Morpheus ist bekanntlich der Gott der
Träume und des
Schlafes, weshalb das wohl bekannteste Opioid, das Morphin, nach ihm benannt wurde. Schon in der Antike fanden die
Alkaloide des Schlafmohn-Pflanzensaftes therapeutische Anwendung, wobei neben der Schmerzhemmung auch die Nebeneffekte der Entspannung und des Wohlbefindens bereits eine Rolle spielten.
Eigenschaften der Opioide
Opioide wirken stark schmerzlindernd, auch sedierend und euphorisierend. Ihr Nebenwirkungsprofil auf die körperlichen Funktionen ist wenig ausgeprägt und stets reversibel. Als wichtigste Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Atemdepression und
Obstipation zu nennen. Bei langdauernder Therapie sollten allerdings auch weniger bekannte Nebenwirkungen wie Depression, Libidoverlust und
erektile Dysfunktion beachtet werden.
Nach wie vor und immer häufiger und heftiger wird die Abhängigkeitsproblematik der Substanzen diskutiert. Da außerdem 70 % der tödlichen Medikamentenüberdosierungen
Opiate betreffen, muss vor Beginn einer Therapie mit
Opioiden stets kritisch die korrekte Indikationsstellung überprüft werden. Faktoren für einen Opioid-Missbrauch bis hin zur (tödlichen) Überdosierung sind vorbekannte Neigungen des Patienten zu Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, aber auch eine unkritische Verordnung durch den Arzt. In der Literatur findet sich kein Todesfall, der durch die korrekte Anwendung von Opioiden verursacht wäre (Zenz
2011).
Voraussetzung für die Wirkung aller
Opioide ist die Penetration der Blut-Hirn-Schranke. Bei intravenöser Gabe fluten die Substanzen im fettreichen Gehirn besonders schnell an, was nur bei intra- oder direkt postoperativem Einsatz eine Rolle spielt. In der
Schmerztherapie hat diese rasche Anflutung keine therapeutische Bedeutung, ist aber auf der anderen Seite maßgeblich für das Suchtpotenzial der Wirkstoffe verantwortlich.
Ist die Zeit des Übergangs zwischen Blut und Gehirn sehr lang, wie z. B. beim Morphin, können die unerwünschten Nebenwirkungen lange anhalten. Eine Atemdepression kann deshalb auch noch Stunden nach wiederholten Injektionen auftreten. Als Beispiel für eine besonders schlechte Steuerbarkeit sei hier die
Eliminationshalbwertszeit von
Methadon genannt, die bis zu 80 h beträgt. Wiederholte Gaben würden also immer auf noch vorhandenen Wirkstoff aufsatteln, die Nebenwirkungen verstärken und über Tage anhalten lassen, weshalb diese Substanz auch in der Schmerztherapie keine Rolle mehr spielt.
Alle
Opioide haben zentralnervöse Nebenwirkungen und auch periphere unerwünschte Wirkungen, die abhängig von der Substanz und Dosis auftreten und im Einzelfall eine Dosisreduktion oder einen Wechsel des Medikaments erforderlich machen. Unbedingt muss im Rahmen einer sorgfältigen Medikamentenanamnese erfragt werden, ob andere psychotrope Substanzen (
Benzodiazepine, Sedativa, Psychostimulanzien, Alkohol) regelmäßig eingenommen werden.
Patienten mit bekannter Suchtanamnese und Patienten mit nicht klar einem somatischen Leiden zuordenbaren Schmerzen oder unerklärlich starken Schmerzen sollten ohne interdisziplinäre Abklärung und spezielle schmerztherapeutische Kompetenz des behandelnden Arztes erst gar keine
Opioide erhalten. Des Weiteren sind Schmerzzustände, die kurzfristig oder lediglich belastungsabhängig auftreten, nur im Einzelfall mit Opioiden zu behandeln.
Empfehlungen für die Langzeittherapie
Die Deutsche Schmerzgesellschaft hat federführend gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften Empfehlungen für die Langzeittherapie chronischer, nicht tumorbedingter Schmerzen mit
Opioiden (LONTS
2015) herausgegeben: Opioide können neben dem kurzfristigen Einsatz in der
postoperativen Schmerztherapie somit als Therapieoption im orthopädisch-traumatologischen Spektrum angeboten werden bei
Andere Schmerzformen, z. B. neuropathische Schmerzen, sprechen dagegen weniger gut auf
Opioide an. Falsch wäre es, als Folge der ungenügenden Wirkung die Dosis zu erhöhen. Hier ist das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung groß. Auf der anderen Seite benötigen Opioide nicht selten einige Tage, bis sie ihre maximale Wirkung erzielen. Bei Behandlung von Arthroseschmerz sind hohe Drop-out-Raten bekannt, schwache und retardierte Substanzen werden wohl am besten vertragen.
Patienten sollten vor einer Opioidtherapie über die wesentlichen Wirkungen und Nebenwirkungen aufgeklärt werden:
Die 5 „By“-Regeln
Für den Einsatz der Substanzen haben sich Regeln etabliert, die nicht nur in der Tumortherapie, sondern auch bei anderen Formen
chronischer Schmerzen sinnvoll sind:
By the ladder: Nach dem Stufenschema der WHO, also zunächst Einsatz von NSAR, dann NSAR plus schwache, dann plus starke
Opioide By the mouth: Orale Applikationen (alternativ transdermale) gegenüber schnell anflutenden (i.v.) Applikationen bevorzugen
By the clock: Ist die Wirkung nicht adäquat, wird die Dosis erhöht, nicht das Applikationsintervall
By the patient: Individualisierung der Gabe durch die vorbestehenden Bedürfnisse des Patienten
By the drug: Beachtung des Wirk- und Nebenwirkungsprofils der Substanzen in Bezug auf den Patienten mit seinen Komorbiditäten
Da fast alle
Opioide (bis auf
Methadon) kurze
Halbwertszeiten haben (2–4 h), bietet sich bei längerfristiger Gabe ein Retard-Präparat oder eine transdermale Matrixpflaster-Anwendung an. In der postoperativen Situation sollten subkutane Injektionen, keine intravenösen Gaben erfolgen.
Opioide und Wirksamkeit
Die folgende Aufzählung gibt einen Überblick der
Opioide nach Wirksamkeit mit Handelsnamen (Beispiele).
Antagonistisch wirken folgende Substanzen:
Partielle Opioidrezeptor-Antagonisten
:
Opioidrezeptor-Antagonisten:
Die Wirkstärke der einzelnen Substanzen wird als analgetische Potenz
bezeichnet und in Relation zur Wirkstärke von Morphin angegeben (Tab. 1).Tab. 1Wirkstärke der gängigen Stufe-3-Opioide in Relation zu Morphin
| 30 | Transdermale Applikation, keine Atemdepression, gut bei Niereninsuffizienz, schwer antagonisierbar in hohen Dosen |
Fentanyl | 50–100 | Transdermale und parenterale Applikation, hochpotent |
| 5–10 | Hydrophil, geringe Lebermetabolisierung, auch bei Leber- und Niereninsuffizienz, besonders bei chronischer Tumorschmerztherapie |
Levomethadon | 4 | Lange Wirkdauer und Halbwertszeit, lange Opioidrezeptor-Bindung, Substitutionstherapie, schwer antagonisierbar |
| 2 | |
Morphin | 1 | Neurotoxischer Metabolit M3G, hydrophil |
| 0,1–0,3 | Lang wirksamer Metabolit Norpethidin; cave: Atemdepression |
Piritramid | 0,7 | Nur parenteral verfügbar |
Tapentadol | 0,3–0,5 | Wenig Morphin-Nebenwirkungen, unklare Wirkung bei Tumorschmerz |
Pflasterapplikation
Fentanyl (z. B. Durogesic SMAT®) und
Buprenorphin (z. B. Transtec®) sind als Matrixpflaster verfügbar, unterliegen allerdings der
Betäubungsmittelverordnung. Großer Vorteil ist die konstante Abgabe des Wirkstoffes, je nach Präparat über 72 h bis zu 168 h. Weiterer Vorteil der Pflasterapplikation ist die Anwendbarkeit unabhängig von intestinalen Passageproblemen und Schluckstörungen. Pflaster können bei Compliance-Problemen durch Dritte angewendet werden.
Obstipation und Erbrechen sind seltener, auch bei
Niereninsuffizienz muss keine Dosisanpassung erfolgen.
Nachteile sind neben dem eher verzögerten Wirkeintritt die auch nach dem Entfernen des Pflasters noch anhaltende Wirkung, die Dosisfindung ist somit erschwert. Bei
Fieber, Anwendung von Wärme (z. B. Wärmedecke, Heizkissen), Rasur, lokalen Entzündungen an der Haut ist die Resorption ggf. beschleunigt. Cave: Die transdermale Gabe ist also nicht „harmlos“!