Im Rahmen einer
Allgemeinanästhesie kann es durch Ventilations-, Diffusions- und Perfusionsstörungen zu einer Einschränkung der Oxygenierung kommen. Primäres Ziel der
maschinellen Beatmung ist in diesem Fall der Ausgleich des reduzierten O
2-Angebots bzw. -gehalts. Ventilationsstörungen müssen durch differenzierte Beatmungstherapie zur Verbesserung des alveolären Gasaustausches behandelt werden. Komplette
Atelektasen ausgenommen, steigt der P
AO
2 jedoch auch bei Ventilationsstörungen durch die Anwendung höherer O
2-Konzentrationen, d. h. einer höheren inspiratorischen O
2-Fraktion
(FIO2). Aus pathophysiologischer Sicht ist dies zwar keine kausale Therapie, doch ist sie in der Praxis meist erfolgreich und häufig notwendig. Die Erhöhung der FIO2 steigert den PAO2, reduziert die venöse Beimischung aus hypoventilierten Arealen und verhindert, dass geringfügige Störungen der Lungenfunktion oder des Beatmungssystems zu einem Abfall der arteriellen O2-Sättigung führen.
Aktuell wird die exakte Höhe der inspiratorischen O
2-Fraktion kontrovers diskutiert. Während die World Health Organization (WHO) Ende 2016 eine Empfehlung zur Anwendung einer intraoperativen F
IO
2 von 0,8 für alle intubierten Patienten unter
Allgemeinanästhesie veröffentlich hat (Allegranzi et al.
2016), empfiehlt die World Federation of Societies of Anesthesiologists (WFSA) weiterhin die Reduktion der intraoperativen F
IO
2 auf 0,3–0,4 % und die postoperative Anwendung der niedrigsten inspiratorischen O
2-Konzentration, mit der eine peripher gemessene O
2-Sättigung > 93 % aufrecht erhalten werden kann (Mellin-Olsen et al.
2017). In der Tat existiert derzeit keine sichere Evidenz, die periphere O
2-Sättigungen > 96 % rechtfertigen würde. Grundlage dieser Diskussion sind konträre Effekte einer hohen inspiratorischen O
2-Fraktion. Zum einen gibt es Hinweise dafür, dass eine hohe F
IO
2 (z. B. 0,8) die Raten von
postoperativen Wundinfektionen reduzieren könnte, während Vorteile im Sinne einer reduzierten Gesamtmortalität bisher nicht sicher belegt werden konnten. Zum anderen können höhere O
2-Konzentrationen negative Auswirkungen haben, da diese verbunden sind mit einer tracheobronchialen Irritation, einer vermehrten Bildung von
Atelektasen und reaktiven Sauerstoffspezies (ROS), Aktivierung von neutrophilen Granulozyten und einer erhöhten venösen Beimischung (Shunt).
Die Erhöhung der F
IO
2 auf 0,8–1,0 für die Präoxygenierung und die Phase der Narkoseausleitung ist hingegen unstrittig. Eine F
IO
2 < 0,3 kann v. a. bei älteren und pulmonal vorerkrankten Patienten die arterielle Oxygenierung deutlich einschränken (Dueck et al.
1980).
Resorptionsatelektasen
Die konsequente Anwendung einer hohen F
IO
2 führt zum Auswaschen von Stickstoff aus den Atemwegen und Alveolen, sodass diese u. U. allein von Sauerstoff gefüllt sind. Während dieser Effekt im Rahmen der Präoxygenierung vor Narkoseeinleitung erwünscht ist, kann er eine vermehrte Bildung von
Atelektasen zur Folge haben. Hintergrund ist die schnelle Resorption des alveolären Sauerstoffs aus Alveolen mit guter perialveolärer Perfusion, die in Abwesenheit anderer Atemgase zu einem Kollaps der entsprechenden Alveolen bzw. Lungenareale führt. Dieses Phänomen wird als Resorptionsatelektasen
bezeichnet.
Die Durchführung der Präoxygenierung mit einer reduzierten F
IO
2 von 0,8 (statt 1,0) verkürzt die Apnoetoleranzzeit nur geringfügig, während Resorptionsatelektasen effizient verhindert werden (Hedenstierna et al.
2000).
Allerdings haben eine sichere Narkoseeinleitung und -ausleitung gegenüber der Vermeidung von Resorptionsatelektasen die höchste Priorität, sodass hierfür regelhaft eine temporäre FIO2 von 1,0 einzustellen ist.
Sauerstofftoxizität
Die Zufuhr hoher inspiratorischer O
2-Konzentrationen (> 60–100 %) über einen langen Zeitraum (Tage bis Wochen) kann ungünstige Auswirkungen auf Lunge und
Atmung haben. Zugrunde liegende Mechanismen sind die vermehrte Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) und die damit verbundene Aktivierung neutrophiler Granulozyten, die eine Entzündungsreaktion in der Lunge hervorrufen können.
Weitere mögliche Folgen einer hohen F
IO
2:
-
pulmonale Vasodilatation mit Störungen der Ventilations-Perfusions-Verteilung,
-
Zunahme des intrapulmonalen Shunts,
-
akute Tracheobronchitis,
-
Beeinträchtigung der mukoziliären Clearance,
-
diffuse alveoläre Schädigung,
ARDS,
-
Dämpfung des Atemantriebs.
Eine klare Grenze für lungenschädigende Effekte der O
2-Konzentration lässt sich derzeit jedoch nicht ziehen. Oberhalb einer O
2-Konzentration von 60 % scheint die Toxizität exponentiell zuzunehmen. Unterhalb 60 % ist eine toxische Wirkung insbesondere bei vorgeschädigten Lungen nicht ausgeschlossen, in der Regel aber auch bei wochenlanger
Beatmung nicht nachweisbar. Eine klinisch übliche inspiratorische O
2-Konzentration von 30–40 % wird daher unter Narkosebedingungen keine wesentliche pulmonale Schädigung hervorrufen.
Das Maß für die inspiratorische O2-Konzentration ist die ausreichende Oxygenierung. Die Sorge um mögliche Schäden durch hohe inspiratorische O2-Konzentrationen ist zweitrangig.
Die Überwachung von Beatmungsfunktionen und inspiratorischen Gaskonzentrationen,
Pulsoxymetrie und arterielle Blutgaskontrollen ermöglichen es, die inspiratorische O
2-Konzentration eng an die untere Grenze des Bedarfs anzupassen. Rein technisch könnte daher das Dogma, nicht weniger als 30 % Sauerstoff zur
Beatmung während der Narkose zu benutzen, durchbrochen werden. Physiologisch sinnvoll ist die niedrigste inspiratorische O
2-Konzentration, die gerade eine normale Oxygenierung (p
aO
2 70–100 mmHg, bei kritisch kranken Patienten p
aO
2 100 mmHg) bewirkt. In der klinischen Praxis ist hingegen eine Routine mit Sicherheitsreserve sinnvoller als das Austitrieren der niedrigsten tolerablen O
2-Konzentration. Für kritische Phasen und Phasen mit Apnoerisiko (Einleitung, Intubation,
Einlungenventilation,
Extubation) ist eine temporäre F
IO
2 von 1,0 gerechtfertigt. Um Resorptionsatelektasen zu vermeiden, kann bei sicheren Gesamtsituationen in diesen Phasen die O
2-Konzentration aber auch reduziert werden (z. B. 80 %).