In Deutschland leiden etwa 9 % aller Menschen über 65 Jahre unter einer
Demenz. Fast alle dementen Patienten über 65 weisen im Gehirn Alzheimer-Plaques und Neurofibrillen auf; die meisten zeigen zusätzlich vaskuläre Hirnveränderungen. Die Alzheimer-Pathologie ist damit die häufigste Demenzursache gefolgt von Mikro- und Makroangiopathie. Die
gemischte Demenz ist im höheren Lebensalter die häufigste Demenzform, wenngleich bei vielen Patienten entweder die neurodegenerativen Alzheimer- oder die vaskulären Hirnveränderungen im Vordergrund stehen können. Bei jüngeren Patienten finden sich einzelne neurodegenerative und vaskuläre Erkrankungen häufiger in Reinform. Kennzeichnend für die Alzheimer-Demenz
(AD) sind der schleichende Beginn und die langsame Zunahme verschiedener neuropsychologischer Defizite, insbesondere von Merkfähigkeits- und Orientierungsstörungen. Die Unterteilung der AD in eine präsenile Form (Beginn vor dem 65. Lebensjahr) und eine senile Form (Beginn nach dem 65. Lebensjahr) stellt eine klinische Konvention dar. Weit weniger als 1 % aller Patienten mit AD leiden unter einer autosomal-dominanten Erkrankung. Risikofaktoren der sporadischen Alzheimer und gemischten Demenzen sind z. B. Alter, weibliches Geschlecht (höhere Lebenserwartung), der Apolipoprotein-E4-Polymorphismus, depressive Erkrankungen, Bewegungsmangel, Übergewicht und insgesamt eine höhere somatische Morbidität. Neben der AD und den vaskulären Demenzformen werden in diesem Kapitel Frontallappendegenerationen (Morbus Pick), Demenzen bei vorwiegend subkortikalen Degenerationen (Demenz bei idiopathischem Parkinson-Syndrom, Huntington-Chorea, progressive supranukleäre Paralyse, Demenz bei Multisystematrophien) und sekundäre Demenzen z. B. nach zerebraler Hypoxie und rezidivierender Hypoxie erwähnt.
ApoE wird in der Leber und im Gehirn gebildet und spielt für die Bereitstellung von Lipiden für Gewebsreparaturprozesse eine wichtige Rolle. ApoE wird auf
Chromosom 19 kodiert und weist einen genetischen
Polymorphismus auf. Bekannt sind 3 Varianten: ApoE2, ApoE3 und ApoE4. Ein ApoE4-Allel findet sich bei 20–30 % der Bevölkerung, jedoch bei mehr als 50 % aller Patienten mit AD. Damit scheint ApoE4 ein genetischer Risikofaktor für eine AD zu sein, wobei das Vorhandensein eines ɛ4-Allels jedoch weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für das Auftreten einer AD ist. Das relative Risiko, an AD zu erkranken, ist für ɛ4-Heterozygote um das 2- bis 3-Fache und für ɛ4-Homozygote um mehr als das 10-Fache erhöht. ApoE4 ist jedoch auch ein Risikofaktor für eine
Arteriosklerose, für die
koronare Herzerkrankung und für
vaskuläre Demenzen. Eine ApoE-Typisierung ist für eine prädiktive AD-Diagnostik ungeeignet. Neben
APOE wurden mehr als drei Dutzend andere Polymorphismen mit jeweils geringer Risikoerhöhung für AD beschrieben
Ein weiterer Risikofaktor für das Auftreten einer AD ist eine demenzielle oder neurodegenerative Erkrankung bei Angehörigen. Das Vorhandensein einer schweren neurodegenerativen Erkrankung bei einem Angehörigen ersten Grades, insbesondere einer Erkrankung mit frühem Beginn, ist mit einem bis zu 3-fach erhöhten AD-Risiko assoziiert.
Des Weiteren tragen schwerere Schädel-Hirn-Traumen zu einer Erhöhung des AD-Risikos auf ca. das 1,5- bis 2-Fache bei.
Neben genetischen Einflüssen und direkten traumatischen Hirnschädigungen können auch psychosoziale Variablen zu einer Risikoerhöhung führen. Eine geringe Schulbildung erhöht das Risiko, an einer AD zu erkranken. Die
Prävalenz liegt bei Personen mit einer Schulbildung unter 4 Jahren gegenüber Personen mit einer Schulbildung von mehr als 10 Jahren bis zum 4-Fachen höher. Neben einer größeren kognitiven Reservekapazität der besser Gebildeten, die womöglich eine verzögerte Manifestation der Demenzsymptomatik bewirkt, können auch bildungsbezogene Unterschiede in der Lebensführung (Ernährung, Medikamentengebrauch usw.) für diese Risikodifferenzen verantwortlich sein. Verminderte psychosoziale Aktivität im mittleren Lebensalter scheint das Risiko für eine spätere AD deutlich zu erhöhen.
In den letzten Jahren haben sich die Hinweise auf Zusammenhänge zwischen vaskulären Risikofaktoren und AD verdichtet.
Hypertonie, Dyslipidämie,
Diabetes,
Adipositas und
Rauchen im mittleren Lebensalter verdoppeln jeweils das Risiko einer späteren
Demenz. Im höheren Lebensalter sind die Zusammenhänge zwischen diesen Risikofaktoren und AD hingegen weniger eng. Verschiedene Wirkstoffgruppen wurden in Beobachtungsstudien mit einer Reduktion des AD-Risikos in Verbindung gebracht.
Metaanalysen der gegenwärtig verfügbaren empirischen Daten bieten jedoch nur wenige Anhaltspunkte für einen protektiven Effekt. Von einzelnen Studien mit positiven Resultaten abgesehen, ergaben sich in der Gesamtbewertung keine klaren Belege für die präventive Wirksamkeit einer Hypertoniebehandlung, der Gabe von Statinen, einer Behandlung mit
nichtsteroidalen Antiphlogistika, der Einnahme von
Folsäure, Vitamin B
6 und B
12 oder einer Substitution von Antioxidanzien. Einige Studien zeigen ein häufigeres Vorkommen der AD bei Frauen, auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenserwartung. Inwieweit dies Ausdruck hormonaler Unterschiede ist, ist unklar. Hoffnungen, die in die Substitution von
Östrogenen gesetzt worden waren, haben sich nicht erfüllt. Begleitet von einer Reihe anderer unerwünschter Nebenwirkungen stieg vielmehr das Demenzrisiko unter Gabe von Östrogenen sogar an. Kontrollierte Studien unter Verwendung von
Antidementiva konnten ebenfalls keinen deutlichen präventiven Effekt nachweisen. Weder Acetylcholinesterasehemmer noch Präparate wie Ginkgo-Extrakte reduzierten die Neuerkrankungsraten an Demenz.
Vielversprechend hingegen sind die Resultate zur Wirksamkeit von Aktivität und gesunder Ernährung. Geistige Aktivitäten wie das Lösen von Kreuzworträtseln, Schachspielen oder Lesen scheinen die kognitive Reserve zu erhöhen und damit das Auftreten von
Demenzen verzögern zu können. Körperliche Aktivität scheint imstande zu sein, das AD-Risiko fast um die Hälfte zu verringern. Zugrunde liegende Mechanismen könnten in einer erhöhten Sauerstoffaufnahme und Glukoseutilisation sowie in der gesteigerten Expression von neutrophen Faktoren bestehen. Eine sog. mediterrane Diät, die durch einen hohen Anteil von Gemüse, Obst und Getreide, durch häufigere Fischmahlzeiten, einen geringeren Verzehr von Fleisch sowie durch regelmäßigen, aber maßvollen Weinkonsum zu den Mahlzeiten gekennzeichnet ist, reduziert anscheinend nicht nur das kardiovaskuläre Risiko, sondern auch die Inzidenz von AD und von kognitiven Beeinträchtigungen im Alter.
Klinik
Für das Entstehen einer irreversiblen
Demenz durch langjährige Einnahme von
Anticholinergika gibt es jedoch keine überzeugenden Hinweise.
Dauert es länger als ein Jahr, bis nach Beginn der motorischen Parkinson-Symptomatik kognitive Störungen auftreten, so spricht man von einer Parkinson-Demenz. Treten die kognitiven Probleme innerhalb des ersten Jahres auf oder vor den extrapyramidalmotorischen Symptomen, so handelt es sich um eine
Demenz mit Lewy-Körperchen.
Normaldruckhydrozephalus
Paul M., 74 Jahre, Arzt für Anästhesiologie, zieht sich seit einem Jahr immer mehr zurück. Die Vorstellung erfolgt nun auf Initiative seiner Ehefrau, die ihn für depressiv hält. Bei der Untersuchung gibt er an, keine wirklichen Probleme zu haben; aus seiner Sicht sei alles in Ordnung. Er wirkt dabei verlangsamt und gleichgültig. Sprechen und Schreiben sind unbeeinträchtigt. Der Gang ist kleinschrittig, etwas unsicher und lässt an ein Parkinson-Syndrom mit allerdings auffälliger Beinbetonung denken. Die kurze kognitive Testung mit dem MMST ergibt 17 von optimal 30 Punkten (damit wird die Grenze zum
Demenzsyndrom von 25 Punkten deutlich unterschritten).
Ehe apparative Untersuchungen beantragt werden dürfen, müssen die Assistenten in dieser Klinik die Patienten dem zuständigen Oberarzt vorstellen. Die Verdachtsdiagnose lautet AD. Rückzug, mangelnde Krankheitseinsicht werden als sekundäre Probleme aufgefasst. Nach Ansicht des Oberarztes passt die berichtete Parkinson-Symptomatik nicht zu dem vergleichsweise kurzen Verlauf einer AD und er untersucht den Patienten nochmals. Ihm fällt die Diskrepanz zwischen dem schlurfenden Gang und der lebhaften Mitbewegung der Arme auf. Er ist überzeugt, dass es sich um einen Normaldruckhydrozephalus handelt und fragt die Ehefrau, ob die Leistungsfähigkeit des Patienten starken Schwankungen unterworfen sei, was diese bestätigt. Auch die Frage nach einer zeitweiligen Harninkontinenz wird bejaht.
Ein MRT ergibt: (1) eine deutliche Aufweitung beider Seitenventrikel; (2) eine veränderte Signalintensität v. a. um die Vorderhörner (Polkappen, Liquortranssudation?); (3) keine Hinweise auf eine kortikale Hirnatrophie in den oberen Schichten, während die basalen Furchen aufgeweitet sind. Damit wird der oberärztliche Verdacht auf einen Normaldruckhydrozephalus durch die strukturelle Bildgebung bestätigt. Bei einer
Lumbalpunktion werden mehr als 50 ml Liquor abgelassen. In den nächsten Stunden gewinnt der Patient an Initiative zurück, wirkt frischer und geht mit deutlich größeren Schritten.
Nach neurochirurgischem Konsil wird mit Patient und Ehefrau die Anlage eines ventrikuloatrialen Shunts besprochen. Der Eingriff wird durchgeführt und führt prompt zu einem guten Erfolg. Der Patient ist mehrere Monate weitgehend ohne Beschwerden. Dann verschlechtert sich sein Zustand wieder: Apathie, beinbetontes Parkinsonoid, Harninkontinenz.
Eine Kontrolle des Shunts und eine Revision führen erneut zu einer gewissen Verbesserung, aber zu keiner Remission.
Die Neurochirurgen senden Liquor ins Labor und nach zwei Wochen trifft folgendes Ergebnis ein: β-Amyloid deutlich erniedrigt, Gesamt-Tau und Phospho-Tau deutlich erhöht; keine Veränderung zum Vorbefund. Jetzt fällt dem begabten, aber etwas zerstreuten Assistenzarzt ein, dass er der Diagnose des Oberarztes vor einigen Monaten zunächst nicht geglaubt und deshalb den Liquor bereits zur Bestimmung von Tau und β-Amyloid in Labor geschickt hatte.
Die Koinzidenz von Normaldruckhydrozephalus und Alzheimer-Neurodegeneration im Alter ist häufig. Der Verlauf zeigte, dass der Patient zunächst von der Anlage eines ventrikuloatrialen Shunts profitierte; der Eingriff war durch die typische Symptomatik, die strukturelle Bildgebung und den Erfolg der Liquorpunktion gerechtfertigt, ebenso wie jetzt die Einleitung einer geeigneten Behandlung gegen die AD gerechtfertigt ist.
Therapie der Alzheimer-Demenz
Rascher Wirkungseintritt und geringe akute Nebenwirkungen sind die Vorteile. Nachteile sind die Gefahr von Abhängigkeit, Stürzen und
Hirninfarkten.
Facharztfragen
1.
Was ist der Unterschied von „Alzheimer“ und „Demenz“?
2.
Nennen Sie einige reversible
Demenzen und ihre Charakteristika.
3.
Welche Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz – z. B. einer Alzheimer-Demenz – kennen Sie und welchen Stellenwert kann eine Entdeckung dieser Risikofaktoren bei Patienten mit manifester Erkrankung besitzen?
4.
Welche apparativen Untersuchungen schlagen Sie bei Verdacht auf eine Alzheimer-Demenz vor und was sind die erwarteten Ergebnisse?
5.
Was sind die Merkmale sog. frontotemporaler Lobärdegenerationen?
6.
Kennen Sie die klinischen Unterschiede zwischen Demenz bei
Morbus Parkinson und einer Demenz mit Lewy-Körperchen?
7.
Welche Arten der vaskulären Demenzursachen werden unterschieden?
8.
Welche Substanzen stehen derzeit zur symptomatischen Behandlung der Alzheimer-Demenz zur Verfügung und wie wirken sie?
9.
Welche kausalen Interventionen zur Behandlung neurodegenerativer Hirnerkrankungen werden derzeit entwickelt?
10.
Welche Interventionen bei vaskulären Demenzursachen werden aktuell empfohlen?