Statine
Statine
inhibieren die HMG-CoA-Reduktase als Schlüsselenzym der Cholesterinbiosynthese und führen zu einer reduzierten intrazellulären Cholesterinverfügbarkeit, wodurch eine gesteigerte hepatische Expression des LDL-Rezeptors bedingt wird und eine Senkung des zirkulierenden LDL-C resultiert. Ob zusätzliche, von der LDL-C-Reduktion unabhängige, antiinflammatorische Wirkungen der Statine bestehen, wird weiterhin diskutiert.
Ein Vielzahl von Endpunktstudien konnten zeigen, dass die statinvermittelte Senkung des LDL-C mit einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos einhergeht.
Dies bestätigt sich gleichermaßen in placebokontrollieren Studien als auch dosisabhängig. In einer
Metaanalyse von 26 kardiovaskulären Endpunktstudien zur Statintherapie (>170.000 Patienten) führte eine Senkung des LDL-C um 1 mmol/L (40 mg/dl) über einen Zeitraum von 5 Jahren zu einer 22 %igen Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse, einer 20 % niedrigeren kardiovaskulären Mortalität, 17 % weniger Schlaganfällen und einer 10 % niedrigeren Gesamtmortalität (Cholesterol Treatment Trialists, C
2010). Diese Wirkung bestand konsistent bei Männern und Frauen, Patienten mit und ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen, mit und ohne
Diabetes sowie jüngeren und älteren Patienten (>75 Jahre). Relevante Nebenwirkungen traten nicht auf. Es benötigte 12 Monate nach Therapiebeginn, bis eine Separation der Ereigniskurven zu verzeichnen war, der kardiovaskuläre Nutzen blieb in Nachanalysen langfristig bestehen (Mach et al.
2020).
Welchen Nutzen der einzelne Patient aus einer Statintherapie zieht, hängt von der Höhe des Ausgangs-LDL-C und dem individuellen kardiovaskulären Risiko ab.
Entsprechend müssen weniger Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen behandelt werden, um ein Ereignis zu vermeiden („number needed to treat“, NNT), als dies in der Primärprävention der Fall ist. Dies wird in der risikoadaptierten Definition der LDL-C-Zielwerte berücksichtigt. Für Patienten mit
Herzinsuffizienz (HFrEF) oder terminaler
Niereninsuffizienz ließ sich kein Nutzen einer Statintherapie nachweisen, was vermutlich Ausdruck konkurrierender Todesursachen ist (Mach et al.
2020).
Während hochpotente Statine wie
Atorvastatin und Rosuvastatin das LDL-C >50 % senken, führen moderat wirksame Statine wie Simvastatin zu einer LDL-C-Reduktion um etwa 30–50 %.
Die triglyzeridsenkende Wirkung der Statine ist mit 10–20 % gering. In einigen Studien ließ sich eine geringe Erhöhung des HDL-C beobachten. Eine Beeinflussung der Lp(a)-Konzentration besteht nicht (Mach et al.
2020).
An unerwünschte Wirkungen der Statintherapie treten insbesondere muskuläre Beschwerden auf, die zumeist als Muskelkater-ähnliche Symptome beschrieben und von bis zu 10 % der Patienten unter einer Statintherapie beklagt werden. Dies geht zumeist ohne eine Erhöhung der
Kreatinkinase einher, kann als Maximalvariante jedoch zu einer Rhabdomyolyse führen, die mit einer Häufigkeit von 1–3 Fällen/100.000 Patientenjahre beschrieben wird. Muskuläre Beschwerden sollten zu einer Behandlungspause mit Wechsel des Präparates unter einschleichender, ggf. alternierender Reexposition führen. Es gelingt häufig trotz initialer Beschwerden, eine modifizierte Statintherapie mit individueller Dosierung für den jeweiligen Patienten zu erarbeiten (Mach et al.
2020).
Selten kommt es unter einer Statintherapie zu einem Anstieg der Leberwerte, was temporär bis zu einem 3-Fachen der Norm toleriert werden kann. Eine routinemäßige Bestimmung der Leberwerte wird nicht mehr empfohlen. Die statinassoziierte Diabetesinzidenz wird mit 1:255 über 4 Jahre angegeben und liegt deutlich unter dem erzielten CV-Nutzen (Mach et al.
2020).
Die verfügbaren Statinpräparate weisen unterschiedliche Metabolisierungswege auf, wobei insbesondere Zytochrom P450 3A4 von Relevanz ist.
Cave
Eine Kombination von Statinen mit Gemfibrozil ist kontraindiziert, während das Myopathierisiko durch eine Kombination mit anderen Fibraten nur gering erhöht ist.
Auf eine Interaktion mit anderen Medikamenten wie
Amiodaron, Cyclophosphamid, Makrolide, Ranolazin, Verapamil, Azol-Antimikotika und HIV-Therapeutika sowie Grapefruitsaft muss geachtet werden (Mach et al.
2020).
Ezetimib
Ezetimib hemmt durch Interaktion mit dem Niemann-Pick-C1-like-Protein 1 (NPC1L1) die intestinale Cholesterinabsorption. Die hierdurch verminderte hepatische Cholesterinversorgung führt über eine gesteigerte LDL-Rezeptorexpression zu einer Senkung des LDL-C.
In einer Standarddosierung von 10 mg führt die Gabe von Ezetimib zu einer Senkung des LDL-C um 15–20 %, welche
additiv zu einer bestehenden Therapie mit Statinen, PCSK9-Inhibitoren oder Bempedoinsäure auftritt.
Die Therapie mit Ezetimib geht zudem mit einer geringen Senkung der
Triglyzeride (−10 %) und Steigerung des HDL-C (+3 %) ohne Wirkung auf das Lp(a) einer. In der IMPROVE-IT-Studie bewirkte die Gabe von Ezetimib bei 18.144 Patienten nach akutem Koronarsyndrom eine zusätzliche Senkung des LDL-C von 70 mg/dl auf 55 mg/dl, wodurch eine signifikante Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse um 9 % erreicht wurde (Cannon et al.
2015). Selten treten unter Ezetimib ähnliche muskuläre Beschwerden wie unter einer Statintherapie auf. Des Weiteren sind Durchfälle als mögliche Nebenwirkung beschrieben.
Proproteinkonvertase Subtilisin/Kexin Typ 9 (PCSK9) bindet an den LDL-Rezeptor und begünstigt dessen lysosomalen Abbau, wodurch ein Recycling des Rezeptors nach zellulärer Endozytose verhindert wird und dieser für eine erneute Bindung eines LDL-Partikels nicht mehr zur Verfügung steht. Im Gegenzug führt eine Inhibition des PCSK9 zu einem verbesserten Recycling des LDL-Rezeptors und erhöht die hepatische LDL-Rezeptordichte mit Absenkung des LDL-C. Verschiedene Strategien der PCSK9-Inhibition machen sich dies zunutze.
Die monoklonalen
Antikörper Alirocumab und Evolocumab binden zirkulierendes PCSK9 und erhöhen hierdurch die Verfügbarkeit des LDL-R, wodurch eine zusätzliche Reduktion des LDL-C um etwa 60 % gelingt. Dies geht mit einer Senkung der
Triglyzeride und des Lp(a) um jeweils 20–30 % einher, während das HDL-C um 5–10 % ansteigt.
Beide Substanzen (Alirocumab und Evolocumab) sind alle 2–4 Wochen subkutan zu injizieren.
Sowohl in der FOURIER-Studie (Verwendung von Evolocumab) als auch in der ODYSSEY-Outcome-Studie (Verwendung von Alirocumab) ließ sich die erwartete Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse in Abhängigkeit der erreichten LDL-C-Senkung durch die PCSK9-Inhibition nachweisen (Sabatine et al.
2017; Schwartz et al.
2018). In der FOURIER-Studie wurden 27.564 Patienten mit stabiler atherosklerotischer Gefäßerkrankung mit Evolocumab oder Placebo zusätzlich zu einer Statintherapie behandelt (Sabatine et al.
2017). Während einer mittleren Nachbeobachtung von 2,2 Jahren bewirkte die PCSK9-Inhibition eine Absenkung des LDL-C von 92 mg/dl auf 30 mg/dl, was mit einer 15-%-Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse (HR: 0,85; 95 % CI: 0,79–0,92) einherging. In der ODYSSEY-Outcome-Studie wurden 18.924 Patienten nach akutem Koronarsyndrom mit Alirocumab oder Placebo als Ergänzung zu einer maximalen Statintherapie behandelt (Schwartz et al.
2018). Während einer Nachbeobachtung von 2,8 Jahren führte die PCSK9-Inhibition zu einer Senkung des LDL-C von 92 mg/dl auf 48 mg/dl, was mit einer 15-%-Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse einherging. Beide
Antikörper sind gut verträglich. Als häufigste Nebenwirkung treten Reaktionen im Bereich der Injektionsstelle auf. Des Weiteren bestehen gelegentlich grippale Symptome nach der Injektion.
Als alternative Strategie kann die Synthese von PCSK9 durch eine
siRNA (Inclisiran) gehemmt werden, die eine zusätzliche Reduktion des LDL-C um 50 % erreicht (Ray et al.
2020). Bei der Verwendung der siRNA verlängert sich das Injektionsintervall auf 6 Monate, was sich günstig auf die
Compliance auswirken sollte.
Cave
Die hohen Kosten der PCSK9-Inhibition haben in Deutschland zu einer Verordnungseinschränkung geführt, sodass die Gabe als Alternative zur Lipidapherese gestattet ist.
Als neuer Therapieansatz wird die Inhibition von Angiopoietin-like-Protein 3 (ANGPTL3) durch einen monoklonen
Antikörper erreicht. ANGPTL3 inhibieren die
Lipoproteinlipase, sodass eine LDL-R-unabhängige Reduktion des LDL-C um zusätzliche 50 % auftritt, wovon insbesondere Patienten mit homozygoter familiärer
Hypercholesterinämie profitieren (Rosenson et al.
2020).
Weitere Möglichkeitkeiten der LDL-C-Senkung sind die Inhibition des MTP (Microsomal Transfer Protein) mit Lomitapide sowie eine
siRNA gegen ApoB100. Beide Therapien konnten sich bei Induktion einer Steatosis hepatis sowie gastrointestinalen Nebenwirkungen nicht durchsetzen.