxischen Algenblüten nun auch in gemäßigt warmen, europanahen Meeresteilen auf. Weltweit jährlich betroffen sind 50.000–500.000 Menschen mit einer Letaliät von 1,5 %.
Von solchen Toxinen verursachten Syndrome sind: Cigautera, „Neurotoxic shellfish poisoning“, „Diarrhoetic shellfish poisoning“, „Paralytic shellfish poisoning“ und „Amnestic shellfish poisoning“.

Ciguatera

Ciguatera betrifft tropische und subtropische Meere und tritt nach Verzehr Ciguatoxin anreichernder Fische auf. Bei Ciguatoxin handelt es sich um hitze- und lagerungsstabile neurotoxische polyzyklische Polyether. Es gibt aber noch keine routinemäßig zur Lebensmittelüberwachung eingesetzten Nachweisverfahren für Ciguatoxin.
Das „Neurotoxic shellfish poisoning“-Syndrom wird von Brevetoxinen meist nach Muschelkonsum ausgelöst und ist klinisch ähnlich Ciguatera, aber milder.

Symptomatik

Erste Symptome treten etwa 12 h nach der Fischmahlzeit auf – Bauchschmerz, Durchfall, Erbrechen – und halten ca. 1 Tag an. Ab dem 1. Tag nach der Mahlzeit entwickeln sich dann die neurologischen Symptome mit Parästhesien meistens peripher und perioral, Myalgien, Schwitzen, Arthralgien, Schwindel. Typisch, aber nicht pathognomonisch, sind Störungen des Temperaturempfindens, z. B. mit Schmerzen bei Kontakt zu Kaltem sowie Störungen des Tastsinnes. Eine Vielzahl weiterer neurologischer und neuropsychologischer Symptome können hinzutreten. Schwere, aber selten tödliche Verläufe werden durch Paralyse der Atemmuskulatur verursacht. Nach Erholung von der ersten Phase der akuten Symptomen können Residuen v. a. mit polyneuropathischen, aber auch neuropsychologischen Symptomen sich nur langsam bessern. 3–20 % der Fälle chronifizieren mit meist milderen Symptomen. Häufig kommt es nach Triggerreizen wie Kältereiz, Alkohol- Kaffee- oder Nusskonsum zu Symptomwiederkehr.

Therapie

Es gibt keine gesicherte Therapie der Ciguatera, nur Einzelfallberichte und Fallserien mit widersprüchlichen Ergebnissen. Am häufigsten empfohlen wird:
  • Akutphase: Nach Rehydrierung kann Mannitol 0,5–1 g/kg als Infusion ﺰber 45 min i.v. verabreicht werden.
Nierenfunktion: Die Effizienz der Therapie ist umstritten.
  • Spätphase: In manchen Fällen wirken Antikonvulsiva wie Gabapentin symptomlindernd.
  • Gegen Pruritus: Antihistaminika oder nach eigener Erfahrung niedrig dosiertes Hakloperidol zB 3 mg wirksam.

„Paralytic shellfish poisoning“

„Paralytic shellfish poisoning“ tritt 30 min bis 3 h zumeist nach Muschelkonsum auf. Verursacht wird es von in den Muscheln angereicherten paralytisch wirkenden Neurotoxinen. Am bekanntesten sind die Saxitoxine.

Symptomatik

Die neurologischen Symptome beginnen mit Taubheitsgefühl im und um den Mund, das sich dann auf die Extremitäten ausdehnt. In schweren Fällen kommt eine Lähmung der Extremitäten und manchmal auch der Atemmuskulatur dazu. Zusätzlich Augenmotorikstörungen, Schluckstörungen. Rasch progrediente Verläufe sind schwer. Der Tod kann innerhalb 3–12 h eintreten. Die Diagnose ist klinisch. Der chemisch-analytische Giftnachweis in Körperflüssigkeiten Betroffener kommt – sofern sich überhaupt ein Labor mit geeigneten Referenzmaterialien findet – für die praktisch-klinischen Belange zu spät.

Therapie

Die Therapie ist symptomorientiert (Beatmung). Wichtig ist eine enge klinische Beobachtung um eine Lebensbedrohung rechtzeitig zu erkennen.

„Diarrhoeic shellfish poisoning“

Als verursachende Dinoflagellatentoxine sind bekannt: Yessitoxine, Okadasäure und Azaspirazide. Letztere beide Toxine sind verdächtig, auch tumorinduziernd wirken zu können. Die genannten Toxine wurden auch in europäischen Gewässern nachgewiesen.

Symptomatik

Nichtinfektiöse gastrointestinale Symptomatik, die 30 min bis 2 h nach Verzehr von Muscheln (auch Zuchtmuscheln) auftritt.

Therapie

Das akute Syndrom wird symptomorientiert behandelt.

„Amnestic shellfish Poisoning“

„Amnestic shellfish poisoning“ wurde bei einem endemischen Ausbruch nach Muschelverzehr durch das Dinoflaggelatentoxin Domoninsäure verursacht.

Symptomatik

Erste Symptome sind gastointestinal (Erbrechen, Bauchschmerz und Durchfall). Nach etwa 24–48 h zeigen sich neuropsychologische Symptome: Kopfschmerz, anterograde Amnesie, Augenbewegungsstörungen, Schluckstörungen, Krampfanfall, Mutismus. Systemisch zusätzlich Hypotonie, Arrhythmien, profuses Schwitzen, Hypersalivation. Tod in einigen Fällen mit Nekrosen in den Amygdala und im Hippocampus.

Differenzialdiagnose

Differenzialdiagnostisch muss an Wernicke-Enzephalopathie gedacht werden.

Therapie

Neben symptomatischen Maßnahmen keine bekannt, jedoch war im Tierversuch Kynurein prophylaktisch wirksam.

Skombrotoxismus

Skombrotoxismus tritt nach Verzehr von „rotem“ Fischfleisch, z. B. Makrele oder Thunfisch, auch aus Konserven, auf und ist auch in Deutschland häufig. Ursache ist zu warme Lagerung des Fisches nach dem Fang. Bakterien bauen das in roter Fischmuskulatur besonders reichlich vorhandene Histidin zu Histamin ab. Skombrotoxismus ist eine Histaminvergiftung.

Symptomatik

Gesichtsrötung mit Kopfschmerzen, Urtikaria, Juckreiz, manchmal Durchfall, Bauchschmerz, Erbrechen. Sie treten ca. 5–20 min nach Verzehr eines solchen Fischfleischs auf und sistieren in der Regel nach 8–10 h.

Therapie

Es werden Antihistaminika eingesetzt.
Cave: Dieses Syndrom wird häufig mit einer anphylaktischen Reaktion verwechselt und mit nichtindizierten Glukokortikoiden behandelt.

Tetrodotoxin

Es handelt sich um einen Natriumkanalblocker axonaler Ionenkanäle und damit ein paralytisches Neurotoxin. Tetrodotoxin reichert sich besonders in den Innereien von Kugelfischen an. Deren bekanntester Vertreter ist der japanische Fugu. Vor allem nach Verzehr dieses Fisches sind Todesfälle vorgekommen. Tetrodotoxin wird aber auch beim an sich wenig schmerzhaften Biss von indopazifischen Blauringelkraken Hapalochlaena lunulata und Hapalochlaena maculosus übertragen. Auch das Hautsekret einiger Pfeilgiftfrösche enthält Tetrodotoxin.

Symptomatik

Die Symptomatik beginnt etwa eine 10 min bis 1 h, z. B. nach Verzehr tetrodotoxinhaltiger Fischteile mit perioralen Parästhesien und Muskelschwäche, häufig begleitet von Übelkeit, jedoch selten Erbrechen. In schweren Fällen stirbt der Patient an Lähmung der Atemmuskulatur.

Therapie

  • Leichtere Fälle: Neostigmin.
  • schwere Fälle: Beatmung, die aber meistens schon nach 48 h beendet werden kann.

Clupeotoxisus und Palytoxine

Nesseltiere (Cnidaria)

Nesseltiere, Cnidaria, sind aquatisch lebende Organismen, die mit tausenden spezieller Organellen, den Nesselkapseln (Nematozysten), die auf exogene Reize, z. B. Berührung oder Besprühen mit Alkohol, winzige harpunenartige gifthaltige Pfeile abschießen, die in die menschliche Haut eindringen und dort ihr Gift abgeben. Toxikologisch relevant sind Nesseltiere am häufigsten im Medusenstadium als Quallen und in Einzelfällen als Polypen (z. B. bei Krustenanemonen, Zoanthidea) oder im Larvenstadium (z. B. Linuche unguiculata).

Nesseltiere mit toxikologisch relevanten Polypenstadien, Palytoxine

Krustenanemonen (Zoanthidea) werden oft in Meerwasseraquarien gehalten und enthalten Palytoxine. Beim Reinigen solcher Aquarien kann es zu Vergiftungen kommen. Palytoxine werden auch von Dinoflagellaten gebildet und können bei Algenblüten regional Gesundheitsprobleme verursachen.

Symptomatik

Einatmen aerosilisierter Palytoxine, z. B. beim Reinigen von Meerwasseraquarien, die mit Krustenanemonen besetzt sind, oder von Meeresgischt nach Algenblüten verursacht Bronchialspastik, Fieber, Hypertonie, Benommenheit und Kollaps. Gleiche Symptome und zusätzlich Konjunktivitis traten bei Küstenbewohnern anlässlich einer Algenblüte vor Genua auf. Bei Hautkontakt mit Krustenanemonen, v. a. bei Vorhandensein kleiner Verletzungen, wurden Parästhesien und rote Schwellungen der Arme, Benommenheit, verwaschene Sprache, Rechtsschenkelblock, Hypertonie CK- und LDH beobachtet. Normalisierung tritt nach 2 Tagen ein. Palytoxine können sich in der Nahrungskette anreichern und zu gastrointestinalen Symptomen, Bradykardie, Atemproblemen und Rhabdomyolyse führen. Der Clupeotoxismus, Vergiftungen mit neurologischer Symptomatik nach Verzehr von Sardinen in den Tropen, wird auch mit Palytoxinen in Verbindung gebracht.

Nesseltiere mit toxikologisch relevanten Larvenstadien („seabathers eruption“)

„Seabathers eruption“ sind kleine juckende papulovsikuläre Läsionen auf der Haut von Badenden an Stellen, wo die Badebekleidung eng anliegt. In Gewässern um Florida und der Karibik verursachen regelmäßig winzige, mit noch unreifen Nemadozysten bewehrte Larven einzelner Seeanemonen- und Quallenarten diese im Prinzip harmlosen Hautläsionen, die spontan in Tagen bis Wochen ohne spezifische Therapie abheilen.

Therapie

Die Therapie ist antipruritisch. Es können lokalanästhetika- und antihistaminikahaltige Externa aufgetragen werden.

Quallen

Quallen, Medusae, verursachen meistens nur kurz wirkende, schmerzhafte, aber selbstlimitierende Hautrötungen, die symptomorientiert, z. B. mit Lidocain-Gel behandelt werden. Einige Arten bewirken schwere, äußerst schmerzhafte Hautläsionen und/oder systemische bis hin zu tödlichen Vergiftungen. Die Nesselorgane können bei an den Strand gespülten Tieren auch nach deren Tod gefährlich bleiben. Bei der Behandlung von Quallenopfern sollten unter Beachtung des Eigenschutzes (z. B. Handschuhe) verbliebene Tentakelrreste von der Haut des Patienten gelöst werden, wobei eine weitere Stimulation der Nesselapparate vermieden werden muss. Diese werden getriggert von Alkohol, Süßwasser, flächiger Berührung. In einigen Fällen inaktiviert Essig den Nesselapparat, in einigen Fällen Magnesiumsulfat oder Natriumbicarbonat. Immer richtig ist Abspülen mit Meerwasser, immer falsch die Anwendung von Alkohol und Süßwasser. In Frankreich wird Einsprühen mit Rasierschaum empfohlen.

Gelbe Haarqualle

Die gelbe Haarqualle, Cynea capillata, kann massenweise im Atlantik, Nord- und Ostsee auftreten. Ihr Stich ist sofort sehr schmerzhaft, der Schmerz hält aber nur 20 min an und verursacht eine Rötung die nach 48 h verschwindet.
Symptomatik
Vor allem bei Kindern können systemische Symptome vorkommen: Übelkeit, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen. Todesfälle sind nicht bekannt.
Therapie
Vorsichtig verbliebene Tentakeln durch Spülen mit Salzwasser oder Backpulveraufschlämmung 1:1 (Na-Bicarbonat) ablösen. Zum Abspülen ist Essig kontraindiziert.

Leuchtqualle

Die Leuchtqualle Pelagia nociluca kommt in wärmeren Meeren weltweit, auch im Mittelmeer massenhaft vor. Der Stich ist sehr schmerzhaft und dermatotoxisch.
Symptomatik
Nach einem Erythem und Urticaria können sich Blasen und Pusteln entwickeln, deren Heilung Wochen dauert, und die Keloide, die Verfärbungen und Neuropathien hinterlassen. Allergisierungen kommen vor.
Therapie
Zur Inaktivierung der Nematozysten sollte Magnesiumsulfat verwendet oder mit Seewasser abgespült werden.

Portugiesische Galeere

Die portugiesische Galeere, Physalia physalis führt mittlerweile auch an der französischen Atlantikküste zu häufigen Unfällen. Andere Staatsquallen, Physalia spp, leben auch im indopazifischen Raum. Der Stich ist sofort äußerst schmerzhaft.
Symptomatik
Der Stich verursacht eine verbrennungsartige Schwellung (Histaminfreisetzung) und hinterlässt oft pigmentierte Narben. Bei etwa einem Viertel der Fälle treten zusätzlich systemische Symptome, am häufigsten Übelkeit auf. Etwas seltener sind:
  • neurologische Symptome: Benommenheit, Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit, diffuses Schwitzen
  • kardiorespiratorisch: Atemnot, Beklemmung
  • muskulär: Schmerzen, Krämpfe Faszikulationen
Die systemischen Symptome verschwinden schnell.
Therapie
Therapie ist symptomorientiert mit Analgetika. In Australien wird die Heißwasserbehandlung (s. Abschn. Heißwasserbehandlung) empfohlen. Die Tentakelentfernung mit Essig ist umstritten, in Frankreich wird Rasierschaum verwendet. Bei außereuropäische Fällen wurden schwerste Symptome, auch mit fatalem Ausgang beschrieben: Lungenödem, Herzinfarkt, Hirnblutung, Atemstillstand.

Seenessel

Seenesseln, Chrysarora sp, bedrohen Schwimmer an der atlantischen Ostküste Amerikas.
Symptomatik
Der Stich der Seenesseln ist sofort äußerst schmerzhaft, jedoch nur selten begleitet von systemischer Toxizität.
Therapie
Zur Entfernung der Tentakeln ist Essig umstritten. Es kann mit topischem Lidocain und der Heißwassermethode (s. Abschn. Heißwasserbehandlung) behandelt werden.

Seewespe

Die Nematoden der Seewespen Chironex fleckeri und Chiropsalmus quadigatus dringen tief in die Haut ein und können sogar Latexhandschuhe durch dringen. Ihr Gift verursacht einen sofortigen, vernichtenden Schmerz.
Symptomatik
Die systemische Wirkung ist v. a.:
  • karditoxisch: Bradykardie, Blockbilder, vetrikuläre Tachykardie, Asystolie, Lungenödem und
  • neurologisch: Bewusstlosigkeit, Krämpfe, Atemlähmung.
Lokal entstehen typische striemenförmige, leiterähnliche Hauteruptionen mit Blasenbildung.
Therapie
Zur Therapie schwerer Fälle gibt es ein australisches Antiserum, CSL Box Jellyfish Antivenom. Wesentlich ist die Schmerzbehandlung, zu der auch Opioide benötigt werden. Die Nematozysten werden durch Essig inaktiviert.

Würfelqualle

Würfelquallen sind tödliche Gefahren des Indopazifik, z. B. an der australischen Küste. Der Stich der winzigen Würfelqualle Carukya barnesi und ähnlicher Spezies ist nur wenig schmerzhaft und hinterlässt nur ein Erythem.
Symptomatik
Die sytemische Wirkung setzt nach etwa 5–30 min ein und verursacht das Irukandji-Syndrom mit generalisiertem, heftigem Schmerz, manchmal auch mit Muskelkrämpfen, profusem Schwitzen, Agitiertheit, Angina pectoris und einem Syndrom wie nach α-adrenergem Exzess mit hypertensiver Entgleisung, Lungenödem, Bradykardie, Tako-Tsubo-Sydrom. Tod durch Lungen- oder Hirnödem.
Therapie
Positive Einzelerfahrung mit Essig zur Tentakelenfernung.

Stachelhäuter

Unter den marinen Stachelhäutern, Echinodermata, d. h. Seeigel, Seegurken und Seesterne, gibt es Spezies, deren Dornen/Stacheln giftbewehrt sind.

Symtomatik

Die Gifte verursachen Schmerzen, deren Intensität über die des Stichs an sich hinausgehen. Einzelne Seegurkenspezies verspritzen zur Feindabwehr aus speziellen Organen Holothurine, glykosidische Gifte, die lokal stark reizen, neurotoxisch und kardiotoxisch sind.

Therapie

Heißwasserbehandlung (s. Abschn. Heißwasserbehandlung), Analgetika. Wichtig ist zu versuchen, Stachelreste so weit als möglich aus der Haut zu entfernen. Für die selten vorkommenden systemischen, neuro- und kardiotoxischen Giftwirkungen sind keine spezifischen Therapien bekannt. Bei relevanter Kardiotoxizität kann aber bei Vorliegen entsprechender Symptome (Bradykardie, Hyperkaliämie, Rückbildungsstörungen) der wegen der chemisch-strukturellen Äjnlichkeit zu Digitalisglykosiden die Anwendung von Digitalis-Antidot erwogen werden.

Schnecken

Tropische Kegelschnecken der Gattung Conus haben einen harpunenartigen Giftapparat, mit dem sie Neurotoxine in ihre Beute injizieren. Vergiftungen von Menschen sind bei Muschelsammlern beschrieben. Der Stich ist meistens speziesabhängig schmerzhaft.

Symptomatik

Eine sensomotrische Paralyse entwickelt sich ausgehend von der Stichstelle und hält bis 2 Tage an. Todesfälle sind beschrieben.

Therapie

Keine spezifische Therapie bekannt.
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